"Unsere Technologie wird alle Kunststoffe recyclebar machen"

Im LEADERSNET-Interview spricht Emmanuel Ladent, CEO von Carbios, u.a. über das Geschäftskonzept des Konzerns, den Unterschied zu anderen Recycling-Methoden sowie -Unternehmen und weshalb diese Technologie das Potenzial hat, von 25 Prozent der Plastikabfälle, die heute recycelt werden, auf 100 Prozent zu kommen.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Ladent, bitte erläutern Sie uns das Geschäftskonzept/-modell von Carbios? Was sind die Grundprinzipien des Unternehmens?

Ladent: Carbios wurde 2011 mit der Idee gegründet, ein biologisches Verfahren, das auf Enzymen basiert, zum Abbau und Recycling von Kunststoff zu finden. Enzyme sind komplexe Moleküle, die Stoffwechselprozesse (biochemische Reaktionen) in Organismen beschleunigen. Das Enzym selbst dient dabei als Katalysator, bleibt also unverändert und findet sich in jedem lebenden Körper, ob Mensch, Tier oder Pflanze.

Es dauerte sieben, acht Jahre Forschung und Entwicklung, bis wir die geeigneten Enzyme fanden und weitere vier Jahre, um ein industrielles Konzept und einen industriellen Prozess zu entwickeln. Unser Geschäftskonzept basiert nun auf zwei unterschiedlichen von Carbios entwickelten Technologien.

Die eine ist ein enzymatisches Verfahren für das Bio-Recycling von Polyethylenterephthalat (PET), unser Kernprodukt, das kurz vor dem kommerziellen Markteintritt steht. PET findet man sehr häufig in Flaschen und Verpackungen für die Kosmetik und Lebensmittelindustrie. Zwei Drittel des weltweiten PET-Verbrauchs entfallen jedoch auf Industrietextilien wie Polyesterfasern für Kleidung und Sportkleidung.

Wir arbeiten darüber hinaus auch an einem biologischen Kunststoff aus sogenanntem Polylactid (PLA), ein auf nachwachsenden Rohstoffen wie Zuckerrohr oder Mais basierendes Polymer. Der aus Milchsäuremolekülen aufgebaute Werkstoff zersetzt sich aber unter den in der Natur vorherrschenden Bedingungen nicht. Carbios zweite Technologie schafft genau diese Voraussetzungen: Ein Enzym-basiertes natürliches Additiv wird dem Kunststoff (PLA) beigemischt und ermöglicht seine biologische Zersetzung. Schneller als gesammelte Blätter in einem Garten, in weniger als 200 Tagen, wird das Bio-Plastik ohne die Entstehung von Mikropartikeln und ohne die Umwelt zu vergiften, abgebaut.

LEADERSNET: Wo liegt der Unterschied zu anderen Unternehmen, die vielleicht ein ähnliches Konzept/Modell zum Recycling verfolgen?

Ladent: Wir sind das einzige Unternehmen auf der Welt, das auf einen biologischen Recyclingprozess setzt und haben deswegen auch deutliche Vorteile gegenüber den traditionellen Methoden.

Bei der vorherrschenden mechanischen Methode nimmt man Kunststoffflaschen, erhitzt sie stark und bekommt eine Art Harz, aus dem man dann eine neue Flasche herstellt. Das Haupthindernis für mechanisches Recycling ist, dass es nicht zirkulär ist. Diesen Vorgang kann man zwei- bis dreimal wiederholen und dann verliert das Plastik seine Festigkeit und wird immer dunkler und dunkler. Das Verfahren ist außerdem auf Plastikflaschen limitiert, Verpackungen und Textilien können nicht verarbeitet werden. Beim mechanischen Recycling werden also nur 25 Prozent der Abfälle recycelt, 75 Prozent sind mit dieser Methode nicht recyclebar. Für Carbios spielt es keine Rolle, ob es sich um Flaschen, Verpackungen oder Textilien handelt, unser Verfahren funktioniert für alle Sorten von PET-haltigen Plastikabfällen.

Bei der dritten, chemischen Vorgehensweise werden Lösungsmittel benutzt. Die beiden Hauptprobleme bei diesem Verfahren sind, dass einerseits sehr viel Energie aufgewendet werden muss und andererseits im Kunststoff immer Verunreinigungen zurückbleiben. Für den Prozess benötigt man eine Temperatur von über 200 Grad. Darüber hinaus erreicht das so recycelte Plastik nie die ursprüngliche Qualität, da immer ein Teil des Lösungsmittels im Produkt nachweisbar bleibt.

Bei Carbios werden Enzyme verwendet und das ist eine viel nachhaltigere Methode. Die Depolymerisation findet bei niedrigen Temperaturen – ~70 Grad – und normalem atmosphärischen Druck statt und ohne die Verwendung von Lösungsmitteln. Außerdem erreichen wir mit unserem Recyclingverfahren eine Qualität, die vergleichbar ist mit der Ursprungsqualität. Deswegen ist mit unserer Methode recyceltes PET für den Gesundheits-, Getränke und Lebensmittelbereich sehr viel attraktiver.

LEADERSNET: Wie finanziert sich das Unternehmen?

Ladent: Das Unternehmen wurde 2011 gegründet und ist seit 2013 an der Börse. Carbios ist an der Euronext Growth Paris gelistet. Heute haben wir drei Arten von Shareholdern. Strategische Investoren wie L'Oréal, Michelin, L'Occitane und einige Family Offices halten etwa 20 Prozent der Anteile. Die verbleibenden 80 Prozent sind "Free Float" und teilen sich in 40 Prozent Privatanleger:innen und 40 Prozent institutionelle Investor:innen, vor allem Fonds.

Aber ich führe immer mehr und mehr Gespräche mit potenziellen neuen Investor:innen, hauptsächlich neuen Fonds oder Family Offices.

Seit dem Börsengang im Jahr 2013 hat Carbios mehr als 173 Millionen Euro an Kapital aufgenommen, davon 114 Millionen Euro im Mai 2021. Dies war die größte Kapitalerhöhung in Form eines öffentlichen Angebotes in den letzten fünf Jahren an der Euronext Growth.

LEADERSNET: Carbios hat gerade eine groß angelegte Partner:innenschaft mit den Schuh- und Sportswear-Hersteller:innen Patagonia, Puma, Salomon und On geschlossen. Worum geht es dabei? Wo liegt der Unterschied zu den Unternehmen aus der Lebensmittel- und Kosmetikbranche, mit denen sie bereits zusammengearbeitet haben?

Ladent: In der Lebensmittelbranche sollen bis 2025 Verpackungen (Getränkeflaschen) einen verbindlichen Anteil von 25 Prozent recycelten Kunststoff beinhalten. Unternehmen werden sich früher oder später unterordnen müssen und eine Lösung finden. Wir arbeiten bereits mit Konzernen wie L'Oréal, Nestlé Waters, Pepsico und Suntory Beverage & Food Europe zusammen und haben bewiesen, dass die Herstellung von Verpackungen aus Carbios recyceltem PET funktioniert.

Mit Patagonia, Puma, Salomon und On steigen wir jetzt in die Textilindustrie ein. Auch diese Unternehmen suchen nach einer nachhaltigen zirkulären Lösung und, wie oben erwähnt ist das Recycling von Kunstfasern mit den heutigen Methoden gar nicht möglich. Während diese herkömmlichen Verfahren auf das Recycling von Flaschen zu Fasern abzielen, bieten wir eine Lösung an, um neue Fasern direkt aus alten Fasern neu herzustellen. Wir sind in der Lage, Polyesterfasern mit den gleichen Qualitäten wie neu synthetisierter Polyester zu produzieren – und dies aus allen Formen von PET-haltigem Plastikabfall und als Recycling-/(Re-)Produktionsprozess immer und immer wieder.

LEADERSNET: Was steht als Nächstes an? Wie schauen die Pläne von Carbios für die Zukunft aus?

Ladent: Auf Basis der technischen Spezifikationen unserer Demonstrationsanlage in Frankreich stellen wir im ersten Quartal 2023 unser sogenanntes Prozessbuch fertig und starten mit der Lizenzierung unserer Technologie. In diesem Referenzdokument werden alle wichtigen Daten und Spezifikationen für den Bau und den Betrieb einer Produktionsanlage für Carbios recyceltes PET enthalten sein. Es dient als Blaupause für die Erstellung kommerzieller Produktionsanlagen auf der ganzen Welt. Wir werden also Lizenzen an Unternehmen vergeben, die dann die Anlagen in weiterer Folge bauen werden.

Parallel dazu geht die Forschung und Entwicklung bei Carbios weiter. Wir werden unsere Technologie weiter optimieren und noch mehr verfeinern und ausbauen. Darüber hinaus arbeiten wir an neuen Methoden für den enzymatischen Abbau von weiteren Kunststoffabfallsorten wie PP, PVC und PE. Unsere Technologie hat das Potenzial in Zukunft alle Kunststoffe recyclebar oder biologisch abbaubar zu machen.

2025 wird unsere erste industrielle Recyclinganlage in Longlaville mit einer Kapazität von 50.000 Tonnen PET-Abfall in Betrieb gehen. Doch bis dahin gibt es noch einiges zu tun.

www.carbios.com

Über Carbios

Carbios wurde 2011 gegründet und ist ein französisches Biochemie-Unternehmen mit Sitz im Wissenschaftspark Biopôle Clermont-Limagne nahe der französischen Stadt Clermont-Ferrand.

Es forscht unter anderem am "enzymatischen Biorecycling" von Kunststoffen, also deren Zersetzung mit Hilfe von Enzymen, um sie anschließend wiederzuverwenden.

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Über Carbios

Carbios wurde 2011 gegründet und ist ein französisches Biochemie-Unternehmen mit Sitz im Wissenschaftspark Biopôle Clermont-Limagne nahe der französischen Stadt Clermont-Ferrand.

Es forscht unter anderem am "enzymatischen Biorecycling" von Kunststoffen, also deren Zersetzung mit Hilfe von Enzymen, um sie anschließend wiederzuverwenden.

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