Interview & Podcast mit Rainer Will
"Die Unternehmen haben die Krisenfestigkeit mittlerweile in ihrer DNA"

Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, spricht im Interview und im Podcast mit KEYaccount-Herausgeber Wolfgang Zechner über geopolitische Spannungen, steigende Kosten und strukturelle Probleme im Handel. Gleichzeitig erklärt er, warum viele Unternehmen heute widerstandsfähiger sind als noch vor wenigen Jahren.

KEYaccount: Der Krieg im Iran treibt aktuell die Ölpreise nach oben. Steht der Handel vor der nächsten Kosten- und Preisspirale?

Rainer Will: Entscheidend ist in so einer Situation immer, wie lange ein Konflikt andauert. Das beeinflusst Zinsen, Energiepreise und letztlich die gesamte Wertschöpfungskette. Der Energiepreis ist für uns der zentrale Treiber, weil er von der Produktion über die Landwirtschaft bis ins Regal dreifach wirkt. Gleichzeitig haben wir in den letzten Jahren gelernt, mit solchen Krisen umzugehen. Viele Frachtrouten wurden etwa bereits umgestellt, beispielsweise über Afrika, was zwar länger dauert, aber stabiler ist. Aktuell sehen wir noch keine klassische Lohn-Preis-Spirale, aber die Indikatoren zeigen durchaus eine gewisse Nervosität.

KEYaccount: Der Handel arbeitet seit Jahren im Dauerkrisenmodus. Wie kann man unter solchen Bedingungen überhaupt noch langfristig planen?

Will: Es ist tatsächlich ein Marathon geworden. Die Unternehmen, die heute noch am Markt sind, haben diese Krisenfestigkeit mittlerweile in ihrer DNA. Es hat massive Zwangsoptimierungen gegeben. Man hat überall dort, wo noch Spielraum war, Prozesse verschlankt und Kosten reduziert. Gleichzeitig hat man gelernt, mit Unsicherheit umzugehen, etwa durch alternative Energieverträge oder neue Ansätze im Personalbereich. Aber was definitiv fehlt, ist Planungssicherheit vonseiten der Politik. Wenn ständig neue Regulierungen kommen, wird es schwierig, einen klaren Investitionskurs zu halten.

KEYaccount: Wie stark treffen die aktuellen geopolitischen Spannungen den Handel bereits konkret?

Will: Das ist sehr unterschiedlich je nach Warengruppe. Insgesamt sind wir derzeit nicht massiv betroffen. Im Lebensmittelbereich profitieren wir stark von regionaler Beschaffung, die eine hohe Versorgungssicherheit gewährleistet. Probleme gibt es eher punktuell, etwa bei Meeresfrüchten, bestimmten Fischarten, Nüssen oder Tropenfrüchten, die über sensible Routen transportiert werden. Aber die breite Versorgung ist stabil, und das ist ein entscheidender Vorteil des österreichischen Systems.

KEYaccount: Viele Konsument:innen bleiben preisbewusst. Ist eine Erholung beim Konsum in Sicht?

Will: Konsum ist immer auch Psychologie. Wenn die Menschen permanent negative Nachrichten sehen, wirkt sich das direkt auf die Kaufbereitschaft aus. Kurz vor dem aktuellen Konflikt war die Stimmung so gut wie schon lange nicht mehr. Das lag auch daran, dass die Löhne deutlich gestiegen sind und gleichzeitig die Inflation zurückgegangen ist. Dadurch hat sich Kaufkraft aufgebaut. Diese positive Entwicklung wurde jetzt wieder gebremst. Grundsätzlich sehen wir aber, dass stabile Einkommen eine wichtige Basis für Konsum sind, auch wenn ein Teil dieser Ausgaben in andere Bereiche wie Reisen fließt.

KEYaccount: Wie stark spürt der Handel den Druck durch Plattformen wie Temu oder Shein?

Will: Sehr stark. Und vor allem haben wir hier keine fairen Wettbewerbsbedingungen. Während heimische Händler mit einer Vielzahl an Vorschriften konfrontiert sind, gibt es bei Plattformen aus Drittstaaten erhebliche Vollzugsdefizite. Es gibt erste Maßnahmen auf EU-Ebene, etwa bei Zöllen oder Verbraucherschutzverfahren, aber das reicht noch nicht aus.

KEYaccount: Was müsste konkret passieren, damit faire Wettbewerbsbedingungen entstehen?

Will: Wir brauchen vor allem, dass bestehende Regeln konsequent für alle gelten. Das betrifft Produktsicherheit, Steuerpflichten und Deklaration. Ein zentraler Punkt ist die Plattformhaftung. Wer Waren in Europa verkauft, muss auch Verantwortung übernehmen. Solange das nicht der Fall ist, bleibt es ein Wettbewerb mit unterschiedlichen Spielregeln.

KEYaccount: Welche Bedeutung hat der Handel aktuell für die österreichische Wirtschaft?

Will: Der Handel ist einer der zentralen Pfeiler der Wirtschaft. Wir sprechen von rund 48 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung. Der Inlandskonsum macht etwa 74 Prozent des BIP aus. Das zeigt, wie wichtig diese Branche ist. Trotz aller Herausforderungen bleiben die Unternehmen dem Standort treu und investieren weiter.

KEYaccount: Wo liegen die größten strukturellen Herausforderungen?

Will: Die Kostenstruktur ist ein zentrales Thema. Steigende Lohnkosten, hohe Energiepreise und eine massiv zunehmende Bürokratiebelastung setzen die Unternehmen unter Druck. Gleichzeitig erleben wir eine Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen und tatsächlicher Umsetzung. Entbürokratisierung wird oft versprochen, in der Praxis entstehen aber neue Regelungen mit erheblichem Aufwand.

KEYaccount: Wo sehen Sie die größten Chancen für die Branche?

Will: Die Chancen liegen klar in der Nutzung neuer Technologien. Künstliche Intelligenz bietet enorme Möglichkeiten, Prozesse effizienter zu gestalten und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gleichzeitig kann der Handel seine Stärke als regionaler Anbieter ausspielen. Nähe zu den Kund:innen, Qualität und Service bleiben zentrale Faktoren.

KEYaccount: Welche politischen Maßnahmen braucht der Handel jetzt am dringendsten?

Will: Planungssicherheit und echte Entbürokratisierung stehen ganz oben. Darüber hinaus braucht es strukturelle Reformen, etwa im Energiesystem. Energie ist die Grundlage für wirtschaftliches Handeln. Wenn hier die Kosten dauerhaft hoch bleiben, wird es schwierig, wettbewerbsfähig zu bleiben.

KEYaccount: Zum Abschluss: Wo liegen die größten Risiken und Chancen in den kommenden Monaten?

Will: Die größte Chance liegt in der künstlichen Intelligenz und gleichzeitig ist sie auch das größte Risiko. Sie eröffnet enormes Potenzial, stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen. Genau in diesem Spannungsfeld wird sich der Handel in den nächsten Jahren bewegen.

www.handelsverband.at

 

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