Jürgen Czernohorszky im Interview
"Der Ausstieg aus fossilen Energien macht unsere Wirtschaft krisenfest"

Stadtrat Jürgen Czernohorszky, zuständig für Klima und Umwelt, spricht im LEADERSNET-Interview über Wiens wirtschaftliche Stabilität im internationalen Vergleich, die Energiewende und den PV-Ausbau. Zudem erklärt er, wie Investitionen in Kreislaufwirtschaft, Life Sciences und digitalen Humanismus Wiens Spitzenposition als lebenswerteste Metropole sichern und nachhaltige Wertschöpfung schaffen können.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Stadtrat Czernohorszky, seit 2001 gestalten Sie die Wiener Politik maßgeblich mit, seit 2017 als Mitglied der Landesregierung. Wien möchte Klimavorreiter sein und gleichzeitig ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben. Wie stellt sich der Status quo für den Wirtschaftsstandort Wien aktuell dar?

Jürgen Czernohorszky: Wien ist weder eine Insel noch eine Festung. Alle globalen, europäischen und nationalen Herausforderungen treffen natürlich auch uns. Als urbaner Raum ist Wien ultra-vernetzt. Aber genau das ist auch eine Stärke: Wir haben eine Leuchtturmfunktion als Metropolregion – auch im Verbund mit Nachbarn wie Bratislava oder Budapest. Wien beheimatet 70.000 Unternehmen, was rund einem Viertel aller österreichischen Betriebe entspricht. Zudem ist jedes zweite internationale Unternehmen in Österreich in Wien angesiedelt. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen der letzten Jahre konnten wir im vergangenen Jahr über 200 Neuansiedlungen verzeichnen, die Investitionen von mehr als einer halben Milliarde Euro ausgelöst haben. Wien hat dadurch als einziges Bundesland ein leichtes Wirtschaftswachstum erzielt. Das liegt primär an den Wiener:innen sowie an unseren innovativen Unternehmen.

LEADERSNET: Welche städtischen Faktoren tragen zu dieser positiven Entwicklung bei?

Czernohorszky: Wien ist ein Ort der Stabilität und der verlässlichen Rahmenbedingungen. Das bedeutet keineswegs Stillstand, sondern das Vermögen, langfristige Entscheidungen zu treffen, die Unternehmen Planungssicherheit geben – von historischen Großprojekten wie der Wiener Wasserversorgung bis hin zur aktuellen Energiewende mit dem Ausstieg aus dem Gas und der Anpassung der Infrastruktur an heißere Sommer. Zudem zeichnet sich Wien durch eine enorme Innovationskraft aus. Neben Schwerpunkten wie Digitalisierung und Life Sciences, wo wir die gesamte Kette von der Forschung bis zum fertigen Produkt abdecken, bilden Green Tech und Kreislaufwirtschaft zentrale Zukunftsfelder für unseren Standort.

LEADERSNET: Wien wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Wie stolz macht Sie das persönlich, und wie herausfordernd ist es, diese Qualität für die Zukunft abzusichern?

Czernohorszky: Das erfüllt sehr viele Wiener:innen mit Stolz, weil es Bewusstsein für den Sinn der eigenen Arbeit schafft. Für mich als Politiker gibt es kaum eine sinnvollere Aufgabe, als zur Lebensqualität beizutragen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diesen hohen Standard nicht nur heute, sondern auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren zu garantieren. Unser Anspruch ist es, auch 2037 oder 2057 die lebenswerteste Stadt der Welt zu sein. Dafür müssen wir jetzt vieles verändern, damit das Niveau gleich hoch bleibt. Das erfordert Mut und gemeinsame Gestaltung. Frei nach dem Gesetz der sieben Generationen der Irokesen sollte alles, was wir heute entscheiden, auch in sieben Generationen noch positiv wirken.

LEADERSNET: Welche strategischen Weichenstellungen muss die Stadt vornehmen, um angesichts von Klimawandel, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zukunftsfähig zu bleiben?

Czernohorszky: Wir müssen die großen europäischen Herausforderungen auf die städtische Ebene herunterbrechen. Dazu gehört insbesondere die Stärkung unserer Unabhängigkeit und Resilienz durch eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Ein hervorragendes Beispiel ist das Recycling kritischer Rohstoffe: Aus Abwässern gewinnen wir künftig Phosphor zurück – ein unersetzlicher Baustein für die Nahrungsmittelkette. Damit schaffen wir Wertschöpfung im Anlagenbau und reduzieren teure wie unsichere Importe. Ein noch größerer Hebel liegt im Energiebereich. Österreich hat von 2020 bis 2025 rund 60 Milliarden Euro für Importe von Öl und Gas ausgegeben.

LEADERSNET: Das ist eine enorme Summe. Wie lässt sich dieses Kapital im Land halten?

Czernohorszky: Indem wir es direkt in die heimische Wirtschaft investieren – etwa in Betriebe, die Wärmepumpen installieren, oder in die Industrie, die ihre Produktion klimaneutral umstellt. Wir treten in das neue Zeitalter des Stroms ein: Ob Wärmepumpen, klimaneutrale Stahlproduktion, Rechenzentren oder E-Mobilität – alles benötigt erneuerbare Energie. In Wien setzen wir hierbei massiv auf die Sonnenstrom-Offensive und die Initiative "Raus aus Gas". Dächer bieten ein riesiges Potenzial für Photovoltaik. Das macht uns von Energieimporten unabhängiger, stabilisiert die Energiekosten für die Bevölkerung und stärkt die regionale wie europäische Wirtschaft. Das ist eine Win-win-win-Situation für Menschen, Wirtschaft und Umwelt.

LEADERSNET: Bieten diese massiven Investitionen in Erneuerbare Energien für Österreich und Wien auch die Chance, Weltmarktführer in neuen Technologien zu werden?

Czernohorszky: Es ist Chance und Risiko zugleich, denn wir befinden uns in einem globalen Wettlauf. Europa war bei der Energiewende zeitweise nicht im Spitzenfeld und muss nun aufholen. Angesichts globaler Entwicklungen kann die Antwort Europas nur sein, schneller zu werden. Das gilt ganz besonders für die Energiewende. Fossile Energie ist teuer und schafft Abhängigkeiten. Wenn wir günstigere, erneuerbare Energie bereitstellen, sichern wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Österreich hat hervorragende Voraussetzungen durch Wasserkraft, Windenergie und ein enormes Potenzial bei der Solarenergie.

LEADERSNET: Welche Aufgaben ergeben sich daraus konkret für die Politik?

Czernohorszky: Die Politik muss Hürden abbauen und klare, verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Die Bewilligung und Finanzierung von Anlagen muss einfach funktionieren. Niemand sollte einen vierjährigen Hürdenlauf absolvieren müssen, um eine Solaranlage auf das Dach zu schrauben. Der Druck zu handeln ist spürbar: Ein saniertes Gebäude senkt nicht nur die Heizkosten, sondern schützt im Sommer auch vor Überhitzung. Hier muss die Politik liefern und schnelle Prozesse ermöglichen.

LEADERSNET: Wie lassen sich Megatrends wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz konkret für eine Millionenstadt wie Wien nutzen?

Czernohorszky: Digitalisierung ist ein zentrales Werkzeug zur Erreichung unserer städtischen Ziele. Ein Beispiel ist unser intelligentes Kanalnetz: Mithilfe moderner Steuerungstechnik können wir Starkregenereignisse abfedern, indem Abwässer dynamisch im Netz verteilt werden. Auch in der Mobilität und Logistik eröffnet die Digitalisierung neue Effizienzpotenziale. Für Wien gilt dabei stets das Prinzip des Digitalen Humanismus: Die Technologie muss dem Menschen dienen und sein Leben verbessern – nicht umgekehrt.

LEADERSNET: Eine herausragende Rolle spielt in Wien auch der Bereich Life Sciences. Welchen Stellenwert hat dieser Sektor für den Standort?

Czernohorszky: Life Sciences ist seit Jahrzehnten eine Wiener Erfolgsgeschichte. Durch gezielte Standortpolitik, moderne Laborflächen wie am Vienna BioCenter und attraktive Förderprogramme haben wir ein Ökosystem geschaffen, das von der Grundlagenforschung bis zum Markteintritt reicht. Heute hängen knapp 50.000 Arbeitsplätze in Top-Unternehmen und innovativen Start-ups an diesem Sektor. Es zeigt beispielhaft, wie urbane, umweltschonende und wertschöpfungsintensive Industrie direkt in der Stadt florieren kann. Wir wollen eine produzierende Stadt bleiben, in der grüne Oasen und hochmoderne Wirtschaft nebeneinander Platz haben.

LEADERSNET: Welchen Appell richten Sie abschließend an die Bürger:innen, die Wirtschaft und die Politik? Wie lautet Ihre Vision für eine gemeinsame, lebenswerte Zukunft?

Czernohorszky: Wir brauchen Mut und Zuversicht – gerade weil die globalen Rahmenbedingungen oft düster wirken. Es muss heißen: "Don't stop thinking about tomorrow." Wir müssen definieren, wie eine gute Zukunft aussehen soll, und aktiv daran arbeiten, sie zu realisieren. Die Flinte ins Korn zu werfen oder denjenigen zu folgen, die Angst und Apokalypse als Geschäftsmodell nutzen, wäre der falsche Weg. Die Politik steht in der Pflicht, Vertrauen auszustrahlen und Handlungsfähigkeit zu beweisen. Mein Wunsch ist es, dass dieses Vertrauen jenen geschenkt wird, die konstruktiv an der Zukunft bauen.

LEADERSNET: Vielen Dank.

www.wien.gv.at

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