Der Studienabschluss führt für die meisten jungen Akademiker:innen zunächst in ein Angestelltenverhältnis. Mit wachsender Berufserfahrung scheint jedoch auch der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit zuzunehmen. Das geht aus dem aktuellen österreichischen Report des Global University Entrepreneurial Spirit Students’ Survey (GUESSS) hervor.
Für die österreichische Ausgabe, die Teil eines internationalen Forschungsprojekts (sieh Infobox) ist, wurden insgesamt 2.022 Studierende befragt. Organisiert wird die nationale Studie vom Department of Corporate Leadership and Entrepreneurship der Universität Graz.
Eigene Firma wird mit der Zeit attraktiver
Direkt nach dem Studium scheint der Schritt in die Selbstständigkeit für die überwiegende Mehrheit noch zu früh zu kommen. Viele Studierende wollten laut Universität Graz zunächst Berufserfahrung sammeln, Kontakte knüpfen und ihre jeweilige Branche kennenlernen.
Mit zunehmender Berufserfahrung ändere sich das Bild jedoch deutlich. Fünf Jahre nach dem Abschluss würden sich der GUESSS-Erhebung zufolge 21,6 Prozent der österreichischen Studienteilnehmer:innen bereit für den Schritt in die Selbstständigkeit fühlen. Bei jenen, die während ihres Studiums Kurse zur Unternehmensgründung besucht haben, steige der Anteil laut der Uni Graz sogar auf 29 Prozent.
Die Detailauswertung des Reports liefert zusätzliche Hinweise darauf, wie sich Karrierepläne im Laufe der Zeit verschieben könnten. Von jenen Studierenden, die nach ihrem Abschluss zunächst in einem KMU arbeiten wollen, sehen sich 24,3 Prozent fünf Jahre später in der Selbstständigkeit. Bei angehenden Mitarbeiter:innen großer Unternehmen beträgt dieser Anteil 18,4 Prozent.
Gründungsinteresse ist keine Frage des Studienfachs
Bemerkenswert ist zudem, dass sich der Wunsch nach Selbstständigkeit keineswegs auf Wirtschafts-, Technik- oder Naturwissenschaften beschränkt. Fünf Jahre nach Studienabschluss gewinnt eine unternehmerische Karriere laut Report in sämtlichen untersuchten Studienrichtungen an Bedeutung. In den meisten Fachbereichen sehe sich dann rund ein Viertel bis ein Drittel der Befragten als selbstständig – entweder als Gründer:in oder im Rahmen einer Unternehmensnachfolge. Besonders hoch seien die entsprechenden Anteile in Wirtschaft, Rechtswissenschaften und Kunst.
Dabei beschränkt sich der Wunsch nach Selbstständigkeit der Erhebung zufolge keineswegs auf Wirtschafts-, Technik- oder Naturwissenschaften. Laut Universität Graz wollen 23 Prozent der Absolvent:innen geisteswissenschaftlicher Fächer in die Selbstständigkeit starten. Damit gebe es in diesen Studienrichtungen ähnlich viele Menschen mit Gründungsabsichten wie in MINT-Fächern.
Berufserfahrung verkleinert auch den Gender-Gap
Ein weiterer Aspekt des Reports betrifft Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Direkt nach dem Abschluss streben zehn Prozent der männlichen und sechs Prozent der weiblichen Befragten eine unternehmerische Laufbahn als Gründer:in oder Unternehmensnachfolger:in an.
Fünf Jahre später steigen die entsprechenden Werte auf 24 beziehungsweise 21 Prozent. Der Gender-Gap bleibe damit zwar bestehen, werde mit zunehmender Berufserfahrung aber kleiner, so die Studienautor:innen.
Entrepreneurship-Kurse erhöhen Gründungsinteresse
Auch die universitäre Ausbildung könnte eine Rolle spielen. Studierende, die Angebote zur Entrepreneurship Education besucht haben, weisen in der Untersuchung durchgehend höhere Werte bei den abgefragten Gründungsabsichten auf als jene ohne entsprechende Ausbildung. Je nach Fragestellung beträgt der Unterschied zwischen 0,5 und 0,9 Punkten auf einer siebenstufigen Skala.
Allerdings liefert der Report an dieser Stelle keinen Kausalitätsnachweis. Die Autor:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass bereits an Unternehmensgründungen interessierte Studierende häufiger entsprechende Lehrveranstaltungen wählen könnten – oder dass die Lehrangebote tatsächlich das Gründungsinteresse verstärken. Welche Richtung der Zusammenhang hat, lasse sich anhand der Daten nicht eindeutig feststellen.
Julia Taferner, Co-Autorin der Studie an der Universität Graz, sieht darin dennoch einen Hinweis auf die Bedeutung entsprechender Angebote: "Unternehmerisches Know-how ist damit nicht nur für jene relevant, die direkt nach dem Studium gründen möchten, sondern stärkt Kompetenzen, die in nahezu allen beruflichen Kontexten wertvoll sind."
Die Universität Graz bietet dafür unter anderem das Wahlfachprogramm "Timegate" an. Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen sollen dabei wirtschaftliches Basiswissen und praxisbezogene Kenntnisse rund um Entrepreneurship erwerben.
www.uni-graz.at
www.entrepreneurship.uni-graz.at
Kommentar veröffentlichen