Boeckl trifft Josephsohn
Archetypen des Figuralen: Herbert Boeckl und Hans Josephsohn im Leopold Museum

| Gerhard Krispl / LEADERSNET-ART Herausgeber 
| 11.08.2026

Das Leopold Museum stellt Werke der beiden Künstler einander gegenüber, die sich zu Lebzeiten nie begegneten und findet dabei überraschende Parallelen.

Zwei Künstler, ein Dialog

Die seit der italienischen Renaissance vermehrt gestellte Frage nach der Hierarchie der Künste fand mit dem Beginn der Moderne ihr Ende. In dieser Ausstellung, in der das Werk eines Bildhauers auf jenes eines Malers trifft, geht es nicht um eine kunsttheoretische Wiederbelebung dieser alten Debatte, sondern um den Dialog zweier Künstlerpersönlichkeiten. Die Gegenüberstellung von Herbert Boeckl (1894–1966) und Hans Josephsohn (1920–2012) verdeutlicht fundamentale Parallelen in deren Auffassung von Körperlichkeit, Materialität und dem Prozess der Formfindung.

Treue zur menschlichen Figur

Weder Boeckl noch Josephsohn haben – trotz des verstärkten Auftretens der abstrakten Kunst seit den 1950er-Jahren – den Weg in die Abstraktion beschritten. Sie blieben der menschlichen Figur als künstlerischem Ausdrucksträger treu. Beide strebten danach, das Wesentliche durch radikale Vereinfachung und massive Verdichtung herauszuarbeiten, was ihre Figuren entindividualisiert und stilisiert erscheinen lässt und eine universelle Form des Menschlichen zur Darstellung bringt.

Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920. Leopold Museum, Wien.
Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920. © Leopold Museum, Wien. Foto: Leopold Museum, Wien. © Herbert Boeckl-Nachlass, Wien.

Die Physis des Materials

Das Interesse an der Physis des Materials stellt eine weitere Korrespondenz zwischen den beiden Künstlern dar. Während Boeckl in seiner Malerei die Farbe dick und nahezu skulptural schichtet, arbeitet Josephsohn bei seinen Gipsmodellierungen und den daraus entstehenden Güssen vergleichbar additiv. Bei beiden bleibt der Entstehungsprozess nachvollziehbar: bei Boeckl die sichtbaren Pinselstriche, bei Josephsohn die Spuren des Auf- und Abtragens des Gipses.

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969. Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen.
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969. © Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen. Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen. © Josephsohn Estate.

Zeitlose Formensprache

Weil Moden und Trends von beiden Künstlern ignoriert werden, nehmen Zeitlosigkeit und eine archaisch wirkende Formensprache eine dominante Rolle ein – etwa bei Josephsohns stelenartigen Figuren, die als zeitlose Monolithe erscheinen, oder bei Boeckls monumentalen Figurendarstellungen und Landschaften. Die Zusammenschau wirft so Fragen der Existentialität im Sinne einer universellen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein auf.

Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen
Leopold Museum, Wien
24. Juli 2026 bis 10. Jänner 2027
www.leopoldmuseum.org

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