Fotos Galerie Estermannkunst
"Wir hatten in Österreich keine Hippies, wir hatten den Wiener Aktionismus"

| Gerhard Krispl / LEADERSNET-ART Herausgeber 
| 23.03.2026

In ihrer neuen Ausstellung widmet sich die Galerie Estermannkunst dem Orgien Mysterien Theater von Hermann Nitsch.

Während das Wiener Aktionismus Museum (WAM) anlässlich seiner Wiedereröffnung das Frühwerk 1960 – 1965 von Hermann Nitsch beleuchtet, setzt Estermannkunst einen eigenständigen Fokus: Die Galerie von Lorenz Estermann widmet sich dem Orgien Mysterien Theater (OM) als einem zentralen Beitrag zur internationalen Avantgarde.

Statt reduzierter Werkschau zeigt die Ausstellung den Künstler Nitsch als das, was er war: ein radikaler, zugleich zutiefst humanistischer Künstler, der die europäische Nachkriegskunst nachhaltig geprägt hat.

"Wir hatten in Österreich keine Hippies, wir hatten den Wiener Aktionismus" – dieser Satz bringt die kompromisslose Haltung einer Generation auf den Punkt. Nitsch und seine Mitstreiter suchten keine Harmonie, sondern Konfrontation – mit Körper, Geschichte und Gesellschaft. Ihr Einfluss reicht bis zu internationalen Positionen wie Marina Abramović oder Mike Kelley und Valie Export.

Zwischen Aktion, Malerei und Konzept

Die Ausstellung basiert auf Beständen der Galerie und macht die Vielschichtigkeit von Nitschs Werk erfahrbar:

  • Schüttbilder & Makulaturen – physische Spuren der Aktionsmalerei
  • Partituren & Zeichnungen, Druckgrafik – das konzeptionelle Fundament des Orgien Mysterien Theaters
  • Fotografien & Relikte – dokumentarische Einblicke in die legendären Aktionen

Vernissage als Treffpunkt der Kunstszene

Die Eröffnung am 11. März zog zahlreiche Vertreter:innen der Wiener Kunstszene an. Julia Moebus-Puck, Sammlungsdirektorin des WAM, ordnete Nitschs Werk kunsthistorisch ein und zeichnete das Bild eines Künstlers, der trotz aller Radikalität als "sanfter Riese" in Erinnerung bleibt.

Die fotografische Dokumentation des Abends stammt von Ákos Burg, dessen Arbeiten die besondere Spannung zwischen historischer Bedeutung und zeitgenössischer Präsentation sichtbar machen.

Warum diese Ausstellung relevant ist

Die Schau bietet einen konzentrierten Zugang zu einem der einflussreichsten Künstler Österreichs – jenseits von Klischees und Skandalisierung. Sie zeigt, warum der Wiener Aktionismus bis heute international nachwirkt.

Hermann Nitsch (1938 – 2022)

Auf Basis seiner synästhetischen Grundannahme (alle Sinne spielen zusammen) suchte Hermann Nitsch von Beginn an unermüdlich auf allen künstlerischen Feldern, sein umfassendes Gesamtkunstwerk, das Orgien Mysterien Theater (OM) zu entwickeln. In der Öffentlichkeit kennt man gewöhnlich nur einen Teil seiner umfangreichen Arbeit, wie seine Druckgrafik, aber besonders auch seine Schüttbilder in üppig roter Farbe. Durch dieses Medium "Aktions-Malerei" ist Nitsch auch international bekannt geworden.

Alle wichtigen Sammlungen und Museen der Welt besitzen Werke von Hermann Nitsch. Über unsere öffentlichen Medien kennt man aber fast nur die kleinbürgerlichen Reaktionen auf seine Aktionskunst, wobei dabei, deren tiefer historisch-humanistischer Anspruch, verloren ging. In gewisser Weise verkörpern Nitsch und die anderen Wiener Aktionisten eine Stunde Null, einen kritisch/symbolischen Neubeginn, als Reaktion auf den 2. Weltkrieg und seine nachwirkenden gesellschaftlichen Folgen in den Ländern Mitteleuropas. "Wir hatten hier quasi keine Hippies, wir hatten dafür den Wiener Aktionismus …!"

Diesen historisch-gravierenden Schritt ins unbekannte leere Land des menschlichen Körpers, diese exponierte Setzung im Bereich der Avantgarde, nimmt den Wiener Aktionisten so schnell niemand mehr weg. Nachfolgende Künstlergenerationen von Export, Kelley, Abramovic und Flatz u. v. m. sind Kinder dieser Entwicklung.

Die vielgestaltigen Aktionen und Ausprägungen des OM-Theaters seit den frühen 60er Jahren kennen aber eigentlich nur Wenige aus unmittelbarem Erleben. Unsere Ausstellung versucht, aus eigenen Beständen der Galerie, die medienübergreifende Vielgestalt seines Werkes an einigen Beispielen und Dokumenten zu veranschaulichen. Der aktuelle Anlass ist auch die zeitgleiche Ausstellung seines Frühwerkes im Wiener Aktionismus Museum (WAM) in unmittelbarer Nachbarschaft.

Wir zeigen Schüttbilder und deren Makulaturen, Druckgrafik, Partituren, Handzeichnungen, seltene Kataloge und Handreichungen, Plakate sowie Originalfotos und Relikte seiner OM-Aktionen. Gerade sehen wir auch, wie diese Kunst der 60er und 70er Jahre und deren Paradigmen einer medial-kritischen Prüfung unterzogen werden. Aber: Hermann Nitsch war kein aggressiver Rebell, er war eigentlich ein sanfter Riese seiner Zeit. 
Lorenz Estermann, 2026

Eindrücke von der Ausstellungseröffnung finden Sie in der Galerie.

Hermann Nitsch in der Galerie Estermannkunst
bis 7. Mai 2026
Estermannkunst, Himmelpfortgasse 22, 1010 Wien
Öffnungszeiten: Donnerstag 14–18 Uhr sowie nach telefonischer Terminvereinbarung
www.estermannkunst.at

Anmeldung zum LEADERSNET-ART Newsletter

In den "Daily Business News" von Opinion Leaders Network berichten wir ab sofort täglich auch über die Themen Kunst, Design und Kultur.
Alle 14 Tage erscheint LEADERSNET-ART und bringt die Highlights der Branche.

Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

Anmeldung zum LEADERSNET-ART Newsletter

In den "Daily Business News" von Opinion Leaders Network berichten wir ab sofort täglich auch über die Themen Kunst, Design und Kultur.
Alle 14 Tage erscheint LEADERSNET-ART und bringt die Highlights der Branche.

Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

leadersnet.TV