Wer in den vergangenen Monaten die Entwicklung des wertvollsten Unternehmens der Welt verfolgt hat, erlebte einen Wirtschaftsthriller in Echtzeit. Nvidia, der US-amerikanische Grafikkartenspezialist, der mit seinen KI-Chips zum zentralen Nervensystem der globalen Technologieindustrie avanciert ist, wurde 2025 zum Spielball einer geopolitischen Auseinandersetzung, deren Ausgang noch immer offen ist.
Die Geschichte beginnt mit einem Paukenschlag im April 2025: Die Trump-Administration verhängte überraschend ein Exportverbot für Nvidias H20-Chip – jenes speziell für den chinesischen Markt gedrosselte Modell, das bislang noch unter den US-Exportbeschränkungen für Hochleistungsprozessoren durchgerutscht war. Die Konsequenz für Nvidia war unmittelbar und schmerzhaft: 2,5 Milliarden Dollar entgangene Einnahmen und weitere 4,5 Milliarden Dollar an Lagerbeständen, die plötzlich wertlos waren. Insgesamt buchte das Unternehmen im ersten Quartal Abschreibungen von rund 5,5 Milliarden Dollar.
Für europäische und österreichische Anleger:innen, die Nvidia im Depot halten – die Aktie ist über zahlreiche ETFs und Technologiefonds auch in Wien weitverbreitet – waren dies alarmierende Nachrichten. Die Nvidia-Aktie, die seit Jahresbeginn bereits von Januar bis April um rund 30 Prozent gefallen war, fand vorerst keinen Halt.
Das Comeback – mit Preisschild
Im Juli folgte die Kehrtwende. Die US-Regierung signalisierte, Exportlizenzen für den H20 zu erteilen – allerdings zu einem ungewöhnlichen Preis: Nvidia soll 15 Prozent seines China-Umsatzes aus H20-Verkäufen an das US-Handelsministerium abführen. Ein Novum in der Geschichte der amerikanischen Technologiepolitik, das Jurist:innen und Ökonom:innen gleichermaßen beschäftigt, da seine rechtliche Grundlage noch ungeklärt ist. Wie Nvidias Finanzchefin Colette Kress in einer Analystenkonferenz Ende August klarstellte, wurde diese Vereinbarung bis dato noch nicht in einer Regulation festgeschrieben – sie schwebe gewissermaßen als informelle Abmachung im Raum.
Die praktischen Auswirkungen sind bereits spürbar: Im zweiten Quartal verzeichnete Nvidia keinerlei H20-Umsätze in China. Der China-Erlös kollabierte auf 2,8 Milliarden Dollar – nach noch 5,5 Milliarden im Vorquartal. Dabei gilt China als einer von Nvidias wichtigsten Märkten überhaupt; inoffiziell schätzen Analyst:innen, dass bis zu 40 Prozent des Gesamtumsatzes mittelbar auf chinesische Käufer:innen zurückgehen, die Chips über Zwischenhändler:innen in Drittländern beziehen.
Peking schlägt zurück
Doch selbst wenn die Lizenzen nun schrittweise erteilt werden, ist Nvidias Rückkehr nach China kein Selbstläufer. Die chinesische Regierung reagierte auf die US-Exportpolitik mit einer bemerkenswerten Gegenstrategie: Peking fordert von Nvidia Einblick in mögliche Sicherheitslücken und "Hintertüren" im H20 – eine Forderung, die Nvidia zurückwies. Gleichzeitig drängen chinesische Behörden heimische Technologiekonzerne aktiv dazu, keine Nvidia-Chips mehr zu bestellen und stattdessen auf inländische Anbieter:innen zu setzen.
Das zeigt Wirkung. Hatte Nvidia 2022 – also vor dem Beginn der US-Exportbeschränkungen – noch einen Marktanteil von rund 95 Prozent im chinesischen KI-Chipsegment, so sind es heute nur noch etwa 50 Prozent. Und der Abstand schrumpft weiter: Der chinesische Chip-Hersteller Cambricon – teilweise staatlich finanziert – verzeichnete im ersten Halbjahr 2025 einen Umsatzsprung von rund 4.300 Prozent und belegt damit, mit welcher Dynamik die chinesische Halbleiterindustrie aufholt. Die absolute Größenordnung bleibt zwar mit umgerechnet rund 400 Millionen Euro weit hinter Nvidias Quartalsumsätzen von 46,7 Milliarden Dollar zurück – doch die Wachstumskurve lässt aufhorchen.
DeepSeek, das Jevons-Paradoxon und die Frage nach dem Schnitzel
Parallel zur geopolitischen Achterbahn erschütterte Anfang 2025 das chinesische KI-Modell DeepSeek die Märkte. Das Start-up behauptete, ein KI-Modell entwickelt zu haben, das mit einem Bruchteil der Rechenleistung und Energie ähnliche Ergebnisse wie US-Konkurrenten erziele. Die Logik schien klar: Wenn weniger Chips reichen, bricht Nvidias Geschäftsmodell ein. Der Aktienkurs reagierte entsprechend.
Doch die Angst erwies sich als übertrieben – aus zwei Gründen. Erstens stellte sich heraus, dass DeepSeek seine Effizienzgewinne etwas überzeichnet hatte. Zweitens griff ein volkswirtschaftliches Phänomen, das seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist: das Jevons-Paradoxon. Der britische Ökonom William Stanley Jevons beobachtete einst, dass effizientere Dampfmaschinen nicht zu weniger Kohlenverbrauch führten, sondern zu mehr – weil die niedrigeren Betriebskosten neue Anwendungen und mehr Produktion ermöglichten. Genau das geschieht gerade mit KI: Günstigere Inferenz bedeutet mehr KI-Anwendungen, was wiederum mehr Rechenzentren, mehr GPUs und letztlich mehr Bedarf an Nvidias Hardware erzeugt.
Zahlen, die überzeugen
Das spiegeln auch die Quartalszahlen wider. Im ersten Quartal 2025 steigerte Nvidia seinen Umsatz im Jahresvergleich um 69 Prozent auf 44 Milliarden Dollar, der Gewinn kletterte um 26 Prozent auf 19 Milliarden Dollar. Für das dritte Quartal gibt Nvidia eine Prognose von 54 Milliarden Dollar aus – selbst ohne jegliche H20-Einnahmen aus China. Sollten die geopolitischen Spannungen nachlassen und die Lizenzen tatsächlich greifen, rechnet Finanzchefin Kress mit zusätzlichen zwei bis fünf Milliarden Dollar allein aus chinesischen H20-Verkäufen.
Nvidia bleibt damit unangefochtener Weltmarktführer bei KI-Chips mit einem globalen Marktanteil von rund 80 Prozent – weit vor AMD und Intel. Die neue Blackwell-Prozessorgeneration, für die die Nachfrage laut Unternehmensangaben die Produktionskapazitäten übersteigt, soll diesen Vorsprung weiter ausbauen. Ergänzt wird die Strategie durch ein dichtes Netz strategischer Partnerschaften mit Cloud-Anbietern wie Amazon AWS, Microsoft Azure und Google sowie die Beteiligung am staatlich geförderten US-KI-Projekt Stargate.
Zehn Jahre, dreihundertfach
Wer die Nvidia-Aktie vor zehn Jahren kaufte und hielt, konnte den Kurs mehr als verdreihundertfachen – eine der außergewöhnlichsten Börsengeschichten der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Der Weg dorthin verlief freilich alles andere als gerade: Ende 2018 brach die Aktie um fast die Hälfte ein, 2022 – im Zinserhöhungsjahr mit Ukrainekrieg – verlor sie in der Spitze zwei Drittel ihres Werts. Heute ist Nvidia das einzige Unternehmen weltweit mit einer Marktkapitalisierung von mehr als vier Billionen Dollar.
Was aus dem H20-Kapitel wird, ist noch nicht ausgeschrieben. Nvidia entwickelt bereits einen Nachfolger für den chinesischen Markt – intern als B30A bekannt – der leistungsfähiger als der H20, aber schwächer als Nvidias Top-Chips sein soll. Ob Washington das genehmigt, ob Peking chinesische Firmen weiter vom Kauf abhalten kann und ob die 15-Prozent-Abgabe an den US-Fiskus Bestand hat, bleibt offen. Nvidia befindet sich im Zentrum eines Handels- und Technologiekonflikts, dessen Regeln täglich neu geschrieben werden – und navigiert ihn bisher mit bemerkenswerter Resilienz.
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