Interview mit Peter Merten
"Die 4-Tage-Woche kann funktionieren – aber nur dort, wo Planung und Struktur stimmen"

| Dejan Filipovic 
| 06.11.2025

Im LEADERSNET-Interview spricht Peter Merten, Innungsmeister der Wiener Mechatroniker und Geschäftsführer der Merten-Gruppe, über moderne Arbeitszeitmodelle, die betriebliche Effizienz, Mitarbeiterzufriedenheit und Wettbewerbsfähigkeit vereinen. Er erklärt, wie flexible Strukturen, klare Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen dazu beitragen können, die Herausforderungen von Digitalisierung und Fachkräftemangel zu meistern und die Mechatronik-Branche zukunftsfähig aufzustellen.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Merten, warum ist das Thema Arbeitszeitmodelle derzeit besonders relevant für die Mechatronik-Branche, und wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Alltag der Betriebe?

Peter Merten: Die Anforderungen an Betriebe und Mitarbeitende sind in den letzten Jahren enorm gestiegen: Digitalisierung, Fachkräftemangel und die zunehmende Erwartung nach flexibleren Arbeitszeiten treffen hier aufeinander. Und ja, genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns auf die Bedürfnisse und individuellen Lebensrealitäten der Belegschaft einstellen. In unserer Branche müssen wir einen Mittelweg finden, ohne den Wirtschaftsstandort und Arbeitsplätze zu gefährden. Denn im Büro ist es sicherlich einfacher eine 4-Tage-Woche einzuführen als in der Produktion, wo wir die Maschinen, die rund um die Uhr laufen, nicht einfach abschalten können – deshalb gilt es sich hinzusetzen und gemeinsam Lösungen zu diskutieren und zu erarbeiten, die möglichst viele Aspekte abdecken.

LEADERSNET: Viele Unternehmen experimentieren mit neuen Modellen wie der 4-Tage-Woche oder flexibler Gleitzeit. Welche Erfahrungen haben Sie selbst oder Mitgliedsbetriebe bisher damit gemacht?

Merten: In der Mechatronik haben wir viele Klein- und Mittelbetriebe, die einerseits kundenorientiert und termingerecht arbeiten müssen, andererseits aber natürlich attraktive Arbeitsbedingungen bieten wollen. Die größte Herausforderung liegt darin, diesen Spagat zu schaffen – also wirtschaftlich effizient zu bleiben und sich gleichzeitig auf die Menschen einzustellen. Viele unserer Mitglieder haben hier erste, durchaus positive Erfahrungen gemacht. Gerade bei kleineren Teams funktioniert die 4-Tage-Woche, wenn sie gut geplant ist, sehr gut – vor allem dort, wo Projekte klar strukturiert und Abläufe gut abgestimmt sind. Manche Betriebe setzen auf eine Kombination aus Gleitzeit und Kernarbeitszeiten, um den Betrieb am Laufen zu halten. Wichtig ist, dass das Modell individuell zum Betrieb passt – ein Schema F gibt es nicht. In der Praxis zeigt sich aber: Wenn Mitarbeitende mehr Spielraum bei der Arbeitseinteilung bekommen, steigt die Motivation!

LEADERSNET: Wie lässt sich der Wunsch nach mehr Flexibilität mit den betrieblichen Anforderungen wie Kundenzeiten, Projektfristen oder Schichtbetrieb realistisch vereinbaren?

Merten: Das funktioniert nur mit vorausschauender Planung, offener Kommunikation und klaren Zuständigkeiten. Flexibilität bedeutet nicht, dass alle immer machen können, was sie wollen – sie braucht eindeutige Regeln und ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Es gibt Betriebe, wo wir sehen, dass flexible Modelle mit digitaler Zeiterfassung, Projektplanungstools oder Schichttauschsystemen durchaus gut funktionieren können. Wichtig ist, dass Kundentermine und Serviceeinsätze immer Vorrang haben – das muss auch der Belegschaft klar sein. Denn wenn beide Seiten Verständnis füreinander zeigen und aufeinander zugehen, ist sehr viel möglich.

LEADERSNET: Wo stoßen Betriebe Ihrer Meinung nach derzeit an rechtliche oder organisatorische Grenzen, wenn sie alternative Arbeitszeitmodelle umsetzen möchten?

Merten: Die größten Hürden liegen meiner Meinung nach im starren Arbeitsrecht, das teilweise aus der Zeit gefallen wirkt, und in den bürokratischen Vorgaben. Es ist natürlich sehr wichtig, dass es klare gesetzliche Regelungen gibt. Angenommen, jemand hat einen langen Anfahrtsweg und möchte deshalb vielleicht mehr am Stück arbeiten, dafür dann einen längeren Zeitraum freihaben – warum soll ich das grundsätzlich verbieten? Viele Betriebe würden gerne neue Modelle ausprobieren, stoßen aber auf enge gesetzliche Rahmenbedingungen – etwa bei der täglichen Höchstarbeitszeit oder bei der Wochenruhe. Auch die Dokumentationspflichten sind nicht ohne. Vor allem kleinere Unternehmen haben oft nicht die Ressourcen, sich intensiv mit den rechtlichen Details auseinanderzusetzen. Hier wünschen wir uns mehr Spielraum und einfache, praxisnahe Lösungen.

LEADERSNET: Inwieweit können moderne Arbeitszeitmodelle dazu beitragen, Fachkräfte zu gewinnen oder langfristig zu halten, besonders in einem Bereich mit hohem Wettbewerbsdruck?

Merten: Sehr stark, würde ich sagen. Wir merken, dass die jüngere Generation wirklich großen Wert auf eine gute Balance zwischen Beruf und Freizeit legt. Wer hier flexible Modelle anbieten kann, kann eindeutig im Wettbewerb um Talente punkten. Und auch erfahrene Fachkräfte schätzen es, wenn auf familiäre oder persönliche Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Ein solches Arbeitszeitmodell ist heute ein echter Standort- und Wettbewerbsvorteil – besonders im Handwerk und anderen produzierenden Bereichen, wo der persönliche Einsatz jeder und jedes Einzelnen zählt.

LEADERSNET: Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Gesetzgeber oder Interessenvertretungen, um flexible Arbeitsformen für kleine und mittlere Betriebe praktikabler zu gestalten?

Merten: Wir brauchen vor allem rechtliche Klarheit und weniger Bürokratie. Der Gesetzgeber sollte Betrieben mehr Gestaltungsspielraum geben, etwa durch flexiblere Wochenarbeitszeitmodelle. Auf der Seite der Interessenvertretung wünsche ich mir, dass wir gemeinsam noch stärker praxisorientierte Musterlösungen anbieten – also praxistaugliche, einfach gestaltete Vorlagen, mit denen kleine und mittlere Firmen rasch und rechtssicher neue Modelle einführen können. Genauso aber auch weniger komplexe Vereinbarungen im Kollektivvertrag. So könnten noch viel mehr Unternehmen den Schritt zu mehr Flexibilität wagen.

LEADERSNET: Wie sieht für Sie persönlich das "Arbeitszeitmodell der Zukunft" im Handwerk aus – mehr Freiheit für Mitarbeiter:innen oder mehr Planungssicherheit für Betriebe?

Merten: Beides – das ist kein Widerspruch. Ich glaube, das Arbeitszeitmodell der Zukunft muss partnerschaftlich sein: Mitarbeitende bekommen mehr Freiheit, ihre Arbeit eigenverantwortlich zu gestalten. Betriebe können dann dafür von motivierten, engagierten Teams profitieren. Planungssicherheit bleibt wichtig, aber sie entsteht nicht nur durch starre Regeln, sondern vor allem durch gegenseitiges Vertrauen, klare Kommunikation und moderne Strukturen. So schaffen wir eine Win-win-Situation für beide Seiten.

www.mechatronik.at

www.merten.at

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