Gastkommentar von Valerie Höllinger
Bürokratie abbauen heißt: mit Standards vereinfachen

| Redaktion 
| 29.04.2026

Ein Gastkommentar von Valerie Höllinger, CEO von Austrian Standards.

Die Forderung nach weniger Bürokratie ist berechtigt. Unternehmen brauchen keine zusätzlichen Hürden, sondern Geschwindigkeit, Klarheit und Planbarkeit. Trotzdem wird in der öffentlichen Debatte ein entscheidender Hebel regelmäßig falsch eingeordnet: Standards gelten vielen noch immer als Teil des Problems. Als zusätzliche Regelwerke, als Komplexitätstreiber, als "mehr vom Gleichen".

Das Gegenteil ist der Fall – zumindest dann, wenn man sie richtig versteht und gezielt einsetzt. Denn Bürokratie entsteht nicht durch Standards. Sie entsteht durch deren Abwesenheit oder inkonsistente Anwendung.

Missverständnis 1: Standards erzeugen Bürokratie

In der Praxis gilt häufig das Gegenteil: Bürokratie wächst dort, wo Standards fehlen. Unterschiedliche Datenformate, inkompatible Systeme, abweichende Begriffsdefinitionen – all das erzeugt genau jene Effekte, die Unternehmen als Bürokratie wahrnehmen: Mehrfachmeldungen, Medienbrüche, zusätzliche Prüfungen, redundante Nachweise. Standards reduzieren also nicht Handlungsspielräume, sondern unnötige Reibung. Fehlen sie, müssen Unternehmen genau jene Fragen laufend selbst lösen, die durch gemeinsame Regeln längst effizient beantwortet werden könnten.

Missverständnis 2: Standards sind "versteckte Gesetze"

Standards sind keine Gesetze und keine regulatorischen Vorgaben im engeren Sinn. Staatliche Regulierung geschieht top-down. Standardisierung hingegen ist konsensbasiert, von der Praxis für die Praxis. Über 5.000 Expert:innen aus der Praxis entwickeln technisch-fachliche Regelwerke, um konkrete Problemstellungen zu lösen – etwa bei Schnittstellen, Qualität, Sicherheit oder Interoperabilität.

© Austrian Standards 

Verbindlich werden Standards nur dann, wenn sie durch den Gesetzgeber referenziert oder im Rahmen von Verträgen ausdrücklich vereinbart werden.

Wichtig ist jedoch die Einordnung im Gesamtsystem: Standards stehen nicht außerhalb der Regulierung, sondern wirken als deren operative Übersetzungsebene. Regulierung definiert Ziele und Anforderungen – Standards liefern häufig die Methode, wie diese Anforderungen praktisch umgesetzt werden können. Ohne diese Übersetzungsebene bleibt Regulierung in vielen Fällen abstrakt. Mit Standards wird sie technisch und organisatorisch umsetzbar.

Missverständnis 3: Standards bremsen Innovation

Auch dieser Einwand hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Innovation scheitert selten an Ideen – sondern an fehlender Skalierbarkeit. Ohne Standards entstehen Insellösungen. Systeme, die nicht zusammenpassen. Produkte, die nicht integrierbar sind. Märkte, die fragmentiert bleiben.

Standards schaffen genau das Gegenteil: Anschlussfähigkeit.

Sie definieren Schnittstellen, sichern Interoperabilität und ermöglichen es Unternehmen, schneller von der Entwicklung in die Skalierung zu kommen. Das ist kein Innovationshemmnis – das ist ein Markteintrittsbeschleuniger.

Was das für Unternehmen wirklich bedeutet

Entscheidend ist weniger die grundsätzliche Bewertung von Standards, sondern ihr konkreter Einsatz in der Praxis. Denn aus strategischer Sicht stellt sich vielmehr die Frage: Wo reduzieren Standards Reibungsverluste – und wo helfen sie, unnötige Komplexität zu vermeiden? Denn richtig eingesetzt sind Standards kein Selbstzweck, sondern ein Effizienzinstrument: Sie senken Koordinationskosten, reduzieren Interpretationsspielräume und machen Prozesse vergleichbar. Gerade in einer zunehmend digitalen Wirtschaft ist das ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

www.austrian-standards.at


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