"Einstein" unter den Rindern?
Kärntner Kuh kratzt sich mit Besen und verblüfft Wissenschaft

Mit Borsten, Stiel und erstaunlicher Präzision liefert Veronika neue Erkenntnisse über die bislang unterschätzten kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren. 

Dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere Werkzeuge gezielt und intelligent zu ihrem Vorteil einsetzen können, war der Wissenschaft bislang vor allem von Primaten wie Schimpansen bekannt. Umso größer ist nun das Staunen von Forscher:innen rund um den Globus: Erstmals konnte bei einer Kuh ein multipler Werkzeuggebrauch wissenschaftlich dokumentiert werden. Konkret handelt es sich um die 13-jährige Veronika, die auf einer Almwiese in Nötsch im Gailtal lebt und einen Besen gezielt nutzen kann, um sich beispielsweise am Hinterteil zu kratzen.

Flexibler Besen-Einsatz je nach Körperteil

Bereits vor einigen Jahren sei dem Biobauern Witgar Wiegele aufgefallen, dass Veronika – die er nicht als klassisches Nutz­tier zur Milch- oder Fleischproduktion, sondern als Haustier hält – mit ihrer Zunge kleine Äste vom Boden aufhebt, um sich damit an juckenden Körperstellen zu kratzen oder gar Fliegen abzuwehren. Über die Jahre hinweg habe sie diese Fähigkeit zunehmend verfeinert und greife mittlerweile sogar zu Besen, Rechen oder ähnlichen Gegenständen, sofern der Bauer es ihr gewährt. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass sie je nach Körperstelle entweder den Stiel oder die Borsten des Besens einsetzt, um den Juckreiz zu lindern: Während sie ihren Rücken bevorzugt mit den Borsten kratzt, verwendet sie bei empfindlicheren Regionen wie Bauch oder Euter gezielt den Besenstiel.

Was zunächst amüsant klingt, erweist sich aus wissenschaftlicher Sicht als echte Sensation, da ein derartiges Verhalten bislang weltweit nicht dokumentiert wurde. Entsprechend groß war das Interesse von Alice Auersperg vom Messerli Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Wien), die durch ein virales Video auf das ungewöhnlich intelligente Rind aufmerksam wurde. Die Kognitionsbiologin entschloss sich daraufhin, das Verhalten gemeinsam mit einem Forschungsteam unter der Leitung des Biologen Antonio Osuna-Mascaro von der Vetmeduni Wien genauer zu untersuchen. Dazu besuchten die Forschenden den Bauernhof und konnten sich vor Ort selbst davon überzeugen, wie präzise Veronika mit dem Besen hantiert. Dieses "verblüffende" Erlebnis, wie Auersperg es selbst bezeichnete, gab schließlich den Anstoß für weiterführende Experimente, deren Ergebnisse nun in einer Studie im Fachjournal Current Biology veröffentlicht wurden.

"Einstein" unter Kühen

Konkret entwickelte das Forschungsteam ein Experiment mit einem Schrubber, dessen Borsten bewusst in unterschiedliche, zufällige Richtungen ausgerichtet waren. Ziel war es, Veronikas Flexibilität und Zielgenauigkeit im Umgang mit Werkzeugen zu testen. Im Rahmen einer mehrwöchigen Beobachtung zeigte sich dabei klar, dass sie bestimmte Enden des Schrubbers bevorzugte und je nach Einsatzort unterschiedliche Strategien anwandte. Laut Auersperg zeuge dieses Verhalten von einem bemerkenswerten Maß an Anpassungsfähigkeit sowie einem ausgeprägten Verständnis für ihre Umgebung. Zwar könne es sich bei Veronika um eine Art "Einstein" unter den Kühen handeln, dennoch sei es sehr wahrscheinlich, dass auch andere Nutztiere grundsätzlich zu vergleichbaren Leistungen fähig wären. Als reines Haustier habe Veronika jedoch vermutlich besonders günstige Voraussetzungen gehabt, da sie den Werkzeuggebrauch über Jahre hinweg kontinuierlich verfeinern konnte.

Laut der Kognitionsbiologin würden diese Erkenntnisse jedenfalls völlig neue Perspektiven für die Erforschung der kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren eröffnen. Bislang habe sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung vor allem auf Produktionsaspekte konzentriert und das Verhalten der Tiere in den Hintergrund gerückt. Sie hoffe jedoch, dass die Ergebnisse dazu beitragen, diesen Fokus künftig zu erweitern. "Veronika kratzt an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz", so Auersperg, und gibt abschließend zu denken: "Viele Fähigkeiten bleiben unsichtbar, weil wir sie gar nicht erst erwarten – besonders bei Tieren, die wir vor allem unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachten."

Die gesamte Studie können Sie hier nachlesen.

www.vetmeduni.ac.at

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