Rund 60 Expert:innen kamen in der Wiener Börse zusammen, um im Rahmen des Vorsorge-Dialogs 2026 über die Zukunft der zweiten und dritten Pensionssäule zu beraten. Im Mittelpunkt standen der geplante Generalpensionskassenvertrag sowie ein mögliches Vorsorgedepot nach deutschem Vorbild. Die Veranstaltung fand im Rahmen der ÖVFA-Initiative "Kapitalmarkt Österreich" statt.
Hohe Abhängigkeit von staatlichen Pensionen
Die Ausgangslage ist tatsächlich herausfordernd. Laut den Expert:innen stammen rund 82 Prozent der Alterseinkommen in Österreich aus öffentlichen Transfers; der OECD-Durchschnitt liegt bei rund 57 Prozent. Gleichzeitig habe sich die durchschnittliche Pensionsdauer seit 1972 von neun auf rund 20 Jahre erhöht.
Paul Severin, Vorstandsmitglied der ÖVFA und Moderator der Veranstaltung, sieht daher Handlungsbedarf: "Österreich hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem." Die Alterseinkommen würden im internationalen Vergleich außergewöhnlich stark von der staatlichen Pension abhängen, während die zweite und dritte Säule bislang zu wenig Breitenwirkung entfalteten.
Generalpensionskassenvertrag als wichtiger Baustein
Der geplante Generalpensionskassenvertrag soll einen standardisierten Zugang zur Übertragung von Vorsorgeansprüchen in eine Pensionskasse schaffen und damit die betriebliche Altersvorsorge stärken.
Christoph Pramhofer, Finanzsprecher der NEOS, bezeichnete den Generalpensionskassenvertrag als zentralen Baustein für den Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Gemeinsam mit der Reform der Vorsorgekassen sei damit ein erster wichtiger Schritt gelungen. Weitere Reformen seien jedoch notwendig. Österreich brauche attraktivere steuerliche Rahmenbedingungen für die dritte Säule sowie eine stärkere Nutzung des Kapitalmarkts für die Altersvorsorge.
Auch Beate Wolf vom Fachverband Pensions- und Vorsorgekassen sieht im neuen Modell Potenzial: "Wichtig ist aber, dass wir nicht nur Guthaben verwalten, sondern daraus echte Zusatzpensionen machen." Dafür brauche es klare Regeln, einfache Übertragungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, die eine langfristige Veranlagung ermöglichen.
Österreich liegt im internationalen Vergleich zurück
Mehrere Diskussionsteilnehmer:innen verwiesen auf Länder wie Schweden oder die Niederlande, die ihre kapitalgedeckten Vorsorgesysteme bereits deutlich früher ausgebaut hätten.
Monika Köppl-Turyna, Direktorin von EcoAustria, erklärte, Österreich finanziere einen Großteil der Altersvorsorge über die erste Säule und nutze kapitalgedeckte Modelle vergleichsweise wenig. Andere europäische Länder würden zeigen, dass breitere zweite und dritte Säulen möglich seien.
Deutschland als Vorbild beim Vorsorgedepot
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Entwicklung in Deutschland. Dort soll ab 2027 ein staatlich gefördertes Vorsorgedepot für Fonds- und ETF-Investments eingeführt werden.
Heinz Bednar, Präsident des VÖIG, sieht darin einen möglichen Orientierungspunkt für Österreich. "Österreich scheitert nicht am fehlenden Vorsorgewillen der Menschen, sondern an den Rahmenbedingungen", sagte er. Wer private Altersvorsorge breiter verankern wolle, müsse diese einfach, kostengünstig, steuerlich attraktiv und kapitalmarktnah gestalten.
Ein österreichisches Vorsorgedepot würde nach Einschätzung der Diskutant:innen einen klaren steuerlichen Rahmen, ein kostengünstiges Standardprodukt sowie Garantien auf freiwilliger Basis erfordern.
Mehr Kapitalmarkt, aber auch Sicherheit
Für Christian Lückl von der Wiener Städtischen sollte eine stärkere Kapitalmarktorientierung nicht zulasten der Absicherung gehen. Mehr Kapitalmarkt in der Altersvorsorge sei notwendig, Vorsorge müsse aber auch Sicherheit im Pensionsalter bieten. Neben Fonds- und ETF-Lösungen brauche es daher weiterhin Versicherungslösungen mit lebenslangen Renten und planbaren Zusatzeinkommen.
Breite Einigkeit herrschte zudem darüber, dass starre Quoten für Investitionen in heimische Private Markets nicht zielführend seien. Stattdessen wurden marktgerechte Anreize und investierbare Anlagevehikel als sinnvoller erachtet.
Appell an die Politik
Zum Abschluss des Vorsorge-Dialogs 2026 appellierte Severin an die Politik, den Reformprozess zu beschleunigen: "Österreich muss bei der Altersvorsorge vom Reparaturmodus in den Gestaltungsmodus kommen." Der Generalpensionskassenvertrag und ein modernes Vorsorgedepot könnten dabei wichtige Bausteine sein.
Fotos von der Veranstaltung sehen Sie in unserer Galerie.
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