Handelskonflikt belastet Wirtschaft
Neue US-Zölle treffen Österreichs Industrie über europäische Lieferketten

| Redaktion 
| 10.03.2026

Der erwartete Rückgang der Wertschöpfung fällt zwar moderat aus, entsteht jedoch überwiegend indirekt über europäische Lieferketten und eine schwächere Nachfrage in wichtigen Partnerländern.

Neue pauschale US-Zölle auf Waren aus der Europäischen Union könnten auch in Österreich wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Modellrechnungen des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) zeigen, dass die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung in Österreich um rund -0,11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgehen könnte.

Indirekte Effekte prägen die Auswirkungen

Die im Februar 2026 eingeführten US-Zölle von zehn Prozent auf EU-Waren wirken sich laut Analyse weniger über direkte Handelsströme aus. Der Rückgang österreichischer Exporte in die USA spielt demnach eine untergeordnete Rolle. Entscheidender ist die geringere Nachfrage innerhalb Europas, die sich über Produktionsnetzwerke auf österreichische Unternehmen überträgt.

Erwartete Wertschöpfungskette in EU-Ländern durch die 10 Prozent US-Zölle vom Februar 2026 © ASCII/WIFO 

"Österreich ist nur begrenzt direkt vom US-Markt abhängig. Entscheidend ist jedoch die enge Einbindung in europäische Wertschöpfungsketten. Wenn große EU-Volkswirtschaften ihre Produktion drosseln, trifft das österreichische Zulieferbetriebe unmittelbar", erklärt Asjad Naqvi, Forscher am ASCII und Senior Economist am WIFO und ergänzt: "Damit wird deutlich, wie stark sich Handelskonflikte über Europas eng verflochtene Produktionsnetzwerke systemweit auswirken."

Vorleistungsintensive Branchen besonders betroffen

Die möglichen wirtschaftlichen Einbußen unterscheiden sich laut dem Experten je nach Branche deutlich. Besonders betroffen sind Industriezweige mit hoher internationaler Verflechtung und starkem Vorleistungsteil. Demnach zählen zu den Sektoren mit den größten Rückgängen der Bergbau und die Rohstoffgewinnung (-0,58 %) sowie die Herstellung chemischer Erzeugnisse (-0,51 %). Auch die Metallerzeugung und -bearbeitung (-0,30 %) sowie die Produktion von Gummi- und Kunststoffwaren (-0,21 %) könnten deutliche Einbußen verzeichnen. Ähnliche Rückgänge werden für sonstige nicht-metallische Mineralerzeugnisse (-0,20 %) und die Textilindustrie (-0,21 %) erwartet. Andere Industriebereiche dürften vergleichsweise gering betroffen sein. Der Maschinenbau weist laut Modellrechnung mit -0,01 % nur einen minimalen Rückgang auf. Auch in Bereichen wie der sonstigen Warenherstellung (-0,14 %) und im Transportsektor (-0,14 %) fallen die Auswirkungen moderat aus.

"Gerade in stark verflochtenen Industrien wirken sich selbst kleine Nachfragerückgänge in großen EU-Ländern überproportional auf österreichische Zulieferer aus", betont Klaus Friesenbichler, stellvertretender Direktor des ASCII.

EU-Wirtschaft steht unter Druck 

Auf europäischer Ebene rechnen die Studienautoren mit einem stärkeren Rückgang der Wirtschaftsleistung. Im Durchschnitt könnte das BIP der EU um rund -0,26 Prozent sinken. Vor allem große Industrienationen dürften spürbare Einbußen verzeichnen. Für Deutschland und Italien wird jeweils ein Rückgang von -0,13 Prozent erwartet, für Frankreich etwa -0,14 Prozent. Österreich liegt mit dem prognostizierten Minus von -0,11 Prozent unter dem EU-Durchschnitt, ist jedoch aufgrund seiner engen Einbindung in zentraleuropäische Produktionsnetzwerke besonders exponiert.

Produktionsrückgänge in wichtigen Partnerländern wirken sich direkt auf österreichische Zulieferbetriebe aus. Zusätzlich könnten steigende Preise und sinkende Realeinkommen die Nachfrage in Europa dämpfen und damit die Effekte entlang der Lieferketten weiter verstärken.

Erwartete Wertschöpfungseffekte in österreichischen Sektoren durch die 10 Prozent US-Zölle vom Februar 2026 © ASCII/WIFO

Stärkere Resilienz als wirtschaftspolitisches Ziel

Die Studienautoren sehen in den Ergebnissen einen Hinweis auf die Bedeutung stabiler und widerstandsfähiger Produktionsnetzwerke. Empfohlen wird unter anderem eine stärkere Diversifizierung der Exportmärkte, um Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern zu reduzieren.

Darüber hinaus wird eine gezielte Unterstützung besonders betroffener Industriebereiche vorgeschlagen. Dazu zählen etwa Innovationsförderung, Investitionen in technologische Modernisierung sowie eine strategisch ausgerichtete Standortpolitik. Auch eine koordinierte europäische Industrie- und Handelspolitik gilt als zentral, um die Wettbewerbsfähigkeit im Binnenmarkt langfristig zu sichern.

"Handelskonflikte wirken heute weniger bilateral, sondern systemisch über Produktionsnetzwerke. Eine vorwärtsgewandte, europäische Industriepolitik ist daher zentral, um solche Schocks künftig besser abzufedern", schließt Friesenbichler.

www.ascii.ac.at

www.wifo.ac.at

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