Stell dir vor, du baust das schönste Schaufenster der Stadt. Licht, Design, Storytelling, alles perfekt. Und dann wird die Fußgängerzone über Nacht zur Autobahn. Niemand bleibt stehen. Niemand sieht dein Schaufenster. Genau das passiert gerade mit Marken im B2B. Du optimierst weiter für Google-Rankings, während die Entscheidung längst woanders fällt: in generativen Antworten. In ChatGPT, Gemini & Co. Dort, wo nicht mehr gesucht wird, sondern vorausgewählt.
Und bevor jetzt jemand abwinkt: Das ist kein "Marketing-Trend". Das ist ein Distributionsbruch. In einer großen 2024-Studie endeten 59,7 Prozent der Google-Suchen in der EU ohne Klick. In den USA waren es 58,5 Prozent. Der Klick war die Währung. Die Erwähnung ist der neue Kontostand.
Dein "Platz 1" ist wertlos, wenn die Plattform schon antwortet
Google hat AI Overviews in den USA im Mai 2024 breit ausgerollt. Das bedeutet: Der:die User:in sieht zuerst eine fertige Antwort. Deine Website darunter ist nicht "die Lösung". Sie ist "optional". Und optional heißt in der Praxis: oft unsichtbar. Das ist der Moment, in dem deine KPI-Religion bröckelt. Sessions, CTR, organischer Traffic – hübsche Kurven, die Kontrolle suggerieren. Nur blöd: Das System zahlt dich nicht mehr in Klicks aus.
Das neue Internet ist ein Türsteher, kein Wegweiser
Früher war Suche eine Liste. Du konntest auf Platz 11 sein und trotzdem leben – weil es immer noch eine zweite Chance gab. Generative Antworten sind keine Liste. Sie sind eine Vorauswahl. Und in dieser Vorauswahl gibt es keinen Trostpreis. Es gibt: genannt oder nicht existent. Warum das so gefährlich ist? Weil die Maschine nicht nach "der coolsten Marke" sucht. Sie sucht nach dem, was sie sicher versteht und sauber begründen kann.
Wenn deine Positionierung schwammig ist, deine Begriffe auf Website, PDF und LinkedIn jedes Mal anders heißen und deine "Beweise" aus drei Logos bestehen, passiert das, was in vielen Unternehmen noch immer niemand ausspricht: Du fliegst raus, bevor überhaupt ein Mensch entscheiden darf.
Die Mehrheit "liest" nicht – sie scannt und extrahiert
Und jetzt der Teil, den viele nicht lieben, aber lieben müssen: Ein großer Teil dessen, was im Web passiert, passiert längst automatisiert. Der Imperva Bad Bot Report zeigt für 2024: Nahezu die Hälfte des Internet-Traffics ist nicht-menschlich; "bad bots" liegen bei nahezu einem Drittel.
Cloudflare dokumentiert außerdem, wie stark Crawler-Traffic von Mai 2024 bis Mai 2025 gestiegen ist – inklusive dreistelligem Wachstum einzelner KI-Crawler. Übersetzung für C-Level: Deine Inhalte werden nicht nur gelesen. Sie werden verarbeitet. Und die Verarbeitung entscheidet, ob du in Antworten und Shortlists auftauchst.
GEO ist keine Zauberei. GEO ist Klarheit mit Stahlkappe.
Jetzt kommt der wichtigste Satz dieser Kolumne: Die Lösung heißt nicht "mehr Content". Die Lösung heißt mehr Klarheit. Du baust keine Content-Maschine. Du baust eine maschinenlesbare Wahrheit über deine Marke: eindeutig, konsistent, zitierbar.
Hier ist der Plan, der in Unternehmen funktioniert – nicht in PowerPoint.
30 Tage: Mach dich zitierbar, oder du wirst übersehen
- Leistungsseiten statt Parfumtext: Jede Kernleistung bekommt eine Seite, die in 20 Sekunden beantwortet: Was löst du? Für wen? Wie? Was kostet's grob? Was sind Grenzen? Ja, Grenzen. Weil Einschränkungen Vertrauen schaffen.
- FAQ statt Floskeln: Nicht "maßgeschneiderte Lösungen", sondern: Welche Systeme? Welche Voraussetzungen? Welche No-Gos? LLMs lieben Fragen, weil Menschen Fragen lieben.
- Proof, der nicht nach Marketing riecht: Cases mit Zahlen. Benchmarks. Vorher/Nachher. Vergleichswerte. Wenn du nichts hast: Erzeuge es. Eine Mini-Studie in deiner Nische ist heute bessere PR als der zehnte "Trend-Post".
90 Tage: Bau eine "Authority Surface", die man nicht wegerklären kann
- Konsistenz über alle Touchpoints: Claim, Begriffswelt, Use-Cases – überall gleich. Die Maschine belohnt Wiedererkennbarkeit, nicht kreative Varianten.
- Drittseiten, die wirklich zählen: Verbände, seriöse Medien, Konferenzprogramme, Hochschulen, Partner – dort entsteht externe Glaubwürdigkeit. Du willst nicht nur gefunden werden. Du willst geglaubt werden.
- Brand as a Destination – das "Jürgen Bogner"-Prinzip: Wenn jemand nach "KI-Experte" sucht, konkurrierst du mit allen. Werde daher zur Source of Truth! Wenn jemand nach "Jürgen Bogner" sucht, ist die Entscheidung schon halb gefallen. Genau dahin musst du: vom Gattungsbegriff zum Namen, den man gezielt ansteuert.
365 Tage: Werde agentenfähig – weil "Antwort" nur die Vorstufe ist
Die nächste Welle sind Agenten, die nicht nur erklären, sondern handeln: vergleichen, shortlisten, buchen, integrieren. Dafür brauchst du klare Angebotslogik: Pakete, Bedingungen, Integrationen, Verfügbarkeit – abrufbar, aktuell, strukturiert. Nicht als PDF-Friedhof.
Und falls du dich fragst, wie ernst das wird: Cloudflare geht mittlerweile so weit, AI-Crawler standardmäßig zu blocken bzw. Modelle wie "Pay per Crawl" zu diskutieren – weil das alte "Wir geben Content, ihr gebt Traffic"-Tauschgeschäft kollabiert.
Die Moral: Du kämpfst nicht mehr um Reichweite. Du kämpfst um Erwähnung.
Wenn eine KI dich nicht nennt, wirst du nicht "übersehen". Du wirst aussortiert. Das ist die neue Härte im B2B: Du kannst das beste Produkt haben – aber wenn du nicht klar, konsistent und belegbar bist, nimmt die Maschine lieber den Anbieter, der weniger Interpretationsarbeit macht.
Also hör auf, Schaufenster zu polieren, während die Autobahn vorbeirauscht. Bau eine Marke, die Maschinen verstehen – und Menschen trotzdem respektieren.
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