Vom AIT entwickelt
Wiener Assistenzsystem macht Straßenbahnen weltweit sicherer

| Larissa Bilovits 
| 22.07.2026

Eine am AIT entwickelte Technologie erkennt Hindernisse im Gleisbereich, bewertet das Kollisionsrisiko in Echtzeit und ist inzwischen von Frankfurt bis Melbourne im Einsatz.

Der öffentliche Verkehr gilt als Rückgrat einer klimafreundlichen Stadt, doch gerade Schienenfahrzeuge stoßen im dichten urbanen Umfeld an physikalische Grenzen. Ausweichen ist unmöglich, die Bremswege sind lang, und in unübersichtlichen Kreuzungsbereichen bleibt oft nur ein Sekundenbruchteil für eine Reaktion. Auch erfahrene Fahrer:innen können deshalb nicht jeden Zwischenfall verhindern. Genau hier setzt eine Entwicklung des AIT Austrian Institute of Technology an, die gemeinsam mit Bombardier, das heute zu Alstom gehört, und Mission Embedded entstanden ist.

Assistenzsystem warnt vor Hindernissen im Gleis

Basis dafür ist die 3D-Echtzeit-Stereo-Vision-Technologie des AIT. Daraus entstand mit ODAS das nach Angaben der Beteiligten weltweit erste Fahrerassistenzsystem zur Kollisionsvermeidung im Straßenbahnbetrieb. Es identifiziert Objekte im Fahrweg, schätzt laufend die Gefahr eines Zusammenstoßes ein und gibt eine Warnung aus, bevor es kritisch wird. In Frankfurt ging die Lösung erstmals in einer kompletten Fahrzeugflotte in den Serienbetrieb. Die Nachfolgeentwicklung COMPAS ergänzt die Hinderniserkennung um eine Geschwindigkeitsüberwachung, die ein Überschreiten der zulässigen Werte verhindert.

Visualisierung des SystemsDie Technologie erfasst Verkehrssituationen in Echtzeit und unterstützt neben der Hinderniserkennung auch bei der Einhaltung zulässiger Geschwindigkeiten. © AIT

Verbreitet ist die Technologie mittlerweile weit über den ersten Standort hinaus. Neben Frankfurt setzen unter anderem Zürich, Blackpool, Duisburg, Dresden, Melbourne, Brüssel und Essen darauf, und ein Großteil der neuen Alstom-Garnituren wird bereits ab Werk damit ausgeliefert. Aus einer Innovation ist damit schrittweise ein Branchenstandard geworden. Das Interesse der Verkehrsbetriebe gilt als Indiz dafür, dass sich Kollisionen und Sachschäden mit dem System tatsächlich verringern lassen. Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Effekt, denn die vom Fahrzeughersteller finanzierten Entwicklungsarbeiten sicherten den Standort Wien ab und schufen Arbeitsplätze, insbesondere bei Alstom und Mission Embedded.

AIT verbindet Wissenschaft und Anwendung

Abgeschlossen ist die Arbeit damit nicht. Mit den COMPAS-Fahrzeugen lässt sich das Streckennetz bereits heute exakt vermessen, was wiederum die Grundlage für eine ausfallsichere Selbstlokalisierung der Garnituren bildet. Parallel dazu entwickelt das AIT KI-Systeme, die den Fahrzeugen ein Verständnis der jeweiligen Verkehrssituation ermöglichen und damit den Weg zur intelligenten Straßenbahn ebnen. In Forschungsprojekten zeigte sich zudem, dass die vorhandene Sensorik gemeinsam mit Lokalisierung und Szenenverständnis auch für ein automatisiertes Monitoring der Schieneninfrastruktur taugt.

Solche Übersetzungsleistungen von der Grundlagenerkenntnis zum marktreifen Produkt gewinnen für den Wirtschaftsstandort Europa an Bedeutung. Als größte Research and Technology Organisation des Landes richtet das AIT seine Arbeit an konkreten Bedürfnissen der Industrie und an gesellschaftlichen Herausforderungen aus. Wie breit das Spektrum ist, dokumentiert der AIT Impact Report 2026 anhand von rund 30 Projekten, die gemeinsam mit Partner:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand umgesetzt wurden. Die Beispiele reichen von der Digitalisierung industrieller Abläufe über widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Energiesysteme bis zu Gesundheit, Mobilität, Sicherheit und Kreislaufwirtschaft.

www.ait.ac.at

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