Am Montag, dem 28. September, kamen ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer und der designierte Generaldirektor Clemens Pig, der mit 1. Jänner 2027 an die Spitze des Hauses wechselt (LEADERSNET berichtete), am ORF-Mediencampus mit zahlreichen Vertreter:innen aus Kultur und Sport zu einer Diskussionsrunde zusammen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenz durch internationale Plattformen, die aus Sicht des ORF eine gemeinsame österreichische Öffentlichkeit gefährdet, stand die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für heimische Kulturinstitutionen und Sportverbände im Mittelpunkt – ebenso wie die Frage, wie die Zusammenarbeit dahingehend ausgebaut werden kann. Neben Pig und Lederer nahmen Jan Nast (Intendant der Wiener Symphoniker), Simon Ertl (Festivalchef Woodstock der Blasmusik), Roswitha Stadlober (Präsidentin des ÖSV) und Josef Pröll (Aufsichtsratsvorsitzender des ÖFB) auf dem Podium Platz.
ORF will sich stärker öffnen
"Die heutige Veranstaltung markiert den Beginn einer Reise: Nach einer historisch schwierigen Phase für den ORF ist es Zeit, nach vorne zu blicken und unserem Publikum wieder Zuversicht zu vermitteln! Das kann der ORF jedoch nicht alleine, sondern nur gemeinsam mit seinen Partnern aus Sport und Kultur, mit denen wir uns heute intensiv ausgetauscht haben", erklärte Heinz Lederer. Künftig wolle das Medienhaus auch mit Vertreter:innen anderer gesellschaftlicher Bereiche ins Gespräch kommen und erfahren, wie es sie besser unterstützen kann.
Clemens Pig wiederum stellte die Sichtbarkeit österreichischer Themen in den Mittelpunkt. "Wer erzählt Österreich in all seinen Facetten, wenn nicht der ORF? Die digitalen Plattformen tun das nicht", so der künftige Generaldirektor. Dafür wolle er den ORF stärker für Publikum und Partner:innen öffnen. Eine wichtige Rolle spielen aus seiner Sicht Live-Übertragungen und die Zusammenarbeit mit privaten Medien. Sein Ziel sei es, den ORF vom Rundfunk zu einer Plattform für die Gesellschaft weiterzuentwickeln.
Kultur braucht Öffentlichkeit
Was die Präsenz im ORF konkret für Kulturinstitutionen bedeutet, erläuterte Jan Nast am Beispiel der Wiener Symphoniker. Deren Prater-Picknick erreiche laut ORF neben bis zu 5.000 Besucher:innen vor Ort auch mehrere Hunderttausend Menschen über die TV-Übertragung. "Es gehört zu unserem kulturellen Selbstverständnis, dass Musik, Kunst und Kultur in der Breite unserer Gesellschaft präsent und damit auch in jedem Wohnzimmer zu Hause sind", betonte Nast. Zugleich warnte er: "Kultur darf in Österreich nicht zur Nische werden." Übertragungen und Kooperationen mit Sendern wie 3sat und Arte würden Konzerte auch über den Konzertsaal hinaus zugänglich machen.
Dass es dabei nicht nur um klassische Musik geht, veranschaulichte Simon Ertl am Beispiel des Woodstock der Blasmusik. Das Festival im Innviertel zählte zuletzt rund 110.000 Besucher:innen und mehr als 150 Bands. Am Gesamtspiel beteiligen sich laut Ertl mittlerweile mehr als 20.000 Menschen. "Der ORF gibt solchen kulturellen Entwicklungen Öffentlichkeit und trägt dazu bei, dass aus einem Erlebnis vor Ort ein Erlebnis für ganz Österreich wird", so Ertl. Gerade für junge Menschen könne das auch die Wahrnehmung der Blasmusik verändern.
Kultur ist im ORF-Gesetz als Teil des öffentlich-rechtlichen Kernauftrags verankert. Laut Sender fließen jährlich rund 120 Millionen Euro in das Kulturprogramm – im Fernsehen entfallen 19 Prozent des Programms auf diesen Bereich. Mehr als 1.000 Veranstaltungen pro Jahr begleitet oder unterstützt der ORF, darunter die Salzburger und Bregenzer Festspiele, die Seefestspiele Mörbisch und die Ars Electronica. Mit rund 500 Programmstunden erreichte der Kultursommer 2026 im Fernsehen 5,114 Millionen Zuseher:innen und damit 68 Prozent der heimischen TV-Bevölkerung ab zwölf Jahren.
Sport sorgt für Millionenpublikum
Auch für die Sportverbände ist die Präsenz im ORF mehr als eine Frage der Reichweite. ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober verwies in der Diskussionsrunde unter anderem auf das Gemeinschaftsgefühl, das Live-Übertragungen über Generationen hinweg schaffen. Die Sichtbarkeit wirke sich zudem auf die Nachwuchsförderung aus. "Emotionen lassen sich nicht kaufen, das ist das Schöne an dieser Partnerschaft", so Stadlober. Wie groß das Publikum ist, zeigen die Übertragungen vom Ski-Weltcup: Sie erreichten in der Saison 2025/26 laut ORF knapp sechs Millionen Menschen.
Für den Fußball ergriff ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzender Josef Pröll das Wort: "Ohne die Partnerschaft mit dem ORF wäre die Entwicklung des Frauen-Fußballs in der Breite nicht möglich. Auch die Nachwuchsteams brauchen die Wahrnehmung, die durch den ORF entsteht." Welche Reichweite der Fußball im ORF insgesamt erzielt, zeigte zuletzt die WM 2026: Die Berichterstattung erreichte 6,7 Millionen Österreicher:innen. Das Spiel gegen Jordanien um 6 Uhr früh sahen im Schnitt 1,235 Millionen Menschen, in der zweiten Halbzeit lag der Marktanteil bei 88 Prozent. Mehr als 80 Prozent des Werbewerts des Herren-Nationalteams gehen laut ORF auf die TV-Verwertung zurück, rund 60 Prozent davon auf den Sender.
Im Jahr 2025 entfielen knapp 12.000 Stunden und damit mehr als ein Viertel des ORF-Programmvolumens auf Sport. Über die großen Sportereignisse hinaus übernimmt der Sender auch die Produktion des internationalen TV-Signals für Bewerbe etwa im Volleyball, Basketball und Handball, eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass diese in Österreich stattfinden können. Angesichts steigender Preise für Übertragungsrechte sieht der ORF seine Aufgabe auch darin, möglichst viel Live-Sport ohne Bezahlschranke zugänglich zu halten.
LEADERSNET war vor Ort und hat Eindrücke für Sie in der Galerie gesammelt.
www.orf.at
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