"Industrie wird auch in zehn Jahren eine wesentliche Stütze der Wirtschaft in Österreich sein"

Herbert Ortner, Vorstandsmitglied der B&C Privatstiftung, im Interview über den Status Quo der heimischen Industrie, Chancen für den Wirtschaftsstandort Österreich, warum Industrie gerade jetzt so bedeutend ist, und welche Schritte die B&C setzt, um die Corona-Wirtschaftskrise zu meistern.

Seit einem Jahr treten fast 70 Unternehmen und CEOs mit dem gemeinsamen Logo unter der Marke "Österreich verbindet Welten" auf. Darunter auch die B&C, einer der größten privaten Industrieeigentümer des Landes. LEADERSNET hat anlässlich des ersten Geburtstages von "Österreich verbindet Welten" Herbert Ortner, Vorstandsmitglied der B&C Privatstiftung, zum Gespräch gebeten.

LEADERSNET: Die B&C ist eine der größten privaten Industrieeigentümer in Österreich, warum erscheint die Industrie gerade in der jetzigen Krisensituation so bedeutend und wichtig?

Ortner: Die Industrie leistet knapp ein Fünftel der Gesamtwertschöpfung in Österreich und ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in unserem Land. Unsere Kernbeteiligungen AMAG, Lenzing und Semperit beschäftigen zusammen mehr als 5.000 Mitarbeiter an den österreichischen Standorten. Die Bedeutung der Industrie für ganz Österreich zeigt sich aktuell auch darin, dass sie aufgrund der Produktion wichtiger Güter für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit und Bewältigung der Krise unerlässlich ist.

LEADERSNET: Kann man das Industrial-Tech-Segment als Chance für den Wirtschaftsstandort Österreich sehen?

Ortner: Ja, sicherlich. Denn IndustrialTech hilft Unternehmen, die Effizienz industrieller Prozesse zu optimieren. Zum einen haben IndustrialTech-Unternehmen selbst ein starkes Wachstums- und Wertsteigerungspotenzial, zum anderen profitiert unser Wirtschaftsstandort von diesen Technologien, da wir dadurch – trotz im internationalen Vergleich relativ hoher Standort- und Stückkosten – wettbewerbsfähiger werden. Wir sehen in diesem Segment großes Potenzial für Österreich und engagieren uns mit Investments in Technologie- und Wachstumsunternehmen mit der B&C Innovation Investments auch in diesem Bereich.

LEADERSNET: Wie leisten Sie gerade jetzt einen Beitrag zum unternehmerischen Erfolg ihrer Kernbeteiligungen?

Ortner: Die B&C ist immer und jederzeit ein verlässlicher Partner, insbesondere natürlich auch in Krisenzeiten. Bei unseren Kernbeteiligungen AMAG, Lenzing und Semperit verstärken wir über unsere Aufsichtsratstätigkeit unsere Beratung. Dazu ist kontinuierliches Monitoring der Märkte unabdingbar und aufgrund der nicht vorhersehbaren Entwicklung der Covid-19-Krise muss jedes Unternehmen auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet sein. Unsere oberste Priorität ist, die Beteiligungen krisenfest zu halten, ohne dabei deren langfristige Entwicklungsperspektiven aufzugeben.

LEADERSNET: Gibt es in dieser Konstellation Firmen, die man als Leuchtturmunternehmen bezeichnen könnte?

Ortner: Jede unserer Kernbeteiligungen ist in ihrem Marktsegment ein Leuchtturmunternehmen. Die Produktion von Schutz- bzw. OP-Handschuhen am Österreich-Standort wurde auf das Maximum hochgefahren, um der Nachfrage nachzukommen, die sprunghaft angestiegen ist. Zusätzlich hat Semperit 60 Mio. Schutzhandschuhe aus ihrem Malaysia-Werk eingeflogen, um die Republik Österreich bei der Versorgung im medizinischen Bereich zu unterstützen. Lenzing hat gemeinsam mit Palmers binnen kürzester Zeit das Joint Venture Hygiene Austria zur Produktion von hochqualitativen Mund-Nasen-Schutz-Masken auf die Beine gestellt und versorgt damit Österreich. In diesem Zusammenhang wurde Lenzing sogar mit dem Staatspreis Innovation 2020 vom Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort für die "Lenzing Web Technologie" zur Herstellung von Vliesmaterial ausgezeichnet, das für die Produktion von Mundschutzmasken und Hygieneartikel eingesetzt wird.

AMAG konnte aufgrund der umfassenden Sicherheitsvorkehrungen die Produktion fortführen und hat erst vor kurzem einen 70-Prozent-Anteil an der Aircraft Philipp Gruppe (ACP) übernommen, um ihre Spezialitätenstrategie im Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie auszubauen. Ein weiterer Meilenstein bei der AMAG war die Eröffnung des neuen Forschungszentrums "Center for Material Innovation" in Ranshofen, das 155 Mitarbeiter beschäftigt. Solche Leistungen sind bemerkenswert angesichts der derzeitigen mehr als schwierigen Bedingungen.

LEADERSNET: Wie gehen renommierte Unternehmen wie Semperit, Lenzing oder AMAG mit der Krisensituation um?

Ortner: Zweifellos beeinflusst die COVID-19-Krise auch unsere Kernbeteiligungen massiv. Diese haben sofort reagiert und entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter sowie zur Aufrechterhaltung des operativen Betriebs getroffen: Kantinen wurden geschlossen, innerhalb der Schichten wurden Teams gebildet, um Ausfälle bei allfälligen Ansteckungen zu begrenzen, Homeoffice wurde eingeführt, wo es möglich war, und Kurzarbeit wurde in jenen Segmenten in Anspruch genommen, die besonders betroffen sind.

Semperit hat die sich bietende Chance genutzt und wird 2020 ein Rekordergebnis erzielen, das ermöglicht, bei M&A-Themen in neuen Dimensionen zu denken. Die AMAG konnte mit Hilfe der Kurzarbeit die schwache Auftragslage, vor allem in den Bereichen Luftfahrt und Automobil, etwas abfedern. Lenzing fährt nun ein konsequentes Sparprogramm und setzt gleichzeitig die Strategie Ausbau der Spezialitätenfasern und von ökologisch nachhaltigen Fasern intensiv um.

LEADERSNET: Ist auch die Gründung der Hygiene Austria LP GmbH durch Lenzing und Palmers im weitesten Sinne ein Produkt der Krisensituation?

Ortner: Die Gründung von Hygiene Austria von Lenzing gemeinsam mit Palmers war eine Reaktion auf den erhöhten Bedarf an hochwertigen Hygiene- und Schutzartikeln im Zuge der COVID-19-Pandemie in Österreich. Binnen kürzester Zeit konnte das Werk in Wiener Neudorf in Betrieb genommen werden. Ziel ist es, Österreich bei der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie zu unterstützen, und das ist damit auch gut gelungen.

LEADERSNET: Was könnte man allgemein in Angriff nehmen, um den Industriestandort Österreich gerade jetzt zu stärken?

Ortner: Maßnahmen, die z. B. vorübergehende Absatzausfälle abfedern, sind wichtig, aber nur als zeitlich begrenzte Überbrückung gedacht. Für viele Unternehmen, insbesondere solchen, die keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, werden Maßnahmen immer dringlicher, die die Zufuhr von frischem Eigenkapital erleichtern und incentivieren. Konkret ist die dringlichste Maßnahme, die Eigenkapitalbildung in Österreich zu stärken und weiter in Zukunftstechnologien, Ausbildung sowie Forschung und Entwicklung zu investieren.

Auf Dauer müssen sich aber alle Unternehmen den neuen Marktgegebenheiten anpassen. Das wird auch Einschnitte bedeuten. Langfristig müssen Rahmenbedingungen so justiert und neu geschaffen werden, damit unser Unternehmertum global marktfähig gehalten wird. Diese Krise sollte endlich auch für die Umsetzung schon lange bekannter Reformvorhaben in den Bereichen Bildung, Entbürokratisierung und Digitalisierung genutzt werden.

LEADERSNET: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass im Ranking von Technologie und digitaler Transformation von Österreich weit und breit nichts zu sehen und hören war, während zum Beispiel Estland und Island voll präsent waren?

Ortner: Technologie und Digitalisierung sind schon seit Jahren auf der Agenda von CEOs in Österreich, auch bei unseren Beteiligungen. Wir haben deshalb auch im Jahr 2016 die B&C Innovation Investments gegründet und investieren in Technologie- bzw. Wachstumsunternehmen, vornehmlich mit industrieller Relevanz. IndustrialTech-Unternehmen zeigen ein enormes Wachstumspotenzial und verhelfen Industrieunternehmen zur Steigerung der Effizienz von industriellen Prozessen oder bieten einen signifikanten Mehrwert bei ihren Produkten. Dazu zählen auch unsere österreichischen BCII-Beteiligungen: Flightkeys, spezialisiert auf Flugmanagementsoftware, zählt bereits große internationale Airlines zu ihren Kunden, TTTech, im Bereich der sicherheitskritischen Datenverarbeitung, adressiert z. B. die Automobilindustrie mit international hoch anerkannten Lösungen oder auch Frequentis, ein Wiener Hightech-Unternehmen, ist vor allem für sicherheitskritische Informations- und Kommunikationssysteme bekannt. Österreichs Wirtschaft ist aber auch kleinteilig und von KMU geprägt. Hier braucht es sicherlich mehr Kooperationen, um die Herausforderungen der Digitalisierung meistern und die Chancen nutzen zu können.

LEADERSNET: Warum sind Sie Teil von "Österreich verbindet Welten" geworden?

Ortner: Die Initiative "Österreich verbindet Welten" hat sich zur Aufgabe gemacht, die Bekanntheit des heimischen Wirtschaftsstandorts im In- und Ausland zu fördern, um Österreich als attraktives Ziel für Fachkräfte, Talente, Investoren und Unternehmen aus aller Welt zu positionieren. Dieser Auftrag deckt sich voll und ganz mit unseren Zielen und unserem Stiftungszweck, das österreichische Unternehmertum zu stärken. Daher waren wir von Beginn an mit großer Begeisterung dabei und unterstützen aktiv das Engagement und die Projekte des Vereins.

LEADERSNET: Welchen Platz wird Österreich als Industriestandort in zehn Jahren einnehmen?

Ortner: Die Industrie wird auch in zehn Jahren eine wesentliche Stütze der Wirtschaft in Österreich sein. Wir werden auch in Zukunft in einer globalisierten Wirtschaft leben und das ist auch gut so. Österreich profitiert enorm davon und wird weiterhin von Exporten und der Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen und Investoren abhängig sein. Nachhaltigkeit, klimaneutrale Produktionsstandorte und Digitalisierung werden die Welt der Industrie verändern und wir Österreicher wollen dabei sein. Die Weichen dafür sind gelegt und müssen konsequent vorangetrieben werden.

AMAG, die mittlerweile einen Recycling-Anteil in Höhe von 80 Prozent in ihren Aluminiumprodukten vorweisen, oder Lenzing, die Fasern aus nachwachsendem Holz produzieren, sind nicht nur in Bezug auf ihre Produkte nachhaltig, sondern setzen auch auf energiearme bzw. klimaneutrale Produktion. Für den Wirtschaftsstandort bedeutende und systemrelevante Unternehmen können in Österreich nur dann langfristig gehalten werden, wenn unsere Rahmenbedingungen eine international konkurrenzfähige Forschung, aber auch Entwicklung und Produktion zulassen.

LEADERSNET: Welche Visionen haben Sie für die B&C ganz allgemein?

Ortner: Unser erklärtes Ziel ist es, die Produktionsstandorte sowie Unternehmens- und Forschungszentralen unserer Beteiligungen in Österreich dauerhaft zu sichern und gleichzeitig den wirtschaftlichen Erfolg auf globaler Ebene zu ermöglichen und weiter auszubauen. Unsere Vision ist es, dass wir aus der Corona-Wirtschaftskrise schlank, wirtschaftlich gesund und gestärkt herauskommen. "Wir", das sind unsere Beteiligungen, für die wir hauptsächlich da sind. Darüber hinaus fördern wir auch zahlreiche Initiativen, die zu einer Verbesserung der in Österreich verfügbaren Technologien sowie unserer wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen beitragen sollen. Dazu zählen in erster Linie unser Forschungspreis, der Houskapreis, der heuer zum 15. Mal für herausragende Leistungen im Bereich der Hochschul- sowie der KMU-Forschung vergeben wurde.

Ein großer Schwerpunkt der jüngeren Zeit ist die Förderung der Wirtschaftsbildung. Mit der Gründung der MEGA Bildungsstiftung gemeinsam mit der Berndorf Privatstiftung engagieren wir uns sehr stark im Bereich der Wirtschaftsbildung mit dem Ziel, die allgemeine Wirtschaftskompetenz/Life-Skills von Jugendlichen in Österreich zu verbessern. Mit diesen Maßnahmen möchten wir einen Beitrag zur Stärkung des österreichischen Wirtschaftsstandorts leisten, der auch in zehn Jahren unseren Wohlstand sichert. (jw)

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"Österreich verbindet Welten"

Österreich beweist jeden Tag, dass auch ein kleines Land Großes erreichen kann. Das ist der Tenor aus vielen Reaktionen aus dem Ausland wie etwa "In Österreich ist es einfacher, mutigere Lösungen zu verwirklichen, da hier eine unverkrampfte Herangehensweise praktiziert wird, die freier denken lässt." "Österreich ist ein Standort, der meinem Unternehmen Kontakte überall hin ermöglicht, das ist ein echter Wettbewerbsvorteil." "Es ist überraschend, was dieses kleine Land leistet."

Initiativen wie der Verein "Österreich verbindet Welten" unterstreichen dies: Seit einem Jahr treten fast 70 Unternehmen und CEOs mit dem gemeinsamen Logo unter der Marke "Österreich verbindet Welten" auf. Die Vereinsmitglieder beschäftigen in Österreich mehr als 170.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaften an 200 Standorten rund 20 Milliarden Euro. Der gemeinsame Markenauftritt stärkt den Wirtschaftsstandort Österreich und ist Symbol für die Leichtigkeit, die sich in Österreich mit höchster Qualität verbindet.

Wenn Sie Mitglied werden wollen, besuchen Sie die Webseite oe-verbindet.at oder schreiben Sie an office@oe-verbindet.at.

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