LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Heralic, NTT Data DACH ist Teil eines globalen japanischen Technologiekonzerns, der Unternehmen bei IT-Sicherheit, Digitalisierung und KI-Transformation begleitet. Welche Struktur und welche Expertise stecken hinter dieser Marke?
Eva Heralic: NTT Data gehört zur NTT-Gruppe, der Nippon Telegraph and Telephone Corporation mit Hauptsitz in Tokio, die historisch aus dem Telekommunikationsbereich stammt. NTT Data ist das Tochterunternehmen, das sich spezialisiert auf Cyber Security, Datenbanksicherheit sowie KI-Transformation konzentriert. Weltweit beschäftigt die gesamte NTT-Gruppe rund 300.000 Mitarbeiter:innen, davon etwa 200.000 bei NTT Data. Allein im Bereich Cyber Security verfügen wir über ein dediziertes Team von rund 8.000 Spezialist:innen, die sich ausschließlich mit dieser Materie befassen, da wir in diesem Segment seit vielen Jahren über tiefgreifende Expertise verfügen.
LEADERSNET: Cybersicherheit betrifft längst nicht mehr nur Großkonzerne oder staatliche Akteure. Wo begegnen uns Cyber-Risiken heute ganz konkret im Alltag – oft, ohne dass wir es unmittelbar wahrnehmen? Und was sind derzeit die gravierendsten Bedrohungen im Netz?
Heralic: Die größte Bedrohung der Gegenwart liegt zweifellos in der enormen Geschwindigkeit der Angreifer:innen. Das Bedrohungsszenario hat sich drastisch verändert: Ein Cyberangriff vollzieht sich heute oft innerhalb von ein bis zwei Minuten. Darauf müssen sich Unternehmen vorbereiten. Es gilt, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Dennoch möchte ich keine Unruhe schüren: Es gibt hocheffektive Lösungen für diese Herausforderungen. Man kann präventiv Vorsorge treffen und eine echte digitale Resilienz aufbauen. NTT Data verfolgt hierbei einen konsequent ganzheitlichen Ansatz.
LEADERSNET: Wo genau manifestieren sich diese Risiken für Endverbraucher:innen?
Heralic: Cyberangriffe finden schlichtweg überall statt. Ein hochaktuelles Beispiel ist der kürzliche Vorfall bei der Lernplattform "Udemy", die von Studierenden, Privatpersonen und Unternehmen gleichermaßen genutzt wird. Das Kernproblem bei solchen Angriffen ist der Abfluss persönlicher Daten und Zugangsdaten. Viele Nutzer:innen verwenden nach wie vor dasselbe Passwort für unterschiedlichste Anwendungen. Ein:e Angreifer:in verschafft sich so innerhalb kürzester Zeit Zugang und kann sich im System rasch weiterverbreiten. Aus diesem Grund greifen traditionelle IT-Sicherheitsstrategien nicht mehr. Wir müssen in größeren Dimensionen denken und Cybersicherheit als einheitliches, ganzheitliches Fundament begreifen.
LEADERSNET: Die technologische Entwicklung verläuft rasant. Hat sich die Bedrohungslage im Vergleich zu früheren Jahren grundlegend verändert? Sind wir den Gefahren heute schutzlos ausgeliefert oder können wir uns als Anwender:innen wirksam schützen?
Heralic: Selbstverständlich können wir uns schützen. Allerdings ist die enorm gestiegene Geschwindigkeit eine der größten Herausforderungen – sowohl für Konsument:innen als auch für Unternehmen. Betrachten wir aktuelle Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, wie etwa neu veröffentlichte Large-Language-Modelle von Anbietern wie Anthropic: Solche Technologien ermöglichen es leider auch Angreifer:innen, Schwachstellen in einer Geschwindigkeit aufzuspüren, auf die man manuell kaum reagieren kann. Diese Lücken werden umgehend ausgenutzt, um in Systeme einzudringen und Daten abzusaugen. Doch dieser Dynamik lässt sich durch den Aufbau präventiver Resilienz erfolgreich begegnen.
Bei NTT Data denken wir End-to-End: Es geht darum, im Vorfeld optimal aufgestellt zu sein, aber auch für den Ernstfall eines erfolgreichen Angriffs klare Notfallkonzepte griffbereit zu haben. Angst ist hierbei ein schlechter Ratgeber – ein gesundes Maß an Respekt und die richtigen strategischen Maßnahmen sind der Schlüssel.
LEADERSNET: Höhere Bandbreiten und die zunehmende Vernetzung – etwa beim automatisierten Fahren – erfordern immer größere Datenmengen. Wird der Umgang mit Daten dadurch zusehends gefährlicher und wohin entwickelt sich die Nutzung digitaler Systeme aus Ihrer Sicht?
Heralic: Die Digitalisierung ist ein unaufhaltsamer Prozess. Damit einher geht die fundamentale Frage der digitalen Souveränität. Ich untergliedere diese Thematik stets in drei zentrale Bereiche: Erstens die Hardware- und Softwareprodukte – hier ist es für Europa derzeit noch herausfordernd, da heimische Investor:innen und Hersteller im Vergleich oft risikoavers agieren. Zweitens die Daten selbst – hier kann ich Entwarnung geben, da es längst ausgereifte Verschlüsselungstechnologien gibt. Das Problem ist meist nicht das Fehlen von Lösungen, sondern dass Unternehmen sie nicht konsequent einsetzen. Der dritte Bereich ist die Cloud, die eine durchdachte Strategie erfordert. Man darf sich im Cloud-Bereich niemals von einem einzigen Hyperscaler abhängig machen, sondern muss die Systemarchitektur diversifiziert aufbauen.
LEADERSNET: Was ist konkret erforderlich, damit Unternehmen und Nationen ihre digitale Souveränität wahren – sprich: das Heft des Handelns in der Hand behalten?
Heralic: Letztlich müssen die Unternehmen bei sich selbst ansetzen und Verantwortung für die eigenen Daten übernehmen. Sie müssen klare Antworten auf strategische Fragen haben: Gibt es eine definierte Cloud-Strategie? Wie und wo werden Daten abgelegt und verschlüsselt? Das größte Problem in vielen Organisationen ist schlicht die mangelnde Transparenz darüber, welche Daten überhaupt existieren und wohin diese abfließen – Stichwort "Shadow AI". Wenn Mitarbeitende unkontrolliert externe KI-Tools nutzen, entstehen Sicherheitslücken. Wir bei NTT Data stellen unseren Hunderttausenden Mitarbeitenden beispielsweise Enterprise-Lizenzen von ChatGPT zur Verfügung. So bieten wir einen sicheren, kontrollierten Rahmen für den Datenaustausch, anstatt Nutzungsmuster zu verdrängen. Denn Mitarbeitende finden immer Wege – umso wichtiger ist es, diese Prozesse geordnet und sicher zu gestalten.
LEADERSNET: Sie befassen sich intensiv mit Cybersicherheit. Wie hat sich Ihr Fachbereich über die Jahre verändert – und was hat Sie persönlich in das Thema geführt?
Heralic: Ich komme ursprünglich aus der Betriebswirtschaft, hatte jedoch schon immer eine große Affinität zur Informationstechnologie. Vor rund zwölf Jahren habe ich begonnen, mich intensiv mit Cybersicherheit zu beschäftigen. Mir wurde damals manchmal gesagt, IT sei trocken – das Gegenteil ist der Fall: Cybersicherheit ist hochdynamisch und faszinierend, da sich Angriffsszenarien täglich verändern. Natürlich haben wir bei NTT Data tiefgreifende technische Spezialist:innen für die unterste Ebene. Meine Aufgabe ist es, das Bindeglied zwischen den lokalen Kundenbedürfnissen und unserem globalen Expertennetzwerk zu bilden. Was sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert hat, ist das Ausmaß an Automatisierung bei den Angreifer:innen durch KI-Tools. Wer hier noch mit veralteten, reaktiven Systemen agiert, hat das Nachsehen. Man muss heute proaktiv aufgestellt sein.
LEADERSNET: Blicken wir abschließend nach vorn: Dürfen wir der digitalen Zukunft mit Freude entgegensehen oder müssen wir ihr mit großem Respekt begegnen?
Heralic: Respekt ist die treffende Haltung. Angst hingegen ist unbegründet, denn es existieren hervorragende Sicherheitslösungen. Über die Netzwerke von NTT Data fließen rund 40 Prozent des weltweiten Internet-Datenvolumens. Dadurch erkennen wir neue globale Angriffsmuster extrem frühzeitig. Dennoch dürfen Unternehmen die Augen nicht verschließen oder die Geschwindigkeit der Entwicklungen unterschätzen. Wer die Gefahren realistisch einschätzt und auf starke, verlässliche Partner setzt, kann der digitalen Zukunft vollkommen gelassen entgegensehen.
LEADERSNET: Herzlichen Dank.
www.nttdata.com
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