Mobilitätswende mit Hindernissen

Gastkommentar von Ralf-Wolfgang Lothert, Mitglied der Geschäftsleitung und Director Corporate Affairs & Communication von JTI Austria.

Per 2035 will die EU die Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotoren verbieten. Diese Ansage hat die Wogen und Diskussionen rund um die Zukunft der Mobilität einmal mehr hochgehen lassen. Eine Wende ist dringend nötig, so viel ist klar – aber gibt es die eine, die richtige Lösung? Können die Bedarfe von Individualverkehr und Transport oder dem ländlichen und dem städtischen Bereich überhaupt unter einen Hut gebracht werden? Auch im Bereich Mobilität gilt anscheinend: die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht.

Wenn das Pfingstwochenende eines wieder einmal eindrucksvoll gezeigt hat, dann dass wir in Sachen Verkehr und Mobilität mehr als nur ein bisschen Aufholbedarf haben. In Tirol stauten sich die Urlaubsreisenden verbotenerweise über die Bundesstraßen, in den Zügen standen sich die Passagiere die Beine in den Bauch und selbst vor den Superchargern wurde Schlange gestanden, als wäre das ganze Verkehrsnetz ein einziges Stehcafé... Eine Wende muss her, da gibt es nichts zu rütteln. Die Technologien sind da, die Ideen auch, allein – so sieht es zumindest aus – an der Umsetzung mangelt es.

Auto oft die einzige Alternative

Wenn Menschen willens sind, vom Auto auf den Zug umzusteigen, sich zu diesem Zwecke sogar ein Klimaticket oder ein 9-Euro-Ticket in Deutschland kaufen, dann aber keinen Platz finden und im schlechtesten Fall sogar wieder aussteigen müssen – dann läuft aber ganz gewaltig etwas falsch. Oder dass gerade im ländlichen Bereich die Struktur der öffentlichen Verkehrsmittel und die Anbindung dermaßen unattraktiv sind, dass das Auto als einzige Alternative übrig bleibt. Selbst mit den jährlichen Zuschüssen von rund fünf Milliarden durch den Staat sind den ÖBB in den vergangenen Jahren hier keine nennenswerten Verbesserungen geschweige denn große Kunststücke gelungen. Wo ist das Geld hin? Es sind noch einige Wünsche offen.

Oder: Wenn Autofahrer sich entgegen mancher Bedenken für ein E-Auto entscheiden, dann aber gerade im städtischen Bereich keine Möglichkeit haben, sich eigene Ladeinfrastruktur zu installieren, dann hat irgendjemand vorher seine Hausaufgaben nicht gemacht. Im November vorigen Jahres wurde von Klima- und Justizministerium stolz das „Right to plug" vorgestellt, das Recht, auf seinem eigenen Stellplatz im Mehrparteienhaus eine Ladestation zu für sein E-Fahrzeug installieren. Da gibt es halt leider 20 andere und einfachere Wege, seine individuelle Mobilität zu realisieren. Von den 1,5 Ladestellen pro E-Auto, die es für einen reibungslosen Umstieg auf Elektromobilität benötigen würde, sind wir leider meilenweit entfernt. Böse gesagt: bis dorthin reicht kein Akku. Kurzen Ausbauoffensiven folgen leider nach wie vor lange Durststrecken. Ebenso wenig geklärt sind die Fragen nach Entsorgung und Recycling oder einem sinnvollen Second-Life-Einsatz der Batterien von E-Autos. Und woher sollen in Zukunft die Mengen an Rohstoffen, an seltenen Erden kommen, die es zur Herstellung immer leistungsfähigerer Akkus braucht? Mal ganz abgesehen von den Bedingungen, unter denen diese Rohstoffe gewonnen werden.

Entwicklung von alternativen Antrieben hinkt hinterher

Und dann bleibt noch immer der Gütertransport: Auf die Schiene? Siehe oben: die Anbindung und – für Unternehmen nicht ganz irrelevant – die Kosten! Also doch LKW? Aber geht das mit E-Antrieb? Derzeit wohl noch nicht sinnvoll... Auch hier könnte man mit der Entwicklung von alternativen Antrieben wie etwa Wasserstoff oder E-Fuels schon viel weiter sein, würde man sich eingestehen, dass ad hoc nicht die EINE Lösung funktionieren kann, sondern dass es am Weg zum Ziel vielleicht sinnvoller wäre, verschiedene Technologien parallel einzusetzen und die weniger praktikablen nach und nach von den sinnvolleren ablösen zu lassen. Hier hat sich aber wohl wieder eine von vielen NGOs durchgedrückte E-Politik durchgesetzt, die alleine die Wende nicht schaffen wird. Dem Flugverkehr müsste ich gar einen eigenen Gastkommentar widmen...

JTI Austria macht sich seit langem und nicht nur von Gesetzes wegen Gedanken, wie es seinen CO2-Footprint verringern kann, wie viele andere Unternehmen auch. Die Mobilität ist dabei nur ein Puzzleteil von vielen, wenn auch ein maßgebliches. Und wie in vielen Bereichen wird auch hier eine ausgewogene Mischung aus mehreren Alternativen zum Erfolg führen, als das starre Verfolgen einer einzigen Strategie. Wichtig ist dabei immer, auch Fehler einzugestehen und nicht auf Vorgehensweisen zu beharren, „weil wir da jetzt schon so viel Energie und Geld reingesteckt haben." Wir müssen mit der Zeit gehen und offen für neue Entwicklungen sein, das ist das einzige Rezept gegen Stillstand und zwar in jeglicher Hinsicht! Zum Schluss noch ein ganz persönlicher Wunsch: Als Liebhaber von Oldtimer-Autos möchte ich auch in Zukunft gerne die eine oder andere wunderschöne Ausfahrt machen können und dürfen.

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