Ich habe neulich eine Website ausprobiert, die Unternehmen sagt, wie sterblich sie sind: Death by Clawd. Du gibst eine Website ein und bekommst einen "Death Score". Also eine satirische Einschätzung, wie viel deines Produkts, deiner Dienstleistung oder deines Geschäftsmodells theoretisch durch KI-Agenten ersetzt werden kann. Klingt nach Nerd-Humor mit schwarzem Hoodie. Ist es auch.
Ich musste lachen. Dann nicht mehr. Denn gute Satire tut weh, weil sie nicht komplett lügt. Death by Clawd kratzt genau dort, wo es unangenehm wird: Viele Geschäftsmodelle bestehen aus Oberfläche, Prozesslogik, wiederholbaren Entscheidungen und halbwegs gut dokumentierten Arbeitsschritten. Recherche. Briefing. Erstentwurf. Varianten. Reporting. Monitoring. Follow-up. Dokumentation.
Also genau jenem Material, aus dem KI-Agenten gerade ihre Karriere bauen.
Die Gefahr ist nicht, dass KI deine Expertise ersetzt. Die Gefahr ist, dass deine Kund:innen merken, wie wenig von deiner Rechnung echte Expertise war.
Routine verliert ihre Marge
Ganz ehrlich? Viele Dienstleister:innen verkaufen nicht nur Erfahrung. Sie verkaufen auch Reibung. Die ewige Erstfassung. Die zehn Headline-Varianten. Die Copy-Paste-Reports. Das Zusammenfassen von Briefings. Das Medienmonitoring. Das Nachfassen. Das Umschreiben für LinkedIn, Newsletter und Pressebereich. Das war lange ein Geschäftsmodell. Nicht böse. Einfach gewachsen. Stunden wurden verkauft, weil Arbeit eben Arbeit war.
Nur: KI-Agenten lieben Routine. Sie brauchen keinen Kaffee, keine Motivation und keine drei Abstimmungsschleifen, um aus einem Briefing fünf Varianten zu bauen. Das heißt nicht, dass Expertise wertlos wird. Im Gegenteil. Aber schlechte Verpackung wird wertlos. KI entwertet nicht Erfahrung. KI entwertet alles, was wir jahrelang als Erfahrung mitverkauft haben, obwohl es Routine war.
Der Basis-Agent wird Commodity
In zwei Jahren wird fast jede:r Kund:in einen brauchbaren Basis-Agenten bauen können. Vielleicht früher.
Website rein. alte Texte rein. Produktinfos rein. Styleguide rein. ein paar gute Beispiele rein. Und schon schreibt das Ding Presseaussendungen, LinkedIn-Posts, Newsletter-Absätze, Anzeigenvarianten, Sales-Follow-ups oder interne Briefings. Nicht perfekt. Aber gut genug für viele einfache Aufgaben. Und "gut genug" ist der natürliche Feind des alten Stundenmodells.
Wer sich heute keine PR-Agentur leisten kann, wird mit einem Basis-Agenten besser kommunizieren als vorher. Nicht brillant. Aber regelmäßiger. schneller. strukturierter. Das ist gut für diese Kund:innen. Und gefährlich für alle Dienstleister:innen, die Routine als Premiumprodukt verkaufen.
Der PR-Agent ist ein Angriff auf abrechenbare Stunden
Nehmen wir PR. Eine gute PR-Agentur verkauft Mediengefühl, Timing, Kriseninstinkt, Erfahrung, Kontakte und ein Gespür dafür, welche Geschichte trägt. Das bleibt wertvoll.
Aber seien wir ehrlich: Nicht jede Stunde auf einer PR-Rechnung ist strategische Genialität. Da steckt viel Routine drin. Themen recherchieren. Erstentwürfe schreiben. Alte Aussendungen vergleichen. CEO-Zitate anpassen. LinkedIn-Versionen bauen. Verteiler prüfen. Clippings zusammenfassen. Nachfassmails vorbereiten.
Genau diese Arbeit greift ein PR-Agent an. Ein gut gebauter PR-Agent kann aus einem Briefing mehrere Kommunikationsformate bauen: Presseaussendung, LinkedIn-Post, internes Statement, Newsletter-Absatz, Q&A für Führungskräfte. Er kann alte Texte analysieren, Tonalität übernehmen, No-Gos beachten und Themen vorschlagen.
Das ersetzt nicht die erfahrene PR-Beraterin, die spürt, ob ein Thema medial trägt. Es ersetzt nicht die Person, die in einer Krise sagt: "Stopp, so gehen wir damit nicht raus." Aber es ersetzt sehr wohl einen großen Teil der operativen Zuarbeit. Und ja: Das bedeutet weniger abrechenbare Stunden. Weniger Junior-Arbeit. Weniger manuelle Schleifen. Weniger "wir brauchen dafür drei Tage".
Die Chance für Agenturen liegt nicht darin, das zu leugnen. Die Chance liegt darin, selbst den PR-Agenten zu bauen. Mit der eigenen Erfahrung. Mit der eigenen Methodik. Mit der eigenen Handschrift. Denn wenn die Agentur es nicht macht, macht es irgendwann der:die Kund:in. Vielleicht schlechter. Vielleicht generischer. Aber billiger, schneller und intern verfügbar.
Dann verliert die Agentur nicht, weil KI besser ist. Sie verliert, weil sie ihre eigene Expertise nie in ein System übersetzt hat.
Der schwierige Teil ist nicht der Bot
Ich sage das nicht aus der Theorie. Wir bauen solche Spezialinstanzen heute bereits: PR-nahe Agenten, Content-Agenten, Rechercheinstanzen, interne Wissenssysteme, Sparringsagenten und andere spezialisierte KI-Rollen.
Und bei biteme.digital arbeiten wir selbst mit einem System aus rund 15 Instanzen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen und zusammenspielen. Nicht als Spielerei. Sondern weil man erst im eigenen Betrieb versteht, wo Agenten wirklich helfen – und wo sie ohne Struktur nur hübsch halluzinieren.
Der schwierige Teil ist nicht, einen Bot zu bauen. Der schwierige Teil ist, Erfahrung so zu strukturieren, dass ein Agent damit arbeiten kann. Ein Agent ohne Methodik ist ein Praktikant mit WLAN. Manchmal nützlich. Manchmal gefährlich. Selten strategisch.
Wie du den Kopf aus der Schlinge ziehst
Der erste Schritt ist brutal ehrlich: Trenn deine Leistung in Expertise und Routine. Was ist echte Urteilskraft? Was ist wiederholbare Produktion? Was ist Strategie? Was ist Copy-Paste mit schöner Rechnung?
Der zweite Schritt: Sammle deine Heritage. Gute Pitches. schlechte Pitches. alte Kampagnen. Freigabeschleifen. Tonalitätsregeln. No-Gos. Krisenfälle. Kundenfeedback. Redaktionslogiken. Reportingstandards. All das ist kein Archiv. Das ist Rohstoff.
Der dritte Schritt: Bau keinen Bot. Bau eine Rolle. Ein Agent braucht Aufgabe, Grenzen, Daten, Eskalation und Qualitätskontrolle. Sonst ist er nur ein Chatfenster mit Visitenkarte.
Der vierte Schritt: Verkauf nicht nur Output. Verkauf Betrieb, Wartung, Weiterentwicklung, Qualität, menschliche Kontrolle und Strategie. Nicht mehr: "Wir machen deine PR." Sondern: "Wir bauen und betreiben dein Kommunikationssystem." Das ist kein kleiner Produktwechsel. Das ist ein neues Geschäftsmodell.
Baust du deine Handschrift – oder baut dein:e Kund:in den Durchschnitt?
Death by Clawd ist lustig, weil es überzeichnet. Es ist unangenehm, weil es recht hat. Die Seite fragt nicht höflich, ob du schon eine KI-Strategie hast. Sie fragt brutal: Wie viel von deinem Angebot besteht aus echter Expertise, und wie viel aus Routine, Verpackung und Prozessnebel?
Wenn deine Erfahrung nur in Köpfen, alten Präsentationen, Slack-Nachrichten, Projektordnern und "das machen wir immer so"-Ritualen steckt, hast du kein Wissenskapital. Du hast ein Suchproblem.
Wenn du dieses Wissen aber strukturierst, orchestrierst und in Agenten übersetzt, entsteht etwas Neues: skalierbare Expertise.
Die Maschine kommt nicht. Sie sitzt schon im Meeting.
Also ja: Probier Death by Clawd aus. Lach kurz. Schluck einmal. Und dann stell dir die einzige Frage, die zählt: Baust du den Agenten mit deiner Handschrift? Oder wartest du, bis dein:e Kund:in den Durchschnitt baut?
www.ahoi.biteme.digital
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