Es ist später Nachmittag bei Marco Simonis im ersten Wiener Gemeindebezirk, zwischen Feinkostregalen, die eher an eine kuratierte Genusswelt als an ein klassisches Restaurant erinnern. Gläser klirren leise, Gespräche setzen ein, noch bevor die erste Frage gestellt ist. Ein Setting, das mehr nach kulinarischem Austausch als nach klassischer Pressekonferenz wirkt. Und doch geht es hier auch um harte Fakten, um Märkte, um Transformation.
Der Einstieg ist philosophisch. "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Das Zitat des berühmten dänischen Denkers Søren Kierkegaard fällt gleich zu Beginn. Ein Satz, der hängen bleibt. Doch genau darum geht es: Anhand einer Karriere wird eine ganze Branche erzählt.
Transgourmet Österreich-Co-Geschäftsführer Manfred Hayböck, der nach 38 Jahren im Unternehmen in Pension geht, steht im Zentrum. Seine Laufbahn beginnt 1988 als EDV-Projektleiter, in einer Zeit, in der Computer teilweise noch Großgeräte sind und Bestellungen per Akustikkoppler übertragen werden. Heute spricht man über KI, Echtzeitsteuerung und digitale Plattformen. Dazwischen liegen Welten. Auch der Name Transgourmet ist in Österreich zu diesem Zeitpunkt noch Zukunftsmusik. Erst viele Jahre später, genauer 2016, werden die Schweizer das Unternehmen kaufen. 1988 heißt der Gastrogroßhändler noch Pfeiffer Großhandels GmbH.
Vom Großmarkt zum Systemanbieter
Die Zahlen sind beeindruckend, aber fast schon Nebensache. Aus einem regionalen Großhändler wird ein Multi-Channel-Anbieter mit rund 910 Millionen Euro Umsatz, 2.200 Mitarbeitenden und einem Zustellanteil von über 70 Prozent. Entscheidend ist die strategische Verschiebung. Früh fokussiert sich das Unternehmen auf Gastronomie und Hotellerie. Aus dem klassischen Abholmarkt wird ein Systemanbieter. Sortimente werden breiter, Services tiefer, die Rolle komplexer. "Wir liefern nicht mehr nur Ware, wir liefern Lösungen", beschreibt Hayböcks Kollege Thomas Panholzer den Anspruch. Künftig wird Panholzer ohne seinen langjährigen Co-Geschäftsführer auskommen. Er muss Transgourmet Österreich alleine in die Zukunft führen. Kein Wunder, dass an diesem Tag auch eine Prise Wehmut in der Luft liegt. Bemerkenswert dabei: In all den Jahren der Zusammenarbeit mit Hayböck habe es zwischen den beiden keinen Streit gegeben, betonen beide mehrfach.
Geschwindigkeit wird zur neuen Währung
Was sich durch den gesamten Nachmittag zieht, ist ein zentrales Motiv: Tempo. Time-to-Market, Reaktionsfähigkeit, Anpassungsgeschwindigkeit. Prozesse, die früher Wochen dauerten, müssen heute in deutlich kürzerer Zeit funktionieren. "Heute sind drei Wochen Listungszeit schlicht zu langsam", sagt Panholzer. Trends entstehen schneller, bleiben kürzer, Nachfrage wird unberechenbarer. "Die Nachfrage ist heute so volatil, dass wir in Echtzeit steuern müssen", bringt es Hayböck auf den Punkt. Gleichzeitig wächst der Druck. Steigende Kosten, intensiver Wettbewerb, neue Anbieter aus dem Ausland. Dazu eine Bürokratie, die von den Verantwortlichen offen als Wettbewerbsnachteil gesehen wird.
Und doch gibt es auch Chancen. Der Tourismusstandort Österreich profitiert von globalen Verschiebungen, Gastronomiekonzepte werden differenzierter, Qualität bleibt ein entscheidender Faktor. Was sich nicht verändert hat, ist ein anderer Punkt. "Die Menschen machen den Unterschied", sagt Hayböck mehrfach. Trotz Digitalisierung, trotz KI, trotz Automatisierung bleibt der Faktor Mensch zentral.
Was bleibt, wenn die Zeit weiterläuft
Am Ende geht es wieder zurück zum Anfang. Zur Zeit. Zur Frage, was bleibt nach vier Jahrzehnten in einer Branche, die sich permanent neu erfindet. Hayböcks Antwort ist klar. Veränderung ist kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Wer bestehen will, muss schneller werden, ohne die Nähe zum Kunden zu verlieren.
Seine eigene Zeit bei Transgourmet endet mit diesem Abend. Die Branche aber bleibt in Bewegung. Und das Thema Zeit auch. Denn Hayböck nimmt es mit in den nächsten Lebensabschnitt. Er möchte sich einen langgehegten Wunsch erfüllen und einen Science-Fiction-Roman schreiben. Das Thema: die Zeit.
KEYaccount/LEADERSNET war auch mit einem Fotografen vor Ort. Alle Fotos finden Sie hier.
www.transgourmet.at
Kommentar veröffentlichen