Die 82. Ausgabe des European Forum Alpbach (EFA) lockt mit insgesamt rund 250 Programmpunkten auch heuer wieder das Who's Who aus Wirtschaft und Politik in die 2.500-Seelen-Gemeinde im Bezirk Kufstein (LEADERSNET berichtete). Nach dem gemeinsamen Cocktail-Empfang von ORF und Joyn, der "Erste European Night 2026", dem Wiener Derby zwischen SK Rapid und FK Austria Wien, dem ASFINAG Infrastrukturgipfel, dem Energie AG Netzwerkabend und dem A1 CEO Lunch fand am Dienstagabend die nächste hochkarätige Veranstaltung im EFA-Veranstaltungskalender statt: das Talent Forum von Great Place To Work Österreich.
Im Mittelpunkt stand dabei eine Frage, die angesichts von künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnt: Wie können Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich menschliches Potenzial und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gleichermaßen entwickeln? Jörg Spreitzer, Managing Partner von Great Place To Work Österreich, widmete sich unter dem Titel "Human Performance – How can organisations create environments where people and performance thrive together?" der Rolle von Unternehmenskultur, Vertrauen und Führung für die Wettbewerbsfähigkeit.
Menschliches Potenzial als Wettbewerbsvorteil
Währen KI und andere neue Technologien für Unternehmen zunehmend verfügbar werden, sieht Spreitzer den entscheidenden Unterschied an anderer Stelle. Organisationen müssten demnach vor allem in der Lage sein, die Fähigkeit ihrer Mitarbeitenden zu fördern und für die Unternehmensentwicklung nutzbar zu machen.
"Technologie wird für alle verfügbar sein. Menschliches Potenzial nicht! Der entscheidende Unterschied entsteht dort, wo Unternehmen das Potenzial ihrer Menschen freisetzen", sagte Spreitzer. Vertrauen sei dafür die Grundlage und zugleich eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige wirtschaftliche Performance.
Vertrauen beeinflusst die Leistungsbereitschaft
Great Place To Work untersucht seit mehr als drei Jahrzehnten, welche Faktoren erfolgreiche Organisationen auszeichnen. Die Forschung umfasse jährlich mehr als 20 Millionen Mitarbeitende in über 170 Ländern. Unabhängig von Branchen, Hierarchien, Vergütungssystemen oder Organisationsstrukturen zeige sich laut Spreitzer dabei ein gemeinsamer Faktor: Vertrauen.
Eine ausgeprägte Vertrauenskultur beeinflusse demnach auch das Verhalten der Beschäftigten. Mitarbeitende würden eher Verantwortung übernehmen, Probleme frühzeitig ansprechen, Wissen weitergeben und eigene Ideen einbringen. Daraus könnten wiederum Innovation, Agilität, Geschwindigkeit und Produktivität entstehen. Great Place To Work bezeichnet diesen Zusammenhang als "Great Place To Work Effect".
Unterschiede zeigen sich laut den präsentierten Zahlen vor allem bei der Leistungsbereitschaft. In Unternehmen mit einer hohen Vertrauenskultur geben rund 85 Prozent der Mitarbeitenden an, mehr leisten zu wollen, wenn es darauf ankommt. Im Durchschnitt liege dieser Anteil bei rund 56 Prozent.
"Diese zusätzliche Leistung wird nicht gekauft. Sie wird nicht kontrolliert. Sie wird ermöglicht", so Spreitzer.
Innovation braucht psychologische Sicherheit
Auch Innovationsfähigkeit hängt nach Spreitzers Darstellung nicht ausschließlich von der eingesetzten Technologie ab. Innovation könne vielmehr dort entstehen, wo Beschäftigte sich sicher genug fühlten, noch nicht ausgereifte Ideen anzusprechen, kritische Fragen zu stellen, Fehler einzugestehen oder einer Führungskraft zu widersprechen.
Psychologische Sicherheit werde damit zu einer wichtigen Voraussetzung für Innovationsfähigkeit. Wo Vertrauen stärker ausgeprägt sei als Angst, könnten Menschen experimentieren, ihr Wissen teilen und Verantwortung übernehmen. "Innovation beginnt nicht mit Technologie. Innovation beginnt mit Menschen", sagte Spreitzer.
Damit verändere sich auch die Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und wirtschaftlichem Erfolg. Nicht der wirtschaftliche Erfolg führe automatisch zu einer guten Kultur, vielmehr könne eine entsprechende Unternehmenskultur Verhaltensweisen fördern, die wiederum bessere Ergebnisse ermögliche. "Kultur ist nicht das Ergebnis. Kultur ist der Anfang", so Spreitzer.
Führung als Grundlage für Vertrauen
Eine wesentliche Verantwortung komme dabei den Führungskräften zu. Vertrauen entstehe nicht von selbst. Führung habe vielmehr Einfluss darauf, ob Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, Vorschläge einbringen und Veränderungen aktiv mitgestalten.
Spreitzer fasste diesen Zusammenhang in einer einfachen Abfolge zusammen: Führung schaffe Vertrauen, Vertrauen schaffe Verantwortung und Verantwortung wiederum Performance.
Gerade vor dem Hintergrund von KI und weitreichenden Transformationsprozessen gewinne dieser Ansatz zusätzlich an Relevanz. Unternehmen stünden nicht nur vor der Aufgabe, ihre Beschäftigten für neue Technologien zu qualifizieren. Gleichzeitig müssten sie ein Umfeld schaffen, in dem Menschen bereit und in der Lage seien, diese Technologien wirkungsvoll einzusetzen.
Europas Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht nur bei KI
Mit Blick auf die europäische Wirtschaft stellte Spreitzer schließlich die Frage, ob sich die aktuelle Debatte zu stark auf einzelnen Herausforderungen konzentriert. Wie Europa Talente gewinnen, produktiver und innovativer werden oder bei künstlicher Intelligenz aufholen könne, seien wichtige Fragestellungen. Grundlegender sei für ihn jedoch eine andere: "Wie schaffen wir Organisationen, in denen Menschen ihr Potenzial entfalten können?" Denn unter diesen Voraussetzungen könnten laut Spreitzer Innovation, Leistung, Wachstum und Fortschritt entstehen.
Auch die Diskussion über jüngere Generationen am Arbeitsmarkt müsse aus seiner Sicht neu geführt werden. Junge Menschen wollten durchaus Leistung erbringen, lernen, Verantwortung übernehmen und sich entwickeln. Gleichzeitig würden sie verstärkt hinterfragen, unter welchen Bedingungen Leistung möglich sei. Erfolg solle dabei nicht auf Kosten der eigenen Gesundheit oder Identität gehen.
Menschliches Potenzial als knappe Ressource
Damit rückt für Spreitzer eine Ressource in den Vordergrund, die sich im Gegensatz zu technologischen Lösungen nicht ohne Weiteres einkaufen lässt, nämlich das menschliche Potenzial. Welche Unternehmen künftig besonders wettbewerbsfähig sein werden, könnte sich seiner Einschätzung nach deshalb nicht allein anhand ihrer technologischen Ausstattung entscheiden.
"Vielleicht wird in zehn Jahren nicht entscheidend sein, welche Organisation die beste KI besitzt. Sondern welche Organisation Menschen am schnellsten lernen lässt, welche Organisation Menschen Verantwortung übernehmen lässt und welche Organisation Menschen mutig macht", Spreitzer abschließend.
Gästeliste
Zu den Gästen gehörten u.a. Miriam Boulter (Leitung der Abteilung II/11 - Personalangelegenheiten des Verwaltungspersonals der nachgeordneten Dienststellen und –behörden), Christian Trübenbach (Senior Culture Coach und Senior Manager bei Great Place To Work Österreich), Marcel Müller-Marbach (Leitender Regionalvertreter für Österreich, Tschechien und die Slowakei – European Investment Fund (EIF), Alexander Bodmann (Caritasdirektor der Erzdiözese Wien) und Tobias Gärtner (Club Alpbach für Europäische Kultur-Niederösterreich).
LEADERSNET war bei der Veranstaltung. Einen Eindruck können Sie sich hier machen.
www.greatplacetowork.at
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