Energiekrise, Photovoltaik-Boom und steigende Systemkosten haben die Rahmenbedingungen der Stromversorgung in Österreich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Gleichzeitig bleiben die energie- und klimapolitischen Ziele für 2030 und 2040 aufrecht. Die Branchenvertretung Oesterreichs Energie hat daher den aktuellen Stand des Ausbaus erneuerbarer Stromerzeugung erhoben und gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Compass Lexecon untersucht, wie sich die Transformation des Energiesystems effizienter gestalten lässt.
Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, betonte am Freitag, dass ein hoher Anteil erneuerbarer Energie allein noch keine Garantie für niedrige Strompreise sei. "Die vergangenen Jahre haben uns etwas sehr klar vor Augen geführt: Ein Erneuerbaren-Anteil von 90 Prozent auf das Jahr betrachtet ist erfreulich – er sorgt aber nicht automatisch für niedrige Strompreise." Entscheidend sei vielmehr, wann und wo Strom erzeugt werde und wie gut er ins System integriert werden könne.
Eine stundenweise Betrachtung der Stromversorgung verdeutlicht diese Unterschiede: Nur etwa jede fünfte Stunde im Jahr werde der Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt. In der übrigen Zeit seien Importe oder Strom aus Gaskraftwerken notwendig.
Appell zu Besonnenheit bei Markteingriffen
Mit Blick auf die militärische Eskalation im Nahen Osten rief Schmidt zu einem besonnenen Umgang mit möglichen Markteingriffen auf. Ein Großteil der österreichischen Haushalte habe Jahresverträge für Strom abgeschlossen, wodurch diese Kund:innen während der Vertragslaufzeit vor kurzfristigen Preisanstiegen geschützt seien.
Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie & CEO Verbund AG, verweist zugleich auf die weiterhin hohe Abhängigkeit von Energieimporten. Gerade geopolitische Spannungen würden zeigen, wie wichtig der Ausbau heimischer Stromerzeugung sei. Exogene Schocks könnten spürbare Folgen für Unternehmen und Konsument:innen haben, weshalb der Ausbau nationaler Erzeugungskapazitäten aus seiner Sicht eine zentrale strategische Maßnahme darstelle.
Ausbauziele: Gemischte Bilanz
Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz sieht bis 2030 eine zusätzliche Stromerzeugung von 27 Terawattstunden aus erneuerbaren Quellen vor. Nach rund fünf Jahren Laufzeit des Gesetzes und fünf verbleibenden Jahren bis zum Zieljahr zeigt eine Analyse der bisherigen Entwicklungen ein differenziertes Bild.
Photovoltaik habe sich besonders dynamisch entwickelt. Mittlerweile sind Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund zehn Gigawatt installiert – deutlich mehr als die Leistung der österreichischen Laufwasserkraftwerke mit etwa sechs Gigawatt. Dieser Ausbau wird zwar grundsätzlich positiv bewertet, gehe jedoch auch mit steigenden Netztarifen einher. Aus Sicht der Branche sollte der weitere Ausbau stärker koordiniert und besser in das Stromsystem integriert werden, um Systemkosten zu begrenzen.
Bei der Wasserkraft befinde sich Österreich grundsätzlich auf Kurs. Die Ausbauziele könnten erreicht werden, sofern geplante Projekte umgesetzt werden. Problematisch seien jedoch lange Projektlaufzeiten, wodurch ein Teil der Anlagen erst nach 2030 in Betrieb gehen dürfte. Schnellere Genehmigungsverfahren könnten hier eine wichtige Beschleunigung bringen. Aufgrund ihrer stabilisierenden Wirkung gilt Wasserkraft weiterhin als zentraler Bestandteil des Energiesystems.
Der größte Nachholbedarf bestehe laut Analyse bei der Windkraft. Der derzeitige Ausbau liege deutlich unter dem notwendigen Niveau. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte bis 2030 nur etwas mehr als die Hälfte des erforderlichen Zubaus realisiert werden. Dies hätte nach Einschätzung der Branche Auswirkungen auf Versorgungssicherheit und Strompreise. Windkraft komme dabei eine besondere Rolle zu, da ihre Produktionsspitzen typischerweise in den Wintermonaten liegen.
Zielbild für das Energiesystem 2040
Vor diesem Hintergrund entwickelte Oesterreichs Energie gemeinsam mit Compass Lexecon ein Szenario für eine möglichst effiziente Umsetzung der Energie- und Klimaziele bis 2040 (siehe Infobox). Im Vergleich zu bestehenden Planungen setzt dieses stärker auf den Ausbau von Wind- und Wasserkraft sowie auf Anreize für systemdienliches Verhalten bei Erzeugung und Verbrauch.
Die Branche geht davon aus, dass der Strombedarf in Österreich bis 2040 deutlich steigen wird – von derzeit rund 80 Terawattstunden auf etwa 120 Terawattstunden.
Anton Burger, Vice President bei Compass Lexecon, betont, dass die verschiedenen Technologien einander ergänzten: "Es gibt keine guten und schlechten Erzeugungstechnologien – die Profile der unterschiedlichen Kraftwerke ergänzen einander. Entscheidend ist ein effizienter und robuster Mix."
Abschließend unterstrich Strugl, dass für die Transformation ein pragmatischer Ansatz notwendig sei. Es gehe nicht um Ideologie, sondern um Planbarkeit, Versorgungssicherheit und Leistbarkeit. Die Balance zwischen Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit sei dabei entscheidend.
www.oesterreichsenergie.at
www.compasslexecon.com
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