Laut der aktuellen Automobilzuliefer-Studie von Strategy& zeichnet sich in der globalen Automobilindustrie eine deutliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse ab. Asiatische Unternehmen bedienten der am Donnerstag (20. August) veröffentlichten Analyse zufolge 2025 bereits 49 Prozent des weltweiten Automobilzuliefermarkts. Besonders stark falle der langfristige Aufstieg chinesischer Anbieter aus: Ihr Marktanteil hat sich seit 2015 von fünf auf 14 Prozent beinahe verdreifacht. Während China deutlich hinzugewann, sank der Anteil deutscher Zulieferer im selben Zeitraum von 26 auf 23 Prozent. Auf das übrige Europa entfielen zuletzt 13 statt zuvor 14 Prozent. In Österreich ist die Situation ebenfalls angespannt.
Parallel dazu entwickelte sich das Geschäft der großen Zulieferer deutlich schwächer als jenes der Fahrzeughersteller. Während die Umsätze der zehn größten Autobauer 2025 um zehn Prozent zulegten, gingen jene der weltweit 100 größten Zulieferer laut Studie um drei Prozent zurück.
Große Systemintegratoren besonders unter Druck
Nicht alle Unternehmen treffe die Entwicklung gleichermaßen, schreiben die Studienautor:innen. Besonders angespannt präsentiert sich laut Analyse die Situation bei den großen Systemintegratoren. Ihre durchschnittliche EBIT-Marge belief sich 2025 auf 4,1 Prozent, während die übrigen untersuchten Top-Zulieferer 8,3 Prozent erreichten.
Für viele deutsche und österreichische Unternehmen sieht Strategy& vorerst keine Trendwende. Als Belastungsfaktoren nennt die zu PwC gehörende Beratung neben der schwächeren Nachfrage europäischer Autohersteller insbesondere hohe Kosten, gewachsene Verwaltungsstrukturen und finanzielle Verpflichtungen aus früheren Wachstumsphasen.
Wie unterschiedlich sich die Wettbewerbsfähigkeit entwickelt hat, zeige der Vergleich mit China. Dort konnten Zulieferer laut Studie Skaleneffekte nutzen und ihre Kostenstrukturen seit 2017 deutlich verbessern. In Deutschland verschlechterten sich hingegen sowohl die Herstellungskostenquote als auch die Vertriebs- und Verwaltungskosten.
"Im Schatten der jahrelangen Erfolgsgeschichte hiesiger Zulieferer hat sich in Asien und vor allem in China eine neue Klasse des Wettbewerbs entwickelt", sagt Henning Rennert, Partner bei Strategy& Deutschland. Diese Unternehmen würden Technologie auf hohem Niveau mit Geschwindigkeit und Flexibilität verbinden.
Österreichs Zulieferindustrie steckt in der Krise
Wie unmittelbar die von Strategy& beschriebene Entwicklung Österreich betrifft, zeigt ein Blick auf die heimische Zulieferindustrie. Bereits vor einem Jahr hatte die Branche Alarm geschlagen: 2024 war ihr Umsatz um 9,2 Prozent auf 28,41 Milliarden Euro eingebrochen, rund 5.000 Arbeitsplätze inklusive Leiharbeitskräften gingen verloren. Ende 2024 waren noch 76.900 Mitarbeiter:innen in der Branche beschäftigt. Schon damals warnten Branchenvertreter:innen vor weiteren Stellenverlusten (LEADERSNET berichtete).
Seither hat sich der Personalabbau bei mehreren Unternehmen fortgesetzt. Beim Technologiekonzern AVL List wurde Anfang 2026 der Abbau weiterer rund 350 Stellen angekündigt, bei ZKW sind sogar 600 Mitarbeiter:innen betroffen. Hinzu kommen Insolvenzen wie jene von Eitek oder Wollsdorf Leder. Auch bei Magna Steyr ist die Belegschaft infolge der geringeren Produktion in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Bei Magna in Graz gab es zuletzt hingegen eine Trendumkehr, weil mittlerweile mehrere chinesische Automarken einige ihrer Modelle in Graz endmontieren lassen – wie beispielsweise GAC und Xpeng.
Hohe Forschungsausgaben allein reichen nicht
Zurück zur Studie: Bemerkenswert fällt auch der Vergleich von Forschungsaufwand und Profitabilität aus. Deutsche Zulieferer investieren laut Strategy& mit einer durchschnittlichen F&E-Quote von 7,2 Prozent mehr als Unternehmen jeder anderen untersuchten Region. Bei der durchschnittlichen EBIT-Marge erreichen sie dennoch lediglich 5,2 Prozent und liegen damit gemeinsam mit der Americas-Region am Ende des Rankings.
Chinesische Anbieter kommen bei einer F&E-Quote von 5,5 Prozent demnach auf eine durchschnittliche EBIT-Marge von 8,4 Prozent. Besonders profitabel arbeiteten die übrigen europäischen Zulieferer: Bei einer Forschungsquote von 5,8 Prozent erzielten sie im Schnitt eine EBIT-Marge von 10,2 Prozent.
China baue unterdessen seine technologische Position weiter aus. Nachdem dortige Unternehmen insbesondere bei Batterietechnologie und Antriebssträngen stark geworden sind, drängten sie zunehmend in Bereiche wie Software, Elektrik- und Elektronikarchitektur sowie Fahrerassistenzsysteme.
Zeit für eine Aufholjagd wird knapper
Für die europäischen Zulieferer sieht Strategy& dennoch Chancen, verlorenen Boden zurückzugewinnen. Notwendig seien unter anderem schnellere Kosten- und Kapazitätsanpassungen, schlankere Strukturen sowie Investitionen in Schlüsseltechnologien. Zugleich spricht sich die Beratung für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Zulieferern und Fahrzeugherstellern aus.
"Das Zeitfenster für eine erfolgreiche Aufholjagd der deutschen Hersteller verengt sich, ist aber noch nicht geschlossen", sagt Rennert. Gerade bei Mechanik und Mechatronik verfügten etablierte Zulieferer weiterhin über umfangreiches Know-how. Dieses müsse allerdings stärker mit neuen Technologien verbunden werden.
Als einen entscheidenden Zukunftsbereich nennt der Strategy&-Experte abschließend das autonome Fahren. Kooperationen über bisherige Unternehmens- und Wettbewerbsgrenzen hinweg könnten aus seiner Sicht dazu beitragen, Kapital, technologische Kompetenzen und Entwicklungswissen zu bündeln.
www.strategyand.pwc.at
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