Capgemini-Studie
Nur jeder zehnte Versicherer nutzt KI bereits erfolgreich

| Larissa Bilovits 
| 05.05.2026

Laut einer aktuellen Capgemini-Studie setzt erst ein kleiner Teil der Schaden- und Unfallversicherer Künstliche Intelligenz wirksam ein. Viele Unternehmen bleiben in der Testphase stecken, weil klare Kennzahlen, Verantwortlichkeiten und die organisatorische Einbettung fehlen.

Künstliche Intelligenz (KI) gilt in vielen Branchen als zentraler Hebel für mehr Effizienz, bessere Entscheidungen und neue Geschäftsmodelle. In der Schaden- und Unfallversicherung zeigt sich nun aber besonders deutlich, dass Technologie allein nicht ausreicht, um daraus messbare Vorteile zu ziehen: Laut dem aktuellen World Property & Casualty Insurance Report 2026 des Capgemini Research Institute setzen nur zehn Prozent der Branche KI bereits erfolgreich ein. Viele andere Unternehmen kommen hingegen kaum über Testphasen hinaus. Als wesentlichen Grund nennt die Studie fehlende Messbarkeit: 42 Prozent der Versicherer erfassen keine eigenen KI-Kennzahlen, 60 Prozent verharren weiterhin in der Erkundungs- oder Proof-of-Concept-Phase.

Wenige Vorreiter ziehen der Branche davon

Während viele Versicherer noch nach dem richtigen Umgang mit KI suchen, zeigt eine kleine Gruppe von Vorreitern laut Capgemini bereits, wie sich die Technologie in messbare Geschäftsvorteile übersetzen lässt. "Voraussetzung dafür ist, dass Versicherer sie von Anfang an in ihre Geschäftsstrategie einbetten", so Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich. "Während viele Versicherer noch mit den üblichen technischen und kulturellen Hürden kämpfen, sind die Vorteile inzwischen glasklar. Durch die Stärkung der Datengrundlagen, klare Zuständigkeiten und Investitionen in Mitarbeiter:innen und Governance können Versicherer über Pilotprojekte hinausgehen. Der Fokus liegt nun auf organisatorischer Disziplin, um die Wirkung von KI im gesamten Unternehmen nachhaltig sicherzustellen."

Die Studie beschreibt jene Versicherer, die KI bereits konsequent nutzen, als "intelligence trailblazers". Diese Unternehmen betrachten KI nicht nur als Sammlung einzelner Werkzeuge, sondern als operative Kernkompetenz und stimmen Strategie, Personal, Technologie und organisatorische Umsetzung gleichzeitig aufeinander ab. Der Abstand zu anderen Marktteilnehmern ist laut Report deutlich messbar: Über drei Jahre erzielen diese Vorreiter ein bis zu 21 Prozent höheres Umsatzwachstum. Auch der Aktienkurs habe sich in dieser Gruppe um rund 51 Prozent stärker entwickelt. Zudem investieren sie fast viermal häufiger in Change-Management, verfügen fast dreimal häufiger über eine Infrastruktur für erklärbare KI und verankern KI fast doppelt so oft direkt in Stellenbeschreibungen.

Viele Unternehmen investieren einseitig in Technik

Der Vorsprung dieser Gruppe zeigt zugleich, woran es beim Rest der Branche häufig scheitert: KI wird zwar technisch aufgebaut, aber organisatorisch nicht konsequent genug verankert. Der Großteil der Branche kämpft laut Capgemini mit einem sogenannten "Architektur-Mismatch". Gemeint ist damit, dass technologische Möglichkeiten schneller voranschreiten als die Fähigkeit der Unternehmen, diese sinnvoll in Abläufe, Teams und Entscheidungsprozesse zu integrieren.

Im Schnitt fließen 72 Prozent der KI-Investitionen von Schaden- und Unfallversicherern in Technologie und Infrastruktur. Nur 28 Prozent werden für Change-Management eingesetzt, darunter auch grundlegende Schulungen für Mitarbeitende und Führungskräfte. Die Folge: Viele Initiativen bleiben unter ihren Möglichkeiten, weil sie nicht breit genug im Unternehmen verankert werden.

Das zeigt sich auch beim wirtschaftlichen Nutzen. 55 Prozent der Schaden- und Unfallversicherer geben an, keinen klaren ROI für ihre KI-Initiativen zu erkennen. Ebenso viele berichten, dass in ihrem Unternehmen nicht eindeutig festgelegt ist, wer für KI-Projekte verantwortlich ist. Die Verantwortung bleibe dadurch häufig bei Einzelpersonen oder kleinen Teams hängen, wodurch sich die Wirkung von KI kaum unternehmensweit erfassen lasse. Zwei Drittel nennen fehlende KI-Kompetenzen als Problem, während 47 Prozent der Beschäftigten mit Zugang zu KI-Tools berichten, dass sich ihr Arbeitsalltag auch nach 18 Monaten Nutzung nicht verändert habe.

Mensch und KI müssen besser zusammenspielen

Dass KI ihre Wirkung bislang oft nicht entfaltet, liegt laut Studie daher nicht nur an der Technologie selbst, sondern auch daran, wie Arbeit, Daten und Verantwortung in den Unternehmen organisiert sind. Fast die Hälfte der Arbeitszeit entfällt laut Report auf teamübergreifende Zusammenarbeit, während viele KI-Tools weiterhin nur einzelne Aufgaben unterstützen. Gleichzeitig geben nur zwölf Prozent der Versicherer an, einen sehr hohen Reifegrad bei der Datenbereitschaft erreicht zu haben, obwohl viele wichtige Informationen weiterhin unstrukturiert vorliegen.

Auch das Vertrauen der Mitarbeitenden bleibt ein Thema. 43 Prozent nennen Arbeitsplatzsicherheit als ihre größte Sorge im Zusammenhang mit KI. Nur 14 Prozent haben eine "sehr klare" Vorstellung davon, wie KI konkret in ihre eigene Arbeit eingebunden werden soll.

Aus Sicht der Studienautor:innen liegt die Chance daher nicht nur in der Automatisierung einzelner Aufgaben, sondern in einer grundlegenden Neugestaltung des Versicherungsunternehmens. Führungskräfte müssten die strategische Richtung vorgeben, qualifizierte Mitarbeitende komplexe Entscheidungen auf Basis von Echtzeit-Erkenntnissen treffen und KI-Agenten wiederkehrende Routinetätigkeiten übernehmen. Dafür müssten Versicherer KI stärker in Zusammenarbeit und Entscheidungsprozesse integrieren, ihre Datengrundlagen verbessern und Arbeitsabläufe für den Einsatz agentenbasierter KI neu ausrichten.

www.capgemini.com

Über die Studie

Der Capgemini World Property and Casualty Insurance Report 2026 stützt sich auf Daten aus drei Hauptquellen: den 2026 Global Insurance Executive Interviews, den 2026 Global Insurance Employee Surveys und der 2026 Global Voice of the Customer Survey. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden 344 Führungskräfte führender Schaden- und Unfallversicherer, 809 Versicherungsmitarbeiter aus den Bereichen Underwriting, Schadenbearbeitung, Vertrieb und Kundenservice sowie 1.113 Versicherungsnehmer:innen befragt. Die Befragten wurden zu KI-Implementierung, organisatorischen Hindernissen bei der Skalierung und Kundenpräferenzen für proaktive Versicherungsdienstleistungen befragt. Diese Teilnehmer:innen repräsentieren wichtige Märkte in drei globalen Regionen: Nord- und Südamerika, Europa und den asiatisch-pazifischen Raum.

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Über die Studie

Der Capgemini World Property and Casualty Insurance Report 2026 stützt sich auf Daten aus drei Hauptquellen: den 2026 Global Insurance Executive Interviews, den 2026 Global Insurance Employee Surveys und der 2026 Global Voice of the Customer Survey. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden 344 Führungskräfte führender Schaden- und Unfallversicherer, 809 Versicherungsmitarbeiter aus den Bereichen Underwriting, Schadenbearbeitung, Vertrieb und Kundenservice sowie 1.113 Versicherungsnehmer:innen befragt. Die Befragten wurden zu KI-Implementierung, organisatorischen Hindernissen bei der Skalierung und Kundenpräferenzen für proaktive Versicherungsdienstleistungen befragt. Diese Teilnehmer:innen repräsentieren wichtige Märkte in drei globalen Regionen: Nord- und Südamerika, Europa und den asiatisch-pazifischen Raum.

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