"Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses wunderbare Rossini-"Nonsens"-Stück hier in Salzburg machen kann", bekennt Regisseur Barrie Kosky im Pressegespräch anlässlich der Neuinszenierung von Gioachino Rossinis Il viaggio a Reims. Gianluca Capuano, musikalischer Leiter der Produktion, ergänzt: "Es war wie ein Wunder, als der Rossini-Forscher Philip Gosset 1977 in der Bibliothek von Santa Cecilia in Rom ein Fragment des Manuskripts gefunden hat. Was wir heute als Il viaggio a Reims kennen, ist eine Rekonstruktion, ergänzt mit Material aus Le Comte Ory und anderen Quellen. Wir können uns wirklich sehr über diese Wiederentdeckung freuen!"
Rossinis erste Oper für Paris und zugleich seine letzte in italienischer Sprache wurde bisher nicht allzu oft aufgeführt. Das bringt, in Kombination mit der situativen Handlung, für Barrie Kosky eine besondere Ausgangslage mit sich: "Es ist eine der besten Musiken, die Rossini je geschrieben hat. Für einen Regisseur ist es ein Geschenk, weil man eine komplett neue Geschichte bauen kann. Es gibt wenig Rezeptionsgeschichte, daher ist das Publikum nicht vorbelastet, zugleich ist der Plot unmittelbar verständlich. Es gibt keinen Moment der Langeweile in der Musik oder in dem Stück – aber man muss mit dem Vorhandenen schon etwas machen." Was geschieht? Eine illustre Gesellschaft ist auf der Reise zu einer Krönung und bleibt auf dem Weg in einem Hotel hängen, weil absurderweise alle Pferde im Ort abhandengekommen sind. Barrie Kosky: "In den ersten 30 Minuten ist die einzige dramatische Sache, die im Libretto passiert, dass eine französische Contessa denkt, dass ihr Hut verloren gegangen ist. Darüber singt sie eine "Wahnsinns"-Arie, als wäre sie Lucia di Lammermoor. Sie bekommt den Hut zurück und singt eine Arie, als wäre der Hut ihre große Liebe. Um dieses bisschen Geschichte, dieses Skelett, baut Rossini sensationelle Musik."

Gianluca Capuano, Chefdirigent von Les Musiciens du Prince – Monaco © SF/Erika Mayer
Für Gianluca Capuano, seit 2019 Chefdirigent des Orchesters Les Musiciens du Prince – Monaco, mit dem er die Oper in Salzburg auf historischen Instrumenten realisiert, gibt es in diesem Werk zwei besonders erwähnenswerte musikalische Momente: "Das Sextett N. 3 und das Gran Pezzo Concertato: Ein Stück für 14 Sänger:innen, die a cappella singen. Sie beginnen, dieses schöne Lied zu singen, und erst später kommt das Orchester dazu. Das ist ein Moment, in dem wir den reifen Rossini hören können, ein Höhepunkt seiner Kreativität." Dem stimmt Barrie Kosky zu: "Wir machen diese Oper, weil die Musik atemberaubend ist, von unglaublicher Brillanz: in der Konstruktion der Ensembles, in den Melodien, in der Form und mit grandiosem Witz. Es ist unglaublich, wie er dieses Lebensgefühl in Musik bringt. Für mich gibt es nur drei Komponisten, deren Musik man hört und sofort lachen oder lächeln muss: Das ist Mozart, das ist Offenbach und das ist Rossini." Gianluca Capuano erwähnt eine weitere Neuerung Rossinis, die dieser in der Darstellung der unterschiedlichen Nationalitäten der Festgesellschaft umsetzte: "Eine Parade von Hymnen, realen und erfundenen. Aber es war auch heikel, etwa bei der französischen Hymne: Da verwendete er selbstverständlich nicht die Marseillaise. Man konnte ja nicht die Revolution zitieren. Dann haben wir auch eine Tiroler Hymne, die ich selbst nicht kannte. Wir jodeln ein wenig und bringen Lokalkolorit hinein, immer mit Respekt für alle Länder und Nationen."

Gianluca Capuano und Barrie Kosky arbeiten nach ihrem letztjährigen Erfolgsstück, dem mehrfach prämierten Vivaldi-Pasticcio Hotel Metamorphosis, erneut in Salzburg zusammen. Die diesjährigen Pfingstfestspiele stehen unter dem Motto "Bon Voyage". © SF/Erika Mayer
Rossini komponierte Il viaggio a Reims für die besten Sängerinnen und Sänger seiner Zeit. In Barrie Koskys Inszenierung kommen noch weitere Anforderungen hinzu: "Wir haben ein Ensemble, das sich gleichzeitig viel bewegt und dabei singt. Die Musik ist sehr schwer zu singen, viele Koloraturen, viele lange Belcanto-Melodien. Das bedeutet, man braucht körperlich sehr gut trainierte, fitte Sängerinnen und Sänger. Einige hatten vor dieser Produktion noch nie mit mir gearbeitet, die erste Woche war für sie quasi ein Schock." Die Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele, Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, übernimmt auch in diesem Jahr selbst eine Partie, jene der Corinna, einer römischen Dichterin. Gianluca Capuano: "Dieser Charakter, Corinna, ist dem vielleicht ersten, wirklich feministischen, sehr berühmten Roman von Madame de Staël entnommen, der Vorlage für das Libretto. Corinna ist eine Sängerin, die improvisiert. Das war früher eine Tradition in Italien. Wenn so eine Sänger-Dichterin in der Stadt war, war das ein richtiges Ereignis zu dem tausende Leute kamen, um sie zu hören." Als Schlusswort gibt Barrie Kosky mit: "Wenn wir über Leichtigkeit sprechen, vergleiche ich das Stück gerne mit einem Soufflé, oder einem spritzigen, fragilen, wunderbar süßen Konfekt. Mir ist wichtig zu sagen, dass für mich eine Komödie zehnmal schwieriger ist, als beispielsweise eine große Wagner-Oper zu inszenieren. Es schaut einfach aus, braucht aber wochenlanges Proben, harte Arbeit und Konzentration. Denn es bedeutet Timing, Timing, Timing, weil: Comedy ist Rhythmus!"
Regisseur Barrie Kosky inszeniert zum zweiten Mal bei den Pfingstfestspielen und zum vierten Mal in Salzburg. © SF/Erika Mayer
Exkurs: Cecilia Bartoli über die Rolle der Corinna, mit der sie in Salzburg ihr Rollendebüt gibt
Die Partie der Corinna und die Oper Il viaggio a Reims haben mich schon lange interessiert, musikalisch wie formal. Dieses Stück ist ja eine totale Kuriosität in der Opernliteratur und nimmt auch eine besondere Position in Rossinis Schaffen ein. Und fünf große Teile der Musik, darunter das berühmte Concertato, verwandte er dann ja im Comte Ory. In dieser Oper sang ich ganz jung an der Mailänder Scala den Pagen Isolier und später an anderen Häusern mehrfach die Gräfin. Daher wollte ich mich schon immer mit dem Vorgängerwerk des Ory, Il viaggio a Reims, auseinandersetzen. Außerdem sang in der Uraufführung des Viaggio die legendäre Giuditta Pasta die Corinna. Ihre Partien liegen mir in der Regel vom stimmlichen Charakter und der Tessitur her sehr gut. Die beiden Arien sind wunderschön, aber auch anspruchsvoll – musikalisch wirken sie vielleicht schlicht, weil sie keine der Koloraturgirlanden enthalten, die Rossini so liebte. Aber da Corinna eine berühmte Dichterin ist, müssen Text und Nuancen besonders sinnvoll und fein gestaltet werden.
Die Salzburger Festspiele Pfingsten 2026 finden von 22. bis 25. Mai statt und stehen unter dem Motto "Bon Voyage". Informationen zu allen Aufführungen an diesem Pfingstwochenende sowie zum Kartenverkauf finden Sie unter www.salzburgerfestspiele.at
Gioachino Rossini (1792 - 1868)
Il viaggio a Reims
Dramma giocoso in einem Akt (1825)
Libretto von Luigi Balochi, teilweise basierend auf dem Roman Corinne, ou L’Italie von Madame de Staël
Neuinszenierung
Premiere: Fr., 22. Mai, 18:30 Uhr
Mo., 25. Mai, 17:00 Uhr
Haus für Mozart