Fotos vom Ausblick des Bankenverbands
Top-Ökonomen warnen vor Ende der "exportgetriebenen Gemütlichkeit"

Der Iran-Krieg und die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten dämpfen die wirtschaftliche Erholung in Europa merklich. Der Bankenverband prognostiziert steigende Inflationsraten und eine eklatante Wachstumsschwäche.

Am Dienstag waren die Augen von europäischen Wirtschaftsvertreter:innen nach Wien gerichtet. Anlass war die Präsentation des "Ökonomischen Ausblicks" vom Bankenverband. Dabei wurde deutlich, dass die aktuelle Krisenlage im Nahen Osten die wirtschaftliche Entwicklung in Europa, Deutschland und Österreich erheblich belastet. Laut den Top-Ökonomen drücken die zunehmenden Unsicherheiten die Wachstumsprognosen und erhöhen den Inflationsdruck.

Alles hängt von der Dauer ab

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, verdeutlichte die Tragweite einer möglichen Eskalation: "Das Wirtschaftswachstum in Europa dürfte schätzungsweise um 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen, wenn die Straße von Hormus insgesamt drei Monate gesperrt wäre." Eine solche Blockade würde eine signifikante Ölangebotslücke verursachen, die sich laut Krämer im günstigsten Fall auf sechs Millionen Barrel pro Tag reduzieren ließe. Dennoch verwies er darauf, dass die heutige Wirtschaft widerstandsfähiger sei als während der Krisen der 1970er-Jahre, da die Ölintensität gesunken sei und Reserven für vier bis sechs Monate bestünden.

Auch für den Standort Österreich zeichnet sich ein verhaltenes Bild ab. Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Bank Austria, berichtete von sinkenden Erwartungen in der Industrie. Das Wachstum für das Jahr 2026 werde mit 0,8 Prozent kaum höher ausfallen als die für 2025 prognostizierten 0,6 Prozent. In negativen Risikoszenarien könne die Wachstumsrate sogar unter einem halben Prozent liegen.

Inflationsdruck steigt

Hinsichtlich der Teuerung rechnet Krämer im Euroraum mit einer Inflationsrate von "bald drei Prozent", was deutlich über der ursprünglichen Zielmarke liegt. Für Österreich prognostizierte Bruckbauer ebenfalls einen Wert von drei Prozent – ein leichter Rückgang gegenüber den 3,6 Prozent im Jahr 2025. Sollten die Öl- und Gaspreise jedoch dauerhaft über 100 Euro verbleiben, sei für 2026 mit einer Inflation von vier Prozent zu rechnen. Eine Rückkehr zum Stabilitätsziel von zwei Prozent stellte er erst für das Jahr 2027 in Aussicht.

Die industrielle Basis sieht sich zudem strukturellen Herausforderungen gegenüber. Während die deutsche Industrieproduktion laut Krämer seit sieben Jahren stagniere und Exporte nach China sowie in die USA rückläufig seien, verzeichne lediglich die Rüstungsbranche eine "Auftragsflut". In Österreich kämpfen die Betriebe mit steigenden Einkaufspreisen bei gleichzeitig geringeren Spielräumen für Preiserhöhungen. Bruckbauer führte aus, dass die Lieferzeiten zunähmen und der Lagerabbau stagniere. Er konstatierte zudem eine allgemeine Konsumschwäche in Europa: "Die Konsument:innen in Österreich agieren weiterhin zurückhaltend, wobei die Sparquote über dem Niveau vor der Pandemie verbleibt."

Beide Experten rechnen für das Jahr 2026 mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Ruf nach mehr Eigeninitiative

Gerald Resch, Generalsekretär des Bankenverbandes, resümierte die Lage mit vorsichtigem Optimismus, mahnte jedoch Eigeninitiative an. Die Krise fordere die langsame Erholung heraus und schwäche den Aufschwung ab. Er betonte, dass die Unsicherheiten verdeutlichten, dass man sich auf die eigenen Stärken besinnen müsse, um wettbewerbsfähig zu bleiben: "Nur zu warten, dass Impulse von Außen kommen oder andere für uns die Hausaufgaben erledigen, wird nicht ausreichen", so Resch abschließend.

Fotos der Veranstaltung sehen Sie in der Galerie.

www.bankenverband.at

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