LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Herlitschka, Sie leiten Infineon Austria in einer Zeit, in der Halbleiter als "das neue Öl des 21. Jahrhunderts" bezeichnet werden. Der globale Chipmarkt wird bis 2030 auf über eine Billion Dollar geschätzt. Wie positionieren Sie Infineon Austria in diesem Wettrennen, und welche strategischen Weichenstellungen haben Sie vorgenommen, um nicht nur mitzuhalten, sondern voranzugehen?
Sabine Herlitschka: Halbleiter sind eine Schrittmachertechnologie für Digitalisierung und Innovation, und Infineon ist als global führender Anbieter klar darauf ausgerichtet, diese Entwicklung aktiv zu gestalten. Wir fokussieren uns auf strategische Wachstumsfelder wie Energieeffizienz, intelligente Mobilität und Sicherheit im Internet der Dinge. Diese Themen bestimmen nicht nur den Fortschritt einer Gesellschaft oder von Branchen, sondern von ganzen Wirtschaftsräumen. Um in diesem Wettrennen nicht nur mitzuhalten, sondern voranzugehen, haben wir klare strategische Weichenstellungen: Wir investieren massiv in Spitzentechnologien, in Know-how sowie in Forschung und Entwicklung und stärken damit unsere Innovationsfähigkeit. Gleichzeitig arbeiten wir konsequent an unserer Kosteneffizienz, sind dabei jedoch auch von Standortfaktoren, wie Energie-, Personal- oder Steuerkosten beeinflusst. Entscheidend ist aber auch die Geschwindigkeit: Wir setzen uns ambitionierte Ziele und gehen mit hohem Tempo in die Umsetzung. Denn im globalen Kontext sind Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit erfolgsbestimmend. Daran arbeitet unser Infineon-Team hier in Österreich tagtäglich.
LEADERSNET: Sie sprechen von Energieeffizienz als zentralem Wachstumsfeld – und die Zahlen geben Ihnen recht. 2025 produzierte Infineon in Villach rund acht Milliarden Chips, die laut eigenen Berechnungen mehr als 14 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent an Nettonutzen schaffen. Was steckt hinter dieser Zahl und wo sehen Sie die größten Chancen für "grüne Mikroelektronik"?
Herlitschka: Die Zahl zeigt sehr gut, worum es geht: Technologischer Fortschritt und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch – im Gegenteil. Halbleiter sind ein zentraler Hebel für Dekarbonisierung und das Gelingen der Energie- und Klimawende. Unsere Chips – ich nenne sie bewusst "Energiesparchips" – sind das Herzstück von Energiesystemen, Solar- und Windanlagen, von Zügen, Straßenbahnen, der E-Mobilität, in der Robotik, Serverfarmen und Rechenzentren. In all diesen Anwendungen ermöglichen unsere Chip-Lösungen eine Reduktion von mehr als 14 Millionen Tonnen CO₂ – indem sie Energieflüsse präziser steuern, Stromverluste reduzieren und Systeme effizienter machen. Gleichzeitig nutzen wir auch selbst die Digitalisierung, um "mehr aus weniger" zu machen. Wir setzen auf energieeffiziente Fertigungsprozesse, Ressourcenschonung, Kreislaufdenken und vernetzen uns aktiv mit Partnern und Lieferanten. Die größten Chancen für "grüne Technologien" sehe ich dort, wo Nachhaltigkeit zum Wirtschaftsfaktor wird. So entstehen neue Produkte, Prozesse, Angebote und Märkte. Für Österreich und Europa eröffnen sich dadurch große Chancen für Innovation, Ressourcennutzung und auch Souveränität.
LEADERSNET: Neugier, internationale Offenheit, interdisziplinäres Denken – das klingt nach einer Haltung, die man nicht im Hörsaal lernt, sondern durch gelebte Erfahrung. Ihr eigener Weg reichte von der Lebensmittel- und Biotechnologie über internationale Forschung als Fulbright Scholar in den USA bis zur Vizerektorin an der Medizinischen Universität Graz – und schließlich an die Spitze eines globalen Halbleiterunternehmens. Welche dieser Stationen hat Ihre Führungsphilosophie nachhaltig geprägt?
Herlitschka: Mein beruflicher Weg war nie geradlinig. Und genau das hat mich geprägt. Die Zeit in den USA hat mir früh gezeigt, wie kraftvoll interdisziplinäres Denken und internationale Offenheit sind. Als Vizerektorin an der Medizinischen Universität Graz habe ich gelernt, wie wichtig es ist, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und Menschen für gemeinsame Ziele zu gewinnen. Diese Erfahrungen begleiten meine Führungsphilosophie bis heute: Neugier bewahren, Verantwortung übernehmen und Entscheidungen auf Basis von Fakten und Werten treffen. Führung bedeutet für mich Orientierung, Vertrauen und Klarheit – gerade in komplexen Zeiten.
LEADERSNET: Sie beschreiben Europa als einen Wirtschaftsraum mit enormem Potenzial – exzellente Forschung, starke Unternehmen, gut ausgebildete Fachkräfte. Und doch scheint dieses Potenzial nicht immer in globale Wettbewerbsstärke umgemünzt zu werden. Was braucht Europa Ihrer Meinung nach, um technologisch an der Weltspitze zu bleiben – und wo liegen die größten Hindernisse?
Herlitschka: Europa ist ein hochattraktiver, mächtiger und wertiger Markt mit rund 500 Millionen Menschen. Es gibt exzellente Forschung, starke Unternehmen und gut ausgebildete Fachkräfte. Entscheidend ist, dass wir diese Stärken auch nutzen. Konkret bedeutet das, noch schneller und konsequenter in Marktinnovationen, in Wertschöpfung zu übersetzen. Die größten Hindernisse liegen weniger im Know-how als in den Strukturen und internen Hürden: Fragmentierung zwischen Ländern und Förderlogiken, zu viel Bürokratie und zu geringe Umsetzungsgeschwindigkeit. Dazu auch ein regulatorisches Umfeld, das Innovation oft eher verwaltet als ermöglicht. Hier braucht es mutige Vereinfachungen, klare Prioritäten und mehr Tempo in der Umsetzung. In einem starken Binnen-, Kapital- und Energiemarkt liegen große Chancen für Europa.
LEADERSNET: Weniger Komplexität, mehr Tempo, klare Prioritäten – das klingt nach einem Programm, das man nicht nur von einem Unternehmensvorstand, sondern ebenso von einer Regierung erwarten würde. Ein Gedankenexperiment: Welche politischen Maßnahmen würden Sie sofort umsetzen, wenn Sie "eine Bundesregierung für einen Tag" sein könnten?
Herlitschka: Spannende Frage! Ich würde drei Dinge sofort angehen. Erstens Wettbewerbsfähigkeit als Leitprinzip verankern. Das heißt: weniger Komplexität, schnellere Verfahren, Planbarkeit für Investitionen in Schlüsseltechnologien und Infrastruktur. Zweitens: Energie- und Standortkosten adressieren und Innovation konsequent fördern. Digitalisierung und Dekarbonisierung bleiben die langfristigen Wirtschaftsmotoren. Drittens: Fachkräfte sichern. Wir müssen früh in MINT-Bildung investieren und internationale Fachkräfte gezielt ansprechen. Alle diese Themen sind bei weitem nicht neu, wahrscheinlich wäre der stärkste Impuls, nicht mehr über das "Was ist zu tun" zu sprechen, sondern darüber "Wie ist es zu tun".
LEADERSNET: Von der politischen Bühne zurück in die Region. Sie wurden von Villach mit dem Ehrenring geehrt – eine Auszeichnung, die zeigt, dass Infineons Bedeutung weit über Bilanzzahlen hinausgeht. Wie verstehen Sie die Rolle großer Technologieunternehmen in der regionalen Entwicklung – und was bedeutet "Standortstärkung" für Sie ganz konkret?
Herlitschka: Große Technologieunternehmen sind Anker für Wertschöpfung. Für mich bedeutet Standortstärkung, langfristig zu denken: qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, in Ausbildung investieren und als verlässlicher Partner für Region, Wissenschaft und Gesellschaft agieren.
In Villach sehen wir uns nicht nur als Arbeitgeber, sondern als Teil eines Innovationsökosystems. Wenn wirtschaftlicher Erfolg und regionale Entwicklung Hand in Hand gehen, profitieren beide Seiten nachhaltig.
LEADERSNET: Wenn Sie in zehn Jahren auf Ihre Zeit als Vorstandsvorsitzende zurückblicken – wofür möchten Sie in Erinnerung bleiben? Und welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die heute überlegen, ob sie eine Karriere in der Technologiebranche einschlagen sollen?
Herlitschka: Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke, möchte ich sagen können, dass wir Verantwortung übernommen haben – für Technologie und für die Gesellschaft. Dass wir gezeigt haben, wie wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit sich gegenseitig stärken. Und dass wir mit intelligenten Technologien einen konkreten Beitrag zu einer guten, zukunftsfähigen Entwicklung geleistet haben, die durch unsere Wertschöpfung ganz konkret bei den Menschen ankommt.
Jungen Frauen, die über eine Karriere in der Technologiebranche nachdenken, rate ich: Geht dorthin, wo es anspruchsvoll ist. Sucht euch Themen mit echter Wirkung, baut Netzwerke auf und holt euch Mentoring. Und vor allem: Lasst euch nicht einreden, dass Technologie "nichts für euch" sei. Die Branche braucht eure Perspektiven – heute mehr denn je.
LEADERSNET: Vielen Dank.
www.infineon.com
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