Wachstumstreiber für heimische Wirtschaft
Österreich profitiert weiter von stabiler Entwicklung in Osteuropa

| Redaktion 
| 29.04.2026

Trotz steigender Energiepreise infolge des Iran-Kriegs zeigen sich zahlreiche Volkswirtschaften widerstandsfähig, auch wenn sich die Dynamik abschwächt. Für die heimische Wirtschaft bleiben sie dennoch ein zentraler Faktor im Außenhandel.

Die Wirtschaft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa bleibt trotz der durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiepreissteigerungen insgesamt stabil, verliert jedoch an Dynamik. Das geht aus der aktuellen Frühjahrsprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) hervor, die 23 Länder der Region analysierte.

Besonders die EU-Mitgliedstaaten zeigen sich bislang robust, stehen jedoch unter zunehmendem Druck. "Derzeit sind die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die EU-Mitglieder in Osteuropa noch überschaubar. Über eine anziehende Inflation, eine geringere Exportnachfrage, gestörte Lieferketten und weiter nachlassende Direktinvestitionen könnte man aber stark in Mitleidenschaft gezogen werden", sagte Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Frühjahrsprognose.

Strukturelle Schwächen treten stärker hervor

Neben den aktuellen geopolitischen Risiken belasten strukturelle Probleme die wirtschaftliche Entwicklung. In vielen Ländern sind die Lohnkosten deutlich gestiegen, ohne dass entsprechende Produktivitätsgewinne erzielt wurden, so die Studie. Gleichzeitig nimmt der Wettbewerb aus China zu, während ausländische Direktinvestitionen zurückgehen. "Das bisherige Erfolgsmodell Ostmitteleuropas als verlängerte Werkbank ausländischer Industriekonzerne, die dort günstig produzieren und dafür große Investitionen tätigen, steht eindeutig zur Disposition", so Grieveson.

Ein weiterer Hinweis auf diesen Wandel ist die Entwicklung der Staatsausgaben: Erstmals seit den 1990er-Jahren erreichen die Verteidigungsausgaben in mehreren Ländern ein ähnliches oder höheres Niveau als ausländische Direktinvestitionen.

Wachstum bleibt über dem Niveau der Eurozone

Für die EU-Staaten der Region rechnet das wiiw im Jahr 2026 mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent. Auch 2027 wird ein ähnlich hohes Wachstum erwartet. Damit liegt die Region weiterhin deutlich über der prognostizierten Entwicklung der Eurozone.

"Im Negativszenario eines längeren Krieges im Nahen Osten könnte das Wachstum aber in einzelnen Ländern der Region um rund 1 bis 1,5 Prozentpunkte darunter liegen", warnt Grieveson.

Innerhalb der Region bleibt Polen ein zentraler Wachstumsmotor. Auch der Westbalkan sowie die Türkei verzeichnen solide Zuwächse, während sich Ungarn nach politischen Veränderungen nur langsam erholt.

Ungarn vor wirtschaftlicher Neuausrichtung

Nach dem politischen Wechsel steht Ungarn vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen. Hohe Inflation, ein angespanntes Budget sowie strukturelle Probleme prägen die Ausgangslage. "Der designierte neue Regierungschef Péter Magyar hat ein ambitioniertes Wirtschaftsprogramm vorgelegt und möchte den Euro einführen. Angesichts des hohen Defizits wird es aber eine schwierige Aufgabe werden, den dafür notwendigen fiskalischen Spielraum zu schaffen. Der Aufschwung wird Zeit brauchen", gibt Sándor Richter, Ungarn-Experte des wiiw, zu bedenken.

Ukraine besonders stark betroffen

Deutlich schwieriger ist die Lage in der Ukraine, die zusätzlich zum russischen Angriffskrieg nun auch die Folgen des Konflikts im Nahen Osten spürt. Vor allem die Energieversorgung und steigende Preise setzen der Wirtschaft zu. "Durch ihre große Importabhängigkeit bei Treibstoff und Düngemitteln für die wichtige Landwirtschaft trifft der Iran-Krieg die Ukraine besonders hart", erklärt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des wiiw und ergänzt: "Schon jetzt sehen wir, dass die Nachbarländer ihre Treibstoffexporte in die Ukraine einschränken. Sollte sich diese Entwicklung verstärken, könnte die Ukraine in ernsthafte Schwierigkeiten geraten."

Russland profitiert fiskalisch, stagniert wirtschaftlich

Russland erzielt durch höhere Energiepreise zusätzliche Einnahmen, was die Budgetlage stabilisiert, zeigt die Analyse. Auf die reale Wirtschaft hat dies jedoch nur begrenzte Auswirkungen. "Der Iran-Krieg stabilisiert das russische Budget. Je länger er dauert und je länger die Ölpreise hoch bleiben oder noch weiter steigen, desto positiver werden die Auswirkungen für Russland sein, schließlich fließen von jedem US-Dollar, um den der Rohölpreis steigt, 58 Cent in den russischen Staatshaushalt", sagt Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw.

Gleichzeitig bleibt das Wachstum schwach. "Die Wachstumsschwäche Russlands ist vor allem auf die immer noch hohen Leitzinsen von derzeit 15 Prozent, zu geringe Investitionen in neue Produktionskapazitäten und den Arbeitskräftemangel zurückzuführen. Daran werden die hohen Energiepreise durch den Iran-Krieg nur wenig ändern", so Astrov.

Wichtige Rolle für Österreichs Exportwirtschaft

Trotz der eingetrübten Aussichten bleibt Osteuropa laut den Expert:innen ein zentraler Faktor für die österreichische Exportentwicklung. Bereits 2025 konnten die Ausfuhren in die Region zulegen, während sie insgesamt rückläufig waren. Auch künftig dürfte die Region einen bedeutenden Beitrag zum Wachstum der österreichischen Wirtschaft leisten und damit wichtiger bleiben als andere große Handelspartner.

"Durch den in der Region stattfindenden Strukturwandel weg vom Modell 'verlängerte Werkbank', hin zu einem Wachstum, das mehr auf Investitionen und privatem Konsum beruht, werden österreichische Unternehmen, die in der Region produzieren, zwar unter einem Verlust von Wettbewerbsfähigkeit durch die steigenden Lohnkosten leiden", sagt Doris Hanzl-Weiß, Expertin für Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa am wiiw.

Gleichzeitig ergeben sich neue Chancen. "Österreichische Unternehmen dürften davon profitieren, dass durch die höheren Arbeitskosten und den Arbeitskräftemangel die Notwendigkeit von Investitionen in die Automatisierung der Fertigung steigt. Das sind Bereiche, in denen sie traditionell stark sind", so Hanzl-Weiß abschließend.

www.wiiw.ac.at

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