In einem kürzlich vorgelegten Thesenpapier forderte der Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) unter anderem eine höhere Medienförderung, mehr Spielraum für private Anbieter und eine ORF-Reform, die den gesamten Medienstandort stärken soll (LEADERSNET berichtete). Auch die technischen Verbreitungsleistungen des ORF sollen Privatsendern demnach kostenlos oder zu Grenzkosten zur Verfügung stehen. Gemeint sein dürfte damit vor allem Big Blue Marble, die frühere ORS. Die ORF-Tochter, an der die Raiffeisen 40 Prozent hält, betreibt die Sendeanlagen und Streams des öffentlich-rechtlichen Senders, aber auch jene zahlreicher Privatsender und internationaler Kund:innen. Geschäftsführer Michael Wagenhofer hält von dem Vorschlag des VÖP wenig, wie er am Dienstag in einem Interview mit dem Standard erklärte. Darin sprach er außerdem über die internationale Ausrichtung des Unternehmens und die Debatte über eine Wiedereingliederung in den ORF.
Kein Spielraum für Gratistarife
Für Wagenhofer greift der Vorschlag zu kurz, weil er die laufenden Investitionen in das Sendernetz ausblende. Die Kosten müssten in diesem Fall der ORF und Raiffeisen als Minderheitsgesellschafter tragen, was man juristisch auch als Enteignung bezeichnen könne. In der Infrastruktur sei viel Kapital gebunden, das Geldgeber:innen ohne angemessene Verzinsung anderswo einsetzen würden. Das Preismodell bilde genau diese Kapitalkosten ab und sichere den langfristigen und verlässlichen Betrieb, so Wagenhofer gegenüber der Tageszeitung.
Sollten die ORF-Beitragszahler:innen die Verbreitung der Privaten querfinanzieren, müsse man das offen aussprechen. Transparenter wäre aus seiner Sicht eine eigene Privatrundfunkförderung. Ohnehin seien die Spielräume begrenzt, da das EU-Beihilfenrecht marktübliche Konditionen zwischen ORF und Privatsendern vorschreibe. "Der ORF darf den Privaten gar nichts schenken", sagte Wagenhofer im Standard-Interview. Auch den Einwand, das Unternehmen liefere ORF und Raiffeisen ohnehin hohe Renditen, relativiert er. Diese stammten nicht allein aus dem österreichischen Markt, sondern auch aus dem umfangreichen internationalen Geschäft. Zudem zahle der ORF dieselben Tarife wie alle anderen Sender, was von den Behörden überprüft werde. Im Vergleich mit internationalen Sendernetzbetreibern sei die Profitabilität von Big Blue Marble moderat.
Heimisches Sendernetz als kritische Infrastruktur
Großes Gewicht legt Wagenhofer auf die Ausfallsicherheit der Infrastruktur. Die Unwetterkatastrophe im Osten Österreichs vor zwei Jahren habe gezeigt, wie rasch Strom und Mobilfunk wegbrechen können, beim großen Stromausfall in Spanien und Portugal im Vorjahr hätten sich viele Menschen über das Autoradio informiert. Die Notstromaggregate des Unternehmens seien auf 72 Stunden ausgelegt, Diesel werde im Ernstfall auch per Hubschrauber nachgeliefert. Umso unverständlicher sei es, dass die EU in ihrer "Preparedness Union Strategy" zwar Mobilfunk und Satellit berücksichtige, terrestrischen Rundfunk aber nicht. Die Rolle des Rundfunks im Ernstfall gelte offenbar als selbstverständlich, dabei müsse man in die Netze laufend investieren und sie weiterentwickeln. Echte Resilienz entstehe erst im Zusammenspiel von Rundfunk und Mobilfunk.
Eine sicherheitspolitische Rolle sieht Wagenhofer auch im Kampf gegen Desinformation und gezielte Destabilisierungsversuche. Neben dem Erkennen falscher Informationen gehe es darum, gesicherte Inhalte unverfälscht zum Publikum zu bringen. Für das Parlament und dessen Parlamentskanal hat Big Blue Marble bereits eine quantenverschlüsselte Verbindung zum ORF umgesetzt. Als nächster Schritt ist gemeinsam mit dem Parlament eine Art Herkunftsnachweis geplant, der belegen soll, dass Bilder auf dem Weg zum Publikum nicht verändert wurden.
Gelassen reagiert Wagenhofer auf die Kritik von FPÖ und Kronen Zeitung an der Abschaltung einzelner lokaler Rundfunksender im Sommer. Bei der Kundenhotline sei kaum Unmut angekommen, die Debatte sei vor allem in den Medien geführt worden. Betroffen gewesen seien Standorte mit Doppelversorgung. In Einzelfällen hätten Haushalte ihre Dachantenne neu ausrichten müssen, ohne Empfang sei dadurch aber niemand geblieben. Angesichts knapper Mittel gelte es, Einsparungspotenziale zu nutzen. Ob der ORF künftig auch auf DAB+ setzt, liege in der Hand der neuen ORF-Geschäftsführung, die mit 1. Jänner antritt.
Streaming soll Rückgänge im Satellitengeschäft ausgleichen
Seit Sommer 2025 tritt die frühere ORS gemeinsam mit dem polnischen Streamingspezialisten Insys VT, an dem sie 75 Prozent hält, unter der Marke Big Blue Marble auf. Das Streaminggeschäft habe anfangs fünf Prozent ausgemacht, inzwischen dürfte der Anteil bei rund 20 Prozent liegen, erklärte Wagenhofer im Gespräch mit der Tageszeitung. Damit sollen strategisch die Rückgänge im Satellitengeschäft kompensiert werden. Weil im Inland kaum noch Zuwächse möglich seien, wachse man vor allem international über Cloud-Lösungen und zähle inzwischen Kund:innen von Nordamerika über Afrika bis in den arabischen Raum.
Die Digitalisierung sei "Fluch und Segen gleichzeitig". Sie senke zwar die Hürden für neue Konkurrenz, was die Medienbranche vor allem bei den Werbeeinnahmen zu spüren bekomme, eröffne aber auch die Möglichkeit, eigene Produkte weltweit zu verkaufen. Das zweite strategische Standbein sei der Ausbau der nationalen Infrastruktur zu einem Backbone für kritische Kommunikation, für dessen Bedeutung man auch ein Bewusstsein schaffen wolle.
Rechtslage verhindert Rückkehr in den ORF
In der Debatte um das Sparprogramm des ORF, der jährlich 90 Millionen Euro einsparen muss, war zuletzt auch die Wiedereingliederung von Tochterunternehmen wie Big Blue Marble ins Spiel gebracht worden. Laut Wagenhofer lässt die aktuelle Rechtslage das nicht zu. Seit 2010 verpflichte das ORF-Gesetz auf Basis des EU-Beihilfenrechts dazu, kommerzielle Tätigkeiten in eigenen Gesellschaften abzuwickeln, damit nachvollziehbar bleibt, dass öffentliche Mittel den Wettbewerb nicht verzerren. Bei Big Blue Marble mache das kommerzielle Geschäft rund die Hälfte aus.
Hinzu kommt die Beteiligung von Raiffeisen, die bei einer Eingliederung abgelöst werden müsste. Raiffeisen war bei der Ausgliederung des Senderbetriebs 2005 laut damaligen Informationen aus dem Stiftungsrat um rund 70 Millionen Euro mit 40 Prozent eingestiegen. Zum aktuellen Unternehmenswert wollte sich Wagenhofer gegenüber dem Standard nicht äußern. Interne Bewertungen gebe es zwar, einem privaten Investor könne man aber jedenfalls nicht einfach etwas wegnehmen.
Plädoyer für gemeinsame Plattformen
Technisch steht Big Blue Marble teilweise hinter der Streamingplattform ORF On, außerdem betreibt die Gruppe Simpli TV mit rund 100.000 zahlenden Kund:innen und etwa 500.000 Nutzer:innen der kostenlosen Version. An einer gemeinsamen Streamingplattform für ORF und Privatsender, wie sie derzeit medienpolitisch diskutiert wird, arbeite man aktuell nicht, Pläne dafür lägen allerdings schon seit Langem in der Schublade. "Ich bin weiterhin überzeugt, dass wir starke eigene Plattformen brauchen, mit denen man eine relevante Verhandlungsmacht erreicht gegenüber internationalen Playern von Samsung bis zu KI-Plattformen", sagte Wagenhofer.
www.bigbluemarble.com
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