Der weltweite KI-Boom verändert nicht nur die Digitalwirtschaft, sondern zunehmend auch die Grundlagen der Energieversorgung. Rechenzentren, die KI-Modelle trainieren und betreiben, verbrauchen enorme Mengen an Strom und lassen den Bedarf oft schneller wachsen, als Netze und Kraftwerke mithalten können, während zugleich immer schwerer abschätzbar wird, wie hoch dieser Bedarf künftig tatsächlich ausfällt. Wie tiefgreifend dieser Wandel die Branche erfasst, zeigt auch die aktuelle Studie "AI meets the grid: shaping the data center power play" des Capgemini Research Institute, für die weltweit über 600 leitende Führungskräfte aus dem Energiesektor befragt wurden (siehe Infobox).
Stromnachfrage wird volatiler
Die größte Herausforderung ist längst nicht mehr das Wachstum allein, sondern die Unsicherheit. Versorger planen zunehmend für einen Bedarf, der am Ende womöglich gar nicht eintritt. Konkret berichten 67 Prozent der Führungskräfte von sogenannten Phantom-Lastanfragen aus Rechenzentren, von denen rund zwei von zehn nie realisiert werden, was Prognosen verzerrt und das Risiko von Über- wie Unterinvestitionen erhöht. Entsprechend heikel wird die Kapitalallokation. Versorger müssen festlegen, wie viel Kapazität sie aufbauen und wo sie in die Netzmodernisierung investieren, während Hyperscaler ihre Infrastrukturentscheidungen auf Basis unsicherer Prognosen, begrenzter Netzverfügbarkeit und langer Anschlusszeiten treffen. 77 Prozent der Versorger geben an, den künftigen Bedarf nur schwer vorhersagen zu können, 68 Prozent rechnen mit Versorgungsengpässen, und mehr als die Hälfte sieht in der geografischen Ballung von Rechenzentren ein wesentliches Hindernis für eine stabile Versorgung.
"KI transformiert Energiesysteme weit über das reine Nachfragewachstum hinaus. Sie macht strukturelle Engpässe bei Netzkapazitäten, Planung und Stromverfügbarkeit sichtbar und lässt die Nachfrage zugleich dynamischer und schwerer prognostizierbar werden", erklärt Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich, und ergänzt: "Energieversorger übernehmen dabei eine Schlüsselrolle: Sie nutzen KI-gestützte Erkenntnisse, um Netz- und kundeneigene Ressourcen auszubalancieren, verfügbare Kapazitäten schneller zu erschließen und die nächste Wachstumsphase von Rechenzentren zu ermöglichen."
KI als Nachfragetreiber und Werkzeug zugleich
KI wirkt in diesem Umbruch in einer Doppelrolle. Einerseits treibt sie den Verbrauch massiv nach oben – laut Studie dürfte der Anteil von Training und Betrieb von KI-Anwendungen am gesamten Strombedarf der Rechenzentren in den kommenden drei bis fünf Jahren von 25 auf 60 Prozent steigen und andere IT-Workloads weitgehend verdrängen. Andererseits gilt KI als wichtiger Hebel für stabilere Netze – rund sechs von zehn Energieverantwortlichen erwarten, dass fortschrittliche KI-Analysen Störungen senken, die Produktivität steigern und Ausfälle besser vermeiden, mit Verbesserungen von jeweils über zehn Prozent. In der Praxis bleibt der Einsatz jedoch begrenzt. 45 Prozent nutzen KI bereits zur Netzoptimierung, doch erst 16 Prozent haben fortgeschrittene Ansätze etwa zur Steuerung von Stromflüssen oder zur Echtzeitkontrolle im Einsatz, während lange Bauzeiten für Netzinfrastruktur das Tempo zusätzlich bremsen.
Rechenzentren setzen verstärkt auf eigenen Strom
Angesichts von Netzengpässen greifen viele Rechenzentren zunehmend zu eigenen Stromlösungen, die nicht mehr nur als Notreserve dienen, sondern zur primären Versorgung werden, entweder direkt am Standort hinter dem Netzanschluss (behind-the-meter, BTM) oder in unmittelbarer Nähe. Knapp drei von zehn Befragten setzen solche Vor-Ort-Lösungen bereits ein, weitere 39 Prozent wollen sie in den nächsten ein bis zwei Jahren einführen, und mehr als sieben von zehn erwarten dadurch eine deutlich geringere Abhängigkeit vom öffentlichen Netz binnen fünf Jahren. 86 Prozent werten die Unabhängigkeit vom Netz sogar als Wettbewerbsvorteil, was die traditionelle Beziehung zwischen Versorgern und großen Stromabnehmern grundlegend verschiebt.
Diversifizierter Energiemix als Basis für stabiles Wachstum
Als Grundlage für Zuverlässigkeit und langfristige Resilienz gilt ein breit aufgestellter Energiemix. Erneuerbare Energien allein reichen derzeit noch nicht aus, um Rechenzentren und KI-Workloads durchgängig und in großem Maßstab zu versorgen. Diese Einschätzung teilen 78 Prozent der Energie- und 73 Prozent der Rechenzentrumsverantwortlichen, die deshalb verstärkt in Batteriespeicher (BESS) investieren. Langfristige Optionen wie Kernenergie in Form kleiner modularer Reaktoren (Small Modular Reactors) brauchen dagegen Zeit, weshalb mehr als zwei Drittel der Befragten (68 %) kurzfristig auf Erdgas als Brücke setzen, bis erneuerbare Energien und Speichertechnologien ausreichend skaliert sind, auch wenn das in Spannung zu den eigenen Klimazielen steht.
Die gesamte Studie können Sie hier nachlesen.
www.capgemini.com
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