Die globale Autoindustrie steht angesichts schwacher Elektroauto-Nachfrage, milliardenschwerer Abschreibungen und geopolitischer Belastungen unter massivem Druck. Laut einer Analyse von EY sank der Gesamtgewinn der 19 größten Autokonzerne weltweit im Jahr 2025 um 59 Prozent – von 143 auf 59 Milliarden Euro. Nur ein Unternehmen, der chinesische Geely-Konzern (zu dem auch Marken wie Volvo, Lotus, Polestar oder Smart gehören), konnte seinen Gewinn steigern, vier Hersteller rutschten hingegen in die Verlustzone.
Auslöser seien der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft zufolge vor allem umfassende Korrekturen der Elektrostrategien vieler Hersteller. Abschreibungen auf Batteriefabriken, Entwicklungsprojekte und Modellreihen summieren sich laut Analyse inzwischen auf nahezu 60 Milliarden Euro. Betroffen sind insbesondere Konzerne in Europa und den USA.
Deutsche Hersteller besonders unter Druck
Der Umsatz der analysierten Unternehmen blieb mit einem Plus von 0,6 Prozent weitgehend stabil. Deutsche Hersteller schnitten jedoch schwächer ab: Ihr Umsatz sank um 4,1 Prozent, der Neuwagenabsatz ging um zwei Prozent zurück. Hauptgrund dafür war der rückläufige Absatz in China.
Demgegenüber steigerten die chinesischen Hersteller BYD, Geely und Great Wall Motors ihren Umsatz um 9,3 Prozent und den Absatz um 16 Prozent. Allerdings verzeichneten auch sie rückläufige Gewinne. Laut der Analyse sank der Gesamtgewinn um knapp 13 Prozent.
Margen der großen Autobauer
Bei der Profitabilität lagen japanische Hersteller vorne. Suzuki erreichte eine Marge von 9,7 Prozent, Toyota kam auf 8,5 Prozent. Dahinter folgten Kia mit 8,0 Prozent und BMW mit 7,6 Prozent. Die durchschnittliche Marge aller analysierten Unternehmen fiel von 6,7 auf 2,8 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren.
Constantin M. Gall, Global Aerospace, Defence and Mobility Industry Practice Leader bei EY, spricht von einer "tiefen, für einige Unternehmen sogar potenziell existenzbedrohenden Krise". Viele Hersteller hätten ihre Investitionen auf stark wachsende E-Auto-Märkte ausgerichtet, die Nachfrage entwickle sich jedoch vor allem in Europa und den USA deutlich schwächer als erwartet. Die Folge seien milliardenschwere Abschreibungen auf Batterie-Joint-Ventures, verschobene Fabrikprojekte und eingestellte Modelle.
Besonders hoch fallen die Belastungen bei einzelnen Konzernen aus: Ford rechnet mit Kosten von umgerechnet 18 Milliarden Euro, General Motors mit rund sieben Milliarden Euro. Stellantis bezifferte den Abschreibungsbedarf mit 22 Milliarden Euro, Honda kündigte Belastungen von rund 14,5 Milliarden Euro an. Auch Porsche veranschlagte für 2025 im Zuge der strategischen Neuausrichtung Aufwendungen von 3,1 Milliarden Euro.
Gall betont allerdings, die aktuellen Abschreibungen seien "weniger ein Kurswechsel weg von der Elektromobilität als eine Korrektur völlig überzogener Annahmen". Es handle sich vielmehr um eine realistische Anpassung von Tempo und Umfang der Elektrifizierungspläne.
Geopolitische Spannungen
Zusätzliche Belastungen entstehen laut EY durch geopolitische Spannungen, Zölle und Lieferkettenprobleme. Gall erklärte, die Branche stehe vor enormen Herausforderungen. Gleichzeitig könnten das "beispiellose bilanzielle Reinemachen" sowie laufende Kostensenkungsprogramme mittelfristig wieder zu besseren Margen führen.
Besonders kritisch sieht Gall die Situation der deutschen Hersteller. Vor allem am Standort Deutschland seien die Kosten weiterhin zu hoch. Ohne weitere einschneidende Maßnahmen und wettbewerbsfähigere Rahmenbedingungen drohe der Verlust internationaler Konkurrenzfähigkeit.
Auch für den europäischen Automarkt erwartet EY kurzfristig keine deutliche Erholung. Die angespannte geopolitische Lage, steigende Energiepreise und höhere Inflation seien "Gift für die Autokonjunktur", so Gall. Ein durch hohe Spritpreise ausgelöster E-Auto-Boom sei nicht zu erwarten, vielmehr würden viele Konsument:innen den Fahrzeugkauf aufschieben.
Chines:innen setzen verstärkt auf eigene Marken
Schwierigkeiten bereitet den westlichen Herstellern weiterhin der chinesische Markt. Die deutschen Konzerne verzeichneten dort im vergangenen Jahr einen Absatzrückgang von elf Prozent. Der China-Anteil am Pkw-Absatz deutscher Hersteller sank von mehr als 39 Prozent im Jahr 2020 auf zuletzt 29 Prozent.
Gall beobachtet, dass insbesondere deutsche Hersteller in China "kräftig Gegenwind" bekämen und bislang keine überzeugende Antwort darauf gefunden hätten. Im wachsenden Elektrosegment bevorzugten chinesische Kund:innen zunehmend heimische Marken, die mit hoher Innovationsgeschwindigkeit und niedrigen Preisen punkteten.
Partnerschaften
Ein möglicher Ausweg aus der Krise zeichnete sich zuletzt auf der Automesse Auto China in Peking ab. Diese fand nach Veröffentlichung der EY-Studie statt. Dort präsentierten deutsche Hersteller verstärkt neue Modelle, die gemeinsam mit chinesischen Technologie- und Automobilpartnern speziell für den chinesischen Markt entwickelt wurden. Im Fokus standen vernetzte Fahrzeuge mit KI-gestützten Fahr- und Sprachassistenzsystemen sowie stärker lokalisierte Konzepte. Branchenbeobachter:innen sehen darin den Versuch der europäischen Hersteller, verlorenen Boden im weltweit wichtigsten Automarkt zurückzugewinnen. VW zeigte gleich eine ganze Reihe an Neuheiten, die (gemeinsam mit XPeng) nur für China entwickelt wurden, dort auch vom Band laufen und zu extrem günstigen Preisen verkauft werden.
Gleichzeitig wächst jedoch der Druck durch aggressive Preiskämpfe und technologisch zunehmend konkurrenzfähige chinesische Marken wie BYD, Zeekr oder Stelato. Deutsche Premiumhersteller profitieren zwar weiterhin von ihrer Markenstärke, müssen sich aber zunehmend an chinesischen Kundenbedürfnissen, Preisstrukturen und Innovationszyklen orientieren.
www.ey.at
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