LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Frommer, die Hogast hat im Vorjahr ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Wie stark hat sich die Rolle einer Einkaufsgenossenschaft in diesen fünf Jahrzehnten verändert – und welche Aufgaben stehen heute im Mittelpunkt?
Allegra Frommer: Die größte Errungenschaft war bereits die Gründung an sich. Damals haben sich Betriebe zusammengeschlossen, die normalerweise im direkten Wettbewerb zueinander stehen, um im Einkauf gemeinsame Synergien zu nutzen. In den Anfängen ging es primär um die Beschaffung im Food-and-Beverage-Bereich. Über die Jahrzehnte ist die Organisation enorm gewachsen und umfasst heute vier Gesellschaften. Wir haben uns vom reinen Einkäufer zu einem umfassenden 360-Grad-Partner entwickelt. Wir begleiten Betriebe – vom Familienbetrieb bis zur Hotelkette – in fast allen Belangen von der Gründung bis zur Betriebsführung. Ganz zentral ist dabei, dass wir unseren Mitgliedern die komplexen Backend-Prozesse abnehmen, wie etwa Rechnungsprüfungen, Ausschreibungen oder das Verhandeln transparenter Preiskonditionen. Der Prozess und die operative Entlastung sind heute oft wichtiger als der reine Produktpreis.
LEADERSNET: Bei der Hogast laufen aktuell mehr als 60 Projekte rund um Digitalisierung und KI. Wo sehen Sie hier die größten Chancen für Hotellerie und Gastronomie?
Frommer: Wir unterteilen das in zwei zentrale Stoßrichtungen. Intern geht es primär um die Datenqualität. Wir verwalten pro Gesellschaft rund 25 Millionen Artikel mit täglich wechselnden Preisen und komplexen Rabattstufen. KI hilft uns hier entscheidend, eine beispiellose Datenqualität zu gewährleisten. Der zweite Bereich betrifft die direkte Dienstleistung für unsere Mitglieder: Wir bewegen uns weg von rein generativer KI hin zu spezialisierten Systemen, die als digitale Assistenten fungieren. Innerhalb der nächsten 18 Monate wollen wir Lösungen etablieren, die direkt auf die Systeme der Betriebe zugreifen und administrative Aufgaben übernehmen. So lässt sich der branchenweite Personalmangel spürbar kompensieren.
LEADERSNET: Der bisherige "Hogast Powertag" wurde heuer erstmals unter dem Namen "Hogast Community Dialoge" veranstaltet (hier geht es zu unserem Bericht). Warum haben Sie sich für ein stärker dialogorientiertes Format entschieden – und wie hat sich das neue Konzept bei seiner Premiere bewährt?
Frommer: Eine Genossenschaft lebt vom Bewusstsein einer echten Solidargemeinschaft. Es geht darum, für die Mitglieder als Eigentümer den maximalen Nutzen zu stiften. Neben großen Formaten wie unserem jährlichen Symposium brauchten wir ein Ergänzungsangebot, das den direkten Austausch fördert und uns wertvolles Feedback liefert. Bei den ersten Community Dialogen in Graz haben wir die Teilnehmerzahl bewusst auf etwa 70 Plätze begrenzt. Dieses kleinere Setting ermöglichte intensive Diskussionen über verschiedene Generationen und Betriebsgrößen hinweg sowie einen direkten Erfahrungsaustausch unter den Betrieben.
LEADERSNET: Im Mittelpunkt standen Mitarbeitergewinnung und -bindung, der Einsatz von KI sowie Einkauf und Kostenoptimierung. Bei welchem dieser Themen ist der Handlungsdruck unter den Mitgliedsbetrieben derzeit am größten?
Frommer: Der größte operative Kostenblock liegt eindeutig bei den Personalkosten, weshalb hier der finale Handlungsdruck am höchsten ist. Bei Einkauf und Künstlicher Intelligenz geht es darum, verkrustete Denkmuster aufzubrechen und moderne Werkzeuge rasch einzusetzen. Wer bei KI und Automatisierung in den nächsten fünf Jahren den Anschluss verpasst, wird es am Markt extrem schwer haben. In den Workshops ging es deshalb darum, vorhandene Tools aufzuzeigen, mit denen Betriebe sofort Einsparungen und Prozesseffizienzen erzielen können.
LEADERSNET: In den Lösungswerkstätten wurden konkrete Maßnahmen erarbeitet. Wie sollen auch jene Mitglieder von den Ergebnissen profitieren, die nicht in Graz dabei waren?
Frommer: Einerseits funktioniert der mündliche Austausch innerhalb unserer Community erfahrungsgemäß hervorragend. Andererseits bereiten wir die erarbeiteten Ergebnisse auf und werden sie im Rahmen der Generalversammlung allen Mitgliedern präsentieren. Auf dieser Basis wollen wir das Format kontinuierlich weiterentwickeln.
LEADERSNET: Die Hogast befindet sich auf Expansionskurs – vor allem in Deutschland und Ostösterreich. Wie entwickeln sich diese Märkte aktuell, und wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial?
Frommer: Der Raum Ostösterreich und insbesondere Wien weist durch eine hohe Dynamik und frequente Betreiberwechsel andere Gesetzmäßigkeiten auf als klassische Ferienregionen. Hier investieren wir gezielt in den Netzwerkaufbau und neue Veranstaltungsformate, um unsere Marke weiter zu verankern. In Deutschland treten wir nun nach dreijähriger Vorbereitung und Marktanalyse national an. Dafür nehmen wir in den nächsten sechs bis sieben Jahren rund zwei Millionen Euro in die Hand. Der deutsche Markt ist durch höhere Distanzen zwischen den Tourismusregionen und intensiveren Wettbewerb geprägt. Wir sind jedoch überzeugt, dass unser Betreuungsansatz und unser Dienstleistungsportfolio im Vergleich zum Mitbewerb einen deutlichen Mehrwert bieten.
LEADERSNET: Bringt diese grenzüberschreitende Expansion auch Synergien für die österreichischen Stammmitglieder?
Frommer: B2B-Prozesse wie IT-Infrastrukturen oder Einkaufs-Preisvergleiche laufen zentral bei uns im Haus. Das gesamte Team lernt durch die Skalierung dazu, und der Zuwachs an Ressourcen stärkt die gesamte Unternehmensgruppe. Ein deutsches Mitglied agiert in der Einkaufstreue oft sehr strikt, während der österreichische Markt manchmal flexibler ist – von diesem Erfahrungsaustausch können beide Seiten profitieren. Das Wachstum bringt Dynamik in die Organisation, von der letztlich auch die heimischen Betriebe profitieren.
LEADERSNET: Die Anforderungen der Mitgliedsbetriebe gehen längst über den gemeinsamen Einkauf hinaus. Wie stark muss sich die Hogast künftig als ganzheitlicher Dienstleistungs- und Technologiepartner positionieren, um weiterhin einen spürbaren Mehrwert zu schaffen?
Frommer: Nach einer Phase extrem schnellen Wachstums – die Unternehmensgruppe hat sich in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt – haben wir die internen Grundlagen gefestigt. Unsere Vision für die nächsten fünf bis zehn Jahre beruht auf zwei Säulen: Erstens wollen wir als digitaler Assistent administrative Komplexität reduzieren – etwa indem Bestellprozesse durch datengestützte Vorhersagen von 45 auf fünf Minuten verkürzt werden. Zweitens muss der Kern der Solidargemeinschaft erhalten bleiben. Wenn dieser Zusammenhalt verloren ginge, würde das Fundament der Hogast bröckeln.
LEADERSNET: Wenn Sie auf die kommenden fünf Jahre blicken: Wo liegen die größten Chancen und Risiken für die Branche – und welche Rolle nimmt die Hogast dabei ein?
Frommer: Der flächendeckende Arbeitskräftemangel ist der größte Risikofaktor und lässt sich rein demografisch nicht mehr durch zusätzliches Personal lösen. Das Ziel von KI und Digitalisierung ist daher keineswegs der Abbau von Arbeitsplätzen, sondern das Bewältigen des künftigen Arbeitsvolumens. Ohne KI-gestützte Prozesse werden Betriebe im Service, an der Rezeption oder in der Buchhaltung ihre Basisdienstleistungen kaum aufrechterhalten können. Die größte Chance liegt darin, diese Technologien konsequent zu nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Handlungsfähigkeit der Betriebe nachhaltig abzusichern.
LEADERSNET: Vielen Dank!
Das gesamte Gespräch mit Allegra Frommer sehen Sie im LEADERSNET.tv-Video.
www.hogast.com
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