Wie leben die über 80-jährigen Österreicher:innen heute? Diese und weitere Fragen stellten sich auch die Verantwortlichen der aktuellen Österreichischen Interdisziplinären Hochaltrigenstudie (ÖIHS), die von der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) vom Jänner 2023 bis Dezember 2025 unter Leitung von Georg Ruppe und Andreas Stückler, mit finanzieller Unterstützung durch die Wiener Städtischen Versicherung, durchgeführt wurde.
"Die Lebensumstände und die Gesundheit von Menschen im hohen Alter sind enorm vielfältig und von unterschiedlichsten – durchaus auch beeinflussbaren – Faktoren abhängig. Gerade ab dem 80. Lebensjahr zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. 'Die Alten' gibt es nicht", so Studienleiter Ruppe.
Hohe Lebenserwartung trotz gesundheitlicher Hürden
Die Befragung offenbart eine bemerkenswerte Resilienz. 91 Prozent der Studienteilnehmer:innen sind demnach mit ihrer Lebenszufriedenheit "sehr" bzw. "eher" selbstgenügsam. "Die Lebensrealität hochaltriger Menschen ist vielfältiger als oft angenommen – Hochaltrigkeit bedeutet nicht automatisch Pflegebedürftigkeit. Die hohe Lebenszufriedenheit von 9 von 10 Befragten zeigt, wie stark – und wichtig – Anpassungs- und Kompensationsmechanismen im Alter sind", sagt Ruppe.
In österreichischen Privathaushalten nutzen derzeit etwa sieben Prozent der Befragten eine Heimhilfe und drei Prozent eine 24-Stunden-Betreuung. Für die Zukunft zeigt sich ein deutlicher Trend zur häuslichen Pflege: Während sich 44 Prozent eine Betreuung rund um die Uhr im eigenen Zuhause vorstellen können, ziehen lediglich 34 Prozent den Umzug in ein Pflegeheim in Betracht. "Frauen und Personen mit niedriger Bildung wechseln im hohen Alter häufiger in Pflegeheime. Ein wesentlicher Grund ist, dass Frauen öfter alleinstehend oder verwitwet sind und dadurch auf weniger familiäre Unterstützung zurückgreifen können", so der Studienleiter.
Hochaltrige Frauen leiden stärker
Der Bericht beleuchtet also auch die Schattenseiten. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Älterwerden in Österreich stark von sozialer Ungleichheit geprägt ist. Faktoren wie Bildung und Einkommen entscheiden maßgeblich über Gesundheit und Lebensumstände, wobei insbesondere Frauen ein höheres Armutsrisiko und mehr Einschränkungen tragen (LEADERSNET berichtete u.a. hier und hier). So besteht bei rund der Hälfte der Befragten Demenzverdacht – Frauen und Personen mit niedriger Bildung sind demnach häufiger betroffen.
Doch trotz gesundheitlicher Herausforderungen sei die psychische Situation überwiegend stabil. Über 80 Prozent leiden unter keiner Depression, rund drei Viertel fühlen sich nie einsam. Häufige Einsamkeit betrifft nur eine kleine Gruppe – vor allem gesundheitlich stark eingeschränkte, alleinlebende Personen sowie Pflegeheimbewohner. "Hochaltrige Frauen sind häufiger gebrechlich und multimorbid, was sich auch in einer geringeren Mobilität und Selbstständigkeit im Alltag niederschlägt", so Ruppe.
Die Auswirkungen sozialer Ungleichheit
Es besteht zudem eine deutliche Korrelation zwischen dem sozioökonomischen Status und der Gesundheit. Personen mit niedrigem Bildungsgrad sind überproportional oft von chronischen Krankheiten (59 % Multimorbidität) und Pflegebedürftigkeit betroffen. Des Weiteren lässt sich, wie bereits erwähnt, ein geschlechtsspezifischer Unterschied zulasten der Frauen feststellen. "Soziale Ungleichheit wirkt über den gesamten Lebenslauf, und wie uns die Hochaltrigenstudie sehr deutlich zeigt, spitzt sich dies im hohen Alter besonders zu", erklärt Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin der Wiener Städtischen Versicherung.
Armutsgefährdung im Alter
Trotz stabiler Finanzen bei der Mehrheit der österreichischen Hochaltrigen verschärft sich die soziale Schere: 62 Prozent der Haushalte haben monatlich über 2.000 Euro zur Verfügung, während gut 20 Prozent unter der 1.600-Euro-Grenze liegen. Damit gilt jede vierte Person in dieser Altersklasse als armutsgefährdet. "Besonders Frauen und Personen mit niedriger Bildung tragen ein deutlich höheres Armutsrisiko im Alter. Geringere Einkommen, häufigere Verwitwung und weniger soziale Kontakte verstärken diese Ungleichheit zusätzlich", führt Brandtmayer fort.
Digitale Welt als Herausforderung
Die digitale Teilhabe im hohen Alter ist nach wie vor ausbaufähig: Zwar nutzen rund 40 % das Internet, doch lediglich ein Viertel ist regelmäßig online. Dabei sind deutliche Unterschiede erkennbar – insbesondere Frauen und bildungsfernere Gruppen sind seltener digital aktiv.
Handlungsbedarf besteht auch bei der Wohnsituation: 27 Prozent der Befragten haben ihre Wohnung bereits angepasst, meist jedoch erst dann, wenn es unbedingt notwendig wurde. Trotz einer steigenden Bereitschaft zu vorsorglichen Maßnahmen erfolgen altersgerechte Umbauten weiterhin primär anlassbezogen statt vorausschauend.
Mehr zum Studiendesign erfahren Sie in der Infobox.
www.oepia.at
www.wienerstaedtische.at
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