Gastkommentar von Hans Harrer
Weltmeister mit Fußfesseln

| Redaktion 
| 14.05.2026

Ein Gastkommentar von Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender vom Senat der Wirtschaft.

Eine Sprinterin steht an der Startlinie, die Füße gefesselt, und die Konkurrenz ist längst auf der Überholspur. So ist Österreichs Wirtschaft: Weltklasse – und gleichzeitig angekettet.

Wenn im Sommer 2026 die Welt zur FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 blickt, wird auch Österreich wieder mit einer gewissen Erwartung dabei sein. Die österreichische Fußballnationalmannschaft hat unter Teamchef Ralf Rangnick eine Haltung entwickelt, die diesem Land gut ansteht. Selbstbewusstsein, Klarheit, Mut zum Angriff. Niemand entschuldigt sich dort für Ambitionen.

In der Wirtschaft wäre eine ähnliche Haltung längst überfällig. Österreich ist ein Land der Weltmeister, nur spielen sie selten im Rampenlicht. Sie entwickeln Technologien, bauen Anlagen und liefern weltweit gefragte Lösungen. Unternehmen wie voestalpine, AVL List, Rosenbauer oder Doppelmayr setzen in ihren Nischen globale Maßstäbe. Das ist industrielle Substanz, die Wohlstand schafft.

Gerade deshalb fällt ein Widerspruch auf, der politisch viel zu selten ausgesprochen wird. Während diese Unternehmen auf globalen Märkten mit höchster Geschwindigkeit konkurrieren, begegnet ihnen im eigenen Land ein System, das Zeit für eine unbegrenzte Ressource hält. Genehmigungen dauern Jahre, Vorschriften und Berichtspflichten türmen sich. Wer investieren will, braucht Geduld, starke Nerven und Ausdauer für Verfahren, die sich wie Fußfesseln anfühlen, während die Märkte längst sprinten.

Für viele Betriebe ist das längst kein Detail mehr. Für exportorientierte Industrieunternehmen und den österreichischen Mittelstand wird diese Trägheit zum realen Risiko. Kapital sucht Standorte, an denen Entscheidungen fallen, Projekte gebaut werden können und Rahmenbedingungen verlässlich sind. Technologien folgen den Investitionen, Produktionsketten entstehen dort, wo Tempo möglich ist. Globale Märkte warten nicht auf politische Verfahren.

Österreich ist stark, weil seine Unternehmen und Manager:innen exzellent sind. Sie bauen Technologien, die andere Länder erst noch erfinden müssen, und kämpfen auf Märkten, auf denen andere längst aufgegeben hätten. Ihr Erfolg entsteht nicht durch die Politik, sondern trotz ihr. Die Politik lobt sie, posiert mit ihren Weltmarktführern – und legt ihnen gleichzeitig Fußfesseln an, zögert Genehmigungen, stapelt Vorschriften. Wer hier gewinnt, gewinnt gegen die Bürokratie, nicht mit ihr.

Ein Land, das Weltmeister hervorbringt, darf ihnen keine Fußfesseln anlegen. Alles andere ist Augenauswischerei. Ein Weltmeister mit Fußfesseln.

www.senat.at


Kommentare auf LEADERSNET geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion. Im Sinne der Pluralität versuchen wir unterschiedlichen Standpunkten Raum zu geben – nur so kann eine konstruktive Diskussion entstehen. Kommentare können einseitig, polemisch und bissig sein, sie erheben jedoch nicht den Anspruch auf Objektivität.

leadersnet.TV