KEYaccount: Frau Koßdorff, die Debatte über Lebensmittelpreise hat sich in den vergangenen Monaten deutlich zugespitzt. Wo sehen Sie aktuell die größten Missverständnisse in dieser Diskussion?
Katharina Koßdorff: Aus unserer Sicht war von Beginn an ein grundlegender Denkfehler in der Diskussion. Zunächst wurden Lebensmittel pauschal als Inflationstreiber bezeichnet. Dann ging es um Schuldfragen und darum, wer sich angeblich ein "Körberlgeld" verdient. Dabei wurde zu wenig über die eigentlichen Ursachen gesprochen. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind die Energiepreise explodiert. Wenn Energie teurer wird, zieht sich das durch sämtliche Produktionsbereiche. Es war ein Trugschluss zu glauben, Lebensmittel würden davon verschont bleiben.
KEYaccount: Die Inflation geht zuletzt zurück, dennoch bleibt das Preisgefühl vieler Konsument:innen angespannt. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Koßdorff: Lebensmittel sind tatsächlich teurer geworden, das ist keine reine Wahrnehmung. Allerdings sehen wir inzwischen eine deutliche Abschwächung. Gleichzeitig ist der Aktionsanteil weiter stark gestiegen. Preisaktionen werden von den Herstellern teilweise oder gänzlich finanziert. Dadurch verliert der reguläre Regalpreis an Aussagekraft. Die Preise von vor der Krise werden aber nicht mehr zurückkommen. Darauf müssen wir uns einstellen.
KEYaccount: Welche Faktoren treiben die Produktionskosten in der Lebensmittelindustrie derzeit am stärksten?
Koßdorff: Es sind vier große Blöcke: Energie, Personal, Rohstoffe und Regulierung. Die Lebensmittelindustrie ist energieintensiv, vom Backen über das Kühlen bis zum Tiefkühlen. Gleichzeitig haben wir hohe Lohnnebenkosten. Besonders belastend ist der Regulierungsdruck. Entwaldungsverordnung, Lieferkettengesetz, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Verpackungsverordnung oder neue Cybersicherheitsvorgaben. Das alles muss in kurzer Zeit umgesetzt werden. Dieser Regulierungsrucksack ist schwer. Klimawandel und militärische Konflikte machen zudem Rohstoffe und Logistik hochgradig volatil und teuer.
KEYaccount: Immer wieder wird diskutiert, ob Lebensmittel in Österreich strukturell teurer sind als in anderen EU-Ländern. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Koßdorff: Österreich ist ein kleiner Markt mit hoher Filialdichte und hohen Qualitätsstandards. Wir haben rund 60 Filialen pro 100.000 Einwohner, deutlich mehr als Deutschland oder dem EU-Durchschnitt. Dazu kommen höhere Energie-, Personal- und Logistikkosten. Wir haben keinen Seehafen und sind bei vielen Rohstoffen auf Importe angewiesen. Gleichzeitig haben wir uns mit dem EU-Beitritt bewusst für eine Qualitätsstrategie entschieden, um international bestehen zu können. Billig können andere besser, bei Qualität haben wir die Nase vorn.
KEYaccount: In einem Gastkommentar für KEYaccount sprachen Sie unlängst von einem "Lebensmittel-Temu" und warnten vor einer zunehmenden Billigorientierung im Markt. Was genau wollten Sie mit diesem Begriff zuspitzen?
Koßdorff: Das Bild steht für die Gefahr einer einseitigen Billigorientierung. Wenn nur mehr der niedrigste Preis zählt, verlieren wir schrittweise Eigenproduktion. Damit steigt die Abhängigkeit vom Ausland. In der Krise zeigt sich, wie wichtig Versorgungssicherheit ist. Wir dürfen nicht riskieren, dass Lebensmittelproduktion hierzulande zur Nischenbranche wird und wir uns bei zentralen Produkten auf Drittländer verlassen müssen.
KEYaccount: Zwei Drittel der heimischen Lebensmittelproduktion gehen in den Export. Wie abhängig ist die Branche vom Auslandsgeschäft?
Koßdorff: Sehr stark. Zu Beginn des EU-Beitritts lag die Exportquote bei rund 16 Prozent, heute sind es über 60 Prozent, die in 180 Länder der Welt gehen. Der Export ist gewissermaßen der Exit aus einem zunehmend harten Inlandsmarkt. Er sichert Wertschöpfung, Arbeitsplätze und ist auch für die Landwirtschaft essenziell. Derzeit verlieren wir aber durch die hohen Kosten in Österreich international an Wettbewerbsfähigkeit. Zusätzlich machen uns internationale Handelskonflikte Sorgen.
KEYaccount: Die Bundesregierung prüft Instrumente wie Margenkontrollen und eine stärkere Preisaufsicht. Welche Auswirkungen hätten solche Maßnahmen auf Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette?
Koßdorff: Wir sehen das äußerst kritisch. Unternehmen sollen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ihre Margen an die Bundeswettbewerbsbehörde melden, eine Preiskommission soll prüfen und bei „ungerechtfertigten Preisen“ Sanktionen verhängen. Das sendet kein positives Signal an heimische Betriebe. Wer investiert unter solchen Rahmenbedingungen noch gerne in Österreich? Für eine starke Industriepolitik braucht es Entlastung bei Standortkosten, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise.
KEYaccount: Wenn Österreich nie der billigste Anbieter sein wird, wie lässt sich Qualität so positionieren, dass Konsument:innen sie auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten honorieren?
Koßdorff: Indem wir wieder stärker über das sprechen, was wir können: Qualität, Genuss, Tradition und regionale Wertschöpfung. Produzieren im eigenen Land muss sich lohnen. Konsument:innen schätzen österreichische Lebensmittel grundsätzlich sehr. Aber wir brauchen Rahmenbedingungen, die Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen, im Inland wie im Export. Nur dann kann Qualität auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten bestehen.
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