Im neuen "Schiefer Talk" diskutierten Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll, Sabine Herlitschka (CEO, Infineon Technologies Austria), Harald Kräuter (Technischer Direktor, ORF), Peter Umundum (Generaldirektor-Stv., Österreichische Post), Helmut Hödl (Product & Technology Director, NTS) und Martin Schiefer (CEO, Schiefer Rechtsanwälte) u.a. darüber, wie viel digitale Unabhängigkeit realistisch ist und wo Österreich konkret ansetzen sollte.
Im Rahmen des neuen "Schiefer Talks" drehte sich alles um das Thema "Digitale Souveränität: Technologische Unabhängigkeit als Schlüssel für Europas Zukunft". Dazu sprach Markus Riedlmayer (Moderation, Opinion Leaders Network) mit seinen Gästen Alexander Pröll (Staatssekretär für Digitalisierung, Verfassung, öffentlichen Dienst, Koordinierung und Kampf gegen Antisemitismus), Sabine Herlitschka (CEO, Infineon Technologies Austria), Harald Kräuter (Technischer Direktor, ORF), Peter Umundum (Generaldirektor-Stv., Österreichische Post), Helmut Hödl (Product & Technology Director, NTS) und Martin Schiefer (CEO, Schiefer Rechtsanwälte). Gedreht wurde die aktuelle Folge im Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz.
Künstliche Intelligenz als Wachstumsmotor
Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll bezeichnete Künstliche Intelligenz (KI) zum Auftakt als größte Umwälzung der Gegenwart, die in einem bisher unbekannten Tempo voranschreite. Entsprechend brauche es vor allem Geschwindigkeit und einen klaren Fokus. Welches wirtschaftliche Potenzial in der Technologie steckt, zeige eine Studie, die er kürzlich gemeinsam mit dem Ökonomen Christian Helmenstein präsentiert hat (LEADERSNET berichtete). Demnach könnte ein umfassender Einsatz von KI in der heimischen Wirtschaft ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von bis zu 72 Milliarden Euro freisetzen. Besonders stark könnten Handel und Industrie profitieren. "Österreich war nie für 'Business by Scaling' bekannt, sondern für 'Business by Niche'. Es wird stark darum gehen, KI in die Vertikale zu bringen, und das könnte eine echte Stärke für Österreich werden", so Pröll.
Für den Staat selbst verfolge er die Vision einer schlanken, effizienten und digitalen Verwaltung. Als Schritte zu einem schlankeren Staat nannte er den neu verhandelten Gehaltsabschluss im öffentlichen Dienst mit durchschnittlich 1,5 Prozent bis 2028 sowie die Vorgabe, nur jede zweite frei werdende Verwaltungsstelle nachzubesetzen. Letzteres soll knapp eine halbe Milliarde Euro einsparen. Zugleich würden in den nächsten 13 Jahren rund 44 Prozent der Bundesbediensteten in Pension gehen.
Voraussetzung für eine digitale Verwaltung sei aber vor allem eine saubere Datenstruktur. Derzeit werde daher ein Überblick über die rund 140 Register auf Bundesebene erarbeitet, der zeigen soll, welche Daten vorhanden sind, welche Qualität sie aufweisen und über welche Schnittstellen sie miteinander verbunden werden können. Das Projekt werde voraussichtlich ein bis zwei Jahre dauern. Auf dieser Grundlage könnten künftig zahlreiche Abläufe automatisiert werden, etwa indem bei einer Ummeldung über die ID Austria auch Telekom- und Energieanbieter oder die Schule der Kinder informiert werden. Wie stark Österreich dieses Potenzial tatsächlich nutzen kann, hängt allerdings auch davon ab, wie viel Kontrolle Europa über seine Daten, Systeme und Schlüsseltechnologien behält. Digitale Souveränität bedeute dabei jedoch keineswegs vollständige Autarkie, so Pröll.
Souveränität bedeutet nicht Autarkie
Infineon-CEO Sabine Herlitschka rückte zunächst die technologische Basis in den Mittelpunkt. Moderne digitale Infrastruktur beginne beim Chip, der die analoge mit der digitalen Welt verbinde. Der globale Mikroelektronikmarkt umfasse zwar "nur" rund 600 Milliarden, beeinflusse aber etwa die Hälfte der weltweiten Wertschöpfung. Entsprechend groß sei die strategische Bedeutung dieser Schlüsseltechnologie. Österreich sei in der Mikroelektronik hervorragend aufgestellt. Gemessen an der Einwohnerzahl liege das Land bei Wertschöpfung, Arbeitsplätzen sowie Investitionen in Forschung und Entwicklung europaweit an der Spitze, in absoluten Zahlen an dritter oder vierter Stelle. "Resilienz ist die Basis, aber sie ist mir zu wenig. In einem globalen Umfeld brauchen wir herausragende strategische Kompetenzen, bei denen nicht nur wir von anderen abhängig sind, sondern andere auch von uns. Dann sitzt man im globalen Wettbewerb mit am Tisch", so Herlitschka. Die österreichische Industriestrategie biete dafür einen guten Rahmen, nun müssten konkrete Schritte folgen.
Helmut Hödl, Product & Technology Director beim IT-Dienstleister NTS, plädierte ebenfalls dafür, klar zwischen Souveränität und Autarkie zu unterscheiden. Sein Unternehmen habe zahlreiche Lösungen US-amerikanischer Hersteller im Portfolio und bewege sich damit in derselben Realität wie die meisten europäischen Unternehmen. Die öffentliche Debatte setze seiner Ansicht nach häufig an der falschen Stelle an, nämlich bei der Herkunft einzelner Geräte oder Lösungen. Sinnvoller sei eine Betrachtung in drei Schritten. Zunächst müsse geklärt werden, wo die Daten liegen und wer darüber verfügt. Danach stelle sich die Frage, ob ein System auch dann weiterbetrieben werden kann, wenn Verbindungen gekappt oder Lizenzen entzogen werden. Erst im dritten Schritt sollte das konkrete Risiko eines Herstellers bewertet werden. "Hundertprozentige Souveränität ist eine Illusion", stellte Hödl dabei klar. Europäische Anbieter hätten gegenüber den US-amerikanischen Marktführern einen Investitionsrückstand aus den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten. Dennoch müsse sich Österreich nicht verstecken – gerade im Quantenbereich gebe es ein starkes Momentum.
Post und ORF zeigen die Transformation in der Praxis
Wie entscheidend Daten bereits heute für etablierte Unternehmen sind, zeigte Peter Umundum, stellvertretender Generaldirektor der Österreichischen Post, am Beispiel seines Unternehmens. Das Unternehmen erlebe seit Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Während das Briefvolumen inklusive Werbesendungen binnen zehn Jahren von rund sechs auf etwa zwei Milliarden Stück gesunken sei, habe sich das Paketgeschäft ungefähr verzehnfacht. Daten seien dabei längst mehr als Infrastruktur, nämlich vielmehr ein wettbewerbsentscheidender Faktor. Im internationalen Wettbewerb mit Konzernen wie Amazon, DHL oder UPS komme es darauf an, Informationen entlang der gesamten Lieferkette effizient zu nutzen. Den Hebel von KI bezeichnete Umundum als gewaltig, etwa in der Softwareentwicklung, wo sich die Post bereits mitten in der Transformation befinde. Noch grundlegender könnte die Branche langfristig durch autonomes Fahren und Zustellen verändert werden, was in China bereits Realität sei.
Auch beim ORF habe sich die Produktion durch die Digitalisierung grundlegend gewandelt, erklärte der Technische Direktor des Medienhauses, Harald Kräuter. Inhalte würden nicht mehr für einzelne Kanäle gedacht, sondern mithilfe von Technologie für unterschiedliche Plattformen, Längen und Zielgruppen aufbereitet. Ein Beitrag der "Zeit im Bild" lasse sich beispielsweise per Drag-and-drop in ein Facebook-Posting umwandeln. Freigeben müsse dieses jedoch weiterhin ein:e Journalist:in. "Die Prozesse werden technologisch mit KI unterstützt, am Schluss steht aber immer der Mensch im Mittelpunkt. Speziell als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist das unser USP", betonte Kräuter. Das Effizienzpotenzial sei groß und werde bereits genutzt, weil der ORF heute wesentlich mehr Inhalte für deutlich mehr Ausspielwege produziere als etwa noch vor zehn Jahren.
Vergabe und Regulierung als Stellschrauben
Rechtsanwalt und Ausschreibungsexperte Martin Schiefer sieht insbesondere im Vergabewesen einen zentralen Hebel, um heimische und europäische Technologien zu stärken. Neben der von der EU-Kommission vorgeschlagenen Reform des europäischen Vergaberechts sei der parallel präsentierte European Innovation Act in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings völlig untergegangen. Mit der Industriestrategie und den in Ausarbeitung befindlichen Kriterienkatalogen habe die Bundesregierung grundsätzlich die Möglichkeit geschaffen, "Made in Europe" und "Made in Austria" stärker in Beschaffungen zu übersetzen, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Gleichzeitig ortet der Vergabeexperte großes Einsparungspotenzial beim bürokratischen Aufwand. Unternehmen müssten für Ausschreibungen zahlreiche Strafregister- und Firmenbuchauszüge vorlegen, selbst wenn dieselben Nachweise erst kurz zuvor eingereicht worden seien. Digital gestützte Prüfungen könnten hier deutliche Erleichterungen bringen.
Darüber hinaus müssten österreichische Unternehmen gezielt in internationale Lieferketten gebracht werden, etwa beim aktuellen Call für eine KI-Gigafactory, an dem entgegen anderslautenden Meldungen zahlreiche heimische Anbieter beteiligt seien. Als kleiner Staat brauche Österreich zudem Public-Private-Partnerships, deren Lösungen sich später auch international anbieten lassen. Kritisch beurteilt Schiefer das Zusammenspiel europäischer Vorschriften: "Mit dem Datenschutz und dem AI Act haben wir zwei Regelwerke, die für sich sehr gut funktionieren, aber nicht miteinander." Dadurch werde es internationalen Mitbewerbern teilweise leichter gemacht, in Europa Fuß zu fassen, als europäischen Unternehmen, ihre eigenen Ideen umzusetzen.
Herlitschka schloss hier an und forderte eine Regulierung, die nicht nur schlanker, sondern vor allem treffsicherer sein müsse. Gerade nach der ungünstigen Kostenentwicklung der vergangenen Jahre müsse sie die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Auch die öffentliche Beschaffung könne gezielt dazu beitragen, heimische KMU und technologische Kompetenzen zu fördern.
Pröll wiederum betonte die Bedeutung langfristiger Planungs- und Rechtssicherheit. Österreich bilde hervorragende Talente aus, zahlreiche von ihnen seien später allerdings bei großen US-Tech-Konzernen tätig. Um sie im Land zu halten, brauche es neben der hohen Lebensqualität des europäischen Modells einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen und Investitionen. Verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend Kapital allein reichen jedoch nicht, ebenso entscheidend sind qualifizierte Fachkräfte und der Austausch über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg.
Optimistischer Blick nach vorn
Zum Abschluss zeigten sich sämtliche Teilnehmer:innen hinsichtlich der Zukunft überaus zuversichtlich. "Es gab keine Generation vor uns, die so gute Technologien, Methoden und einen so guten rechtlichen Rahmen hatte, um Antworten auf die großen Aufgaben zu finden. Wir haben eine exzellente Ausgangsbasis, aber wir müssen es auch mit Dringlichkeit tun", betonte Herlitschka. In dieselbe Kerbe schlug auch Umundum: "Ich persönlich freue mich sehr auf die Zukunft. Am Ende gilt: It's all about people. Und da hat Österreich mit seinen Universitäten, tollen Unternehmen und Innovationsführern eine hervorragende Ausgangssituation."
Kräuter wiederum bezog sich auf die nächste Generation: "Wir leben in einer der spannendsten Zeiten überhaupt. Wenn ich sehe, mit welcher Selbstverständlichkeit meine 14-jährige Tochter und ihre Freund:innen an Themen herangehen, gibt mir das wirklich Hoffnung." Hödl verwies überdies auf die Stärken des Standorts: "Österreich hat vielleicht nicht immer die ersten und besten KI-Modelle, aber durchaus die Kompetenz, neue Technologien sicher zu betreiben und bei den Kund:innen anwendbar zu machen." Schiefer fasste seine Haltung pointiert zusammen: "Natürlich freue ich mich auf die Zukunft. Und wenn ich mich nicht freue, kommt sie trotzdem."
Abschließend zeigte sich Pröll von der positiven Grundstimmung der Runde überaus angetan und betonte: "Ich bin ein grenzenloser Optimist. Wir haben die Verantwortung, die Chancen zu ergreifen, die Gestaltung voranzutreiben und die Risiken zu managen. Gemeinsam werden wir die Zukunft gestalten."
Was Alexander Pröll, Sabine Herlitschka, Harald Kräuter, Peter Umundum, Helmut Hödl und Martin Schiefer zum Thema "Digitale Souveränität: Technologische Unabhängigkeit als Schlüssel für Europas Zukunft" sonst noch sagen, sehen Sie im LEADERSNET.tv-Video.
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