Bauwerksbegrünung erstmals verbindlich im Bauwesen verankert
Mehr Grün auf dem Dach: Was sich durch die neue ÖNORM ab sofort ändert

| Julia Weninger 
| 29.04.2026

Bisher galt die Begrünung oft als dekoratives "Extra", jetzt ist sie integraler Teil der Bauplanung. Mit der neuen ÖNORM B 1131 untermauert Österreich seine EU-weite Vorreiterrolle und verankert Biodiversität, Klimaschutz und technische Sicherheit direkt im Regelwerk des Bauwesens.

 Es ist ein Meilenstein, der die Silhouette österreichischer Städte nachhaltig verändern wird: Mit dem Inkrafttreten der ÖNORM B 1131 – "Begrünung von Dächern und Decken auf Bauwerken" – vollzieht die Branche einen entscheidenden Schritt. Nach einer intensiven fünfjährige Überarbeitungsphase markiert dieses Regelwerk einen Paradigmenwechsel. Was früher unter der "L-Norm" (Landschaftsbau) firmierte, rückt nun als "B-Norm" ins Herz des Bauwesens. Das bedeutet: Grüne Dächer sind kein optionales Accessoire mehr, sondern ein technisch präzise definierter Baustandard.

Weg von der Nische

Der Wechsel in die B-Kategorie signalisiert der gesamten Immobilienbranche, dass Begrünungssysteme nun über alle Projektphasen hinweg – von der ersten Skizze über die Ausschreibung bis zur Pflege – als funktionaler Bestandteil des Gebäudes behandelt werden. Österreich besetzt damit eine Alleinstellung in der EU: Kein anderes Land verfügt über ein derart lückenloses Normen-Netzwerk für Dächer, Fassaden und Innenräume.

"Mit der neuen ÖNORM B 1131 schaffen wir einen neuen Stand der Technik, auf dem Qualität in der Bauwerksbegrünung einheitlich geplant, umgesetzt und bewertet werden kann. Sie ist zugleich die Basis für unsere weiterentwickelten Zertifizierungen von Produkten und Betrieben und sorgt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit im Markt", betont Martin Haas, Vorstandsvorsitzender des Verbands für Bauwerksbegrünung.

Was sich auf den Dächern konkret ändert

Die Norm liefert Antworten auf die drängenden Fragen des klimagerechten Bauens. Vor allem die Multifunktionalität steht im Fokus. Bisherige Sonderlösungen werden zum Standard:

Solar & Retention: Die Kombination aus Photovoltaik und Begrünung (Solargründach) sowie Systeme zur gezielten Regenwasserrückhaltung (Retentionsgründächer) sind nun systematisch erfasst.

Höhere Mindeststandards: Für extensive Gründächer gilt künftig eine Mindestaufbauhöhe von 10 cm (davon mindestens 8 cm Substrat). Weniger tiefgehende Varianten verlieren ihren Status als Standardbauweise.

Brandschutz & Technik: Klare Vorgaben zum Brandverhalten aller Kategorien erhöhen die Planungssicherheit massiv. Zudem wurden die Anforderungen an Dränschichten und Substrate präzisiert und an die Praxis angepasst.

Biodiversität: Ein verstärkter Fokus liegt auf heimischen Pflanzen und standortgerechten Systemen, die echten Lebensraum schaffen.


Für Projektentwickler und Architekten bedeutet das neue Regelwerk vor allem eines: Rechtssicherheit. "Hinsichtlich Begrünungsstandards nehmen wir innerhalb der EU eine klare Vorreiterrolle ein. Die neue ÖNORM B 1131 definiert den Stand der Technik für zukunftsfitte, multifunktionale Gründächer und bildet aktuelle Trends und Entwicklungen systematisch ab", erklärt Christian Oberbichler, Arbeitsgruppenleiter der AG 227.19.

Trotz der technischen Tiefe bleibt das Ziel praxisnah. Katharina Mauss, Prokuristin von Grünstattgrau, unterstreicht: "Entscheidend ist, dass die Norm die steigende Komplexität in der Praxis gut abbildet. Sie schafft eine bessere Orientierung für alle Beteiligten und ermöglicht es, auch anspruchsvollere Projekte sicher und nachvollziehbar umzusetzen."

Die Phase der Umsetzung beginnt

Die Kompetenzstelle flankiert diesen Roll-out mit Wissensvermittlung, Weiterbildungen und Beratungen für Kommunen und Förderstellen. "Die neue ÖNORM B 1131 ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend ist jetzt, dass sie in der Praxis ankommt. Wir unterstützen bei der Umsetzung und sind Bindeglied zwischen Bauwesen und Begrünungsbranche", so Geschäftsführerin  Susanne Formanek.

Das Fazit der Branche fällt optimistisch aus. Die jahrelange Zusammenarbeit von Experten aus Forschung, Solartechnik, Pflege und Bau hat ein Fundament gegossen, das tragfähig ist. Martin Haas resümiert: "Damit ist klar definiert, wie Planung sowie Umsetzung künftig aussehen müssen. Jetzt geht es darum, diese Standards in die Praxis zu bringen und Bauwerksbegrünung in Österreich breiter zu realisieren. Genau darin liegt die Chance für die nachhaltige Entwicklung unserer Branche."

www.gruenstattgrau.at

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