Verlässliche Information ist im digitalen Alltag längst keine Selbstverständlichkeit mehr, weil soziale Netzwerke, KI-generierte Inhalte und gezielte Desinformation die Einordnung von Nachrichten für Konsument:innen zunehmend erschweren. Diese Ansicht teilt auch die Medienbranche: So sind 97 Prozent der Journalist:innen der Ansicht, dass es für das Publikum zunehmend schwieriger wird, verlässliche Informationen von manipulierten Inhalten zu unterscheiden. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Auflage des Journalist:innenbarometers von Marketagent, für das mehr als 550 Medienprofis aus Österreich, Deutschland und der Schweiz befragt wurden (siehe Infobox). Demnach sehen 90 Prozent algorithmische Verzerrungen in sozialen Netzwerken als relevanten Einflussfaktor auf die öffentliche Meinungsbildung, 88 Prozent nennen Fake News und 84 Prozent KI-generierte Inhalte. Zudem beobachten 96 Prozent – und damit nahezu alle befragten Journalist:innen –, dass sich die Desinformationsproblematik in den vergangenen fünf Jahren weiter verschärft hat.
Medienmarken werden zum Vertrauensanker
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass etablierte Medienmarken in einer zunehmend schwer durchschaubaren Informationslandschaft wieder stärker an Bedeutung gewinnen dürften. Rund drei Viertel der befragten Medienprofis (77%) gehen davon aus, dass die Marke eines Mediums für das Publikum künftig wichtiger wird. Bereits jetzt nehmen mehr als zwei Drittel (69%) Medienmarken in der journalistischen Praxis stärker als Vertrauenssignal wahr – unter (stellvertretenden) Chefredakteur:innen liegt dieser Wert sogar bei 79 Prozent.
Wenn es künftig darum geht, die Glaubwürdigkeit von Informationen einzuschätzen, erwarten die Journalist:innen vor allem eine Orientierung an etablierten Medienmarken (63%), gefolgt von journalistischen Persönlichkeiten (50%), der eigenen Medienkompetenz (48%), transparenten Quellenangaben (47%) sowie Empfehlungen und Bewertungen im persönlichen Umfeld (42%).
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Auch die Funktion starker Medienmarken wird entsprechend breit gesehen: 62 Prozent betrachten sie als Einordnungs- und Kontextgeber, 55 Prozent als Orientierungshilfe im Informationsüberfluss und 53 Prozent als Möglichkeit, Desinformation von journalistischen Inhalten abzugrenzen. Jeweils 52 Prozent sehen starke Medienmarken überdies als Qualitätssignal beziehungsweise Vertrauensgarantie.
Auch die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) dürfte den Stellenwert starker Medienmarken weiter verändern. So glauben 72 Prozent der Befragten, dass KI langfristig die Glaubwürdigkeit journalistischer Inhalte untergräbt. Gleichzeitig erwarten 68 Prozent, dass sich Medienmarken in einer KI-dominierten Informationswelt stärker voneinander differenzieren werden.
"Gerade in einer Welt voller KI-Inhalte und Desinformation kann Qualitätsjournalismus seine größte Stärke ausspielen: Vertrauen. Wenn Medien konsequent auf Transparenz, Einordnung und journalistische Standards setzen, können starke Medienmarken zu den wichtigsten Orientierungspunkten in der digitalen Informationsgesellschaft werden", sagt Thomas Schwabl, Gründer und Geschäftsführer von Marketagent.
Qualitätsjournalismus könnte zum Nischenangebot werden
Zugleich machen die Ergebnisse der Umfrage deutlich, dass die Branche die Entwicklung klassischer Medienmarken durchaus zwiespältig bewertet. Während viele Journalist:innen ihnen eine wachsende Rolle als Vertrauenssignal zuschreiben und auch beim Publikum eine stärkere Orientierung an etablierten Marken erwarten, bleibt der Blick in die Zukunft zurückhaltend. Zwar glauben 47 Prozent an eine Renaissance klassischer Medienmarken, zwei Drittel (66%) sehen darin jedoch zumindest teilweise auch Wunschdenken. Als wichtigste Treiber einer möglichen Renaissance gelten Vertrauen und Glaubwürdigkeit (63%) sowie Qualität und Tiefe der Inhalte (55%).
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Diese Ambivalenz zeigt sich auch in den Erwartungen an die künftige Rolle von Qualitätsjournalismus. Viele Brancheninsider:innen gehen offenbar davon aus, dass professioneller Journalismus zwar an Bedeutung gewinnt, aber nicht zwingend ein breites Publikum erreicht. Geprägt sein dürfte Journalismus künftig vor allem von Orientierung im Informationsüberfluss (49%), Transparenz über Quellen und Arbeitsweisen (47%), investigativem Journalismus (45%) sowie tiefer Einordnung statt schneller News (43%). 33 Prozent halten es zugleich für das wahrscheinlichste Szenario, dass Qualitätsjournalismus künftig vor allem ein Nischenangebot für eine informierte Minderheit sein wird.
"Die Branche glaubt weiterhin an die Bedeutung von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und journalistischer Qualität, zweifelt jedoch daran, ob diese Werte im digitalen Plattformzeitalter noch eine breite Öffentlichkeit erreichen", so Schwabl abschließend.
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