LEADERSNET-AEHRE-KOOPERATION
Lebensquelle: Blaues Gold

Die neue aehre – das nachhaltige Businessmagazin – ist da. Im Rahmen der Kooperation zwischen LEADERSNET und aehre dürfen sich die Leser:innen dieses Mal über einen Beitrag über sauberes Trinkwasser als rares Gut freuen. 

LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.

Nachdem es bei aehre beim letzten Mal um vier Menschen gegangen war, deren Arbeitsplatz hoch oben liegt, geht es dieses Mal um sauberes Trinkwasser, das bereits jetzt schon vielerorts ein rares Gut ist und das in Zukunft – aufgrund zunehmender Dürreperioden und Starkregenereignisse, steigenden Verbrauchs und verschmutzter Ressourcen – immer kostbarer wird. 

 

Text: Doris Neubauer

Mit Trinkwasser gefüllte Tankwagen, die über die Bundesstraße nach Zwettl rollen, gehören seit September der Vergangenheit an. Seitdem erhalten 120.000 Einwohner:innen des Waldviertels über eine 60 Kilometer lange Leitung sauberes Wasser aus dem Brunnenfeld Grunddorf/Donaudorf bei Krems. Rund 50 Millionen Euro investierte EVN Wasser, eine Tochter des niederösterreichischen Energieversorgers EVN AG, in dieses Projekt. "Wir versorgen das gesamte Weinviertel, den Norden des Waldviertels und das Gebiet südlich der Donau bis zur ungarischen Grenze. Überall dort, wo die Qualität oder Menge des Wassers nicht ausreicht", sagt EVN-Vorstandsdirektor Stefan Stallinger.

Wasserreich 

Sauberes Trinkwasser ist selbst in Österreich keine Selbstverständlichkeit. Zwar verfügt die Alpenrepublik mit 5,1 Milliarden Kubikmetern über mehr als ausreichende Grundwasserressourcen. Diese sind aber regional unterschiedlich verteilt und geraten immer mehr in Bedrängnis. Bis 2050 könnten sie um bis zu 23 Prozent sinken, zeigte die Studie "Wasserschatz Österreichs" 2021. Hauptgrund ist der Klimawandel, der den Wasserkreislauf durcheinanderbringt: Häufigere Hitzewellen lassen Wasser verdunsten, Flüsse führen weniger, Speicher leeren sich schneller. Dazu kommen Bevölkerungswachstum und steigender Verbrauch.

"Was im Boden ankommt und versickert, steht in Konkurrenz zur Nutzung", erklärt Stephan Bruck, Geschäftsführer der Umweltanalytikfirma AQA, "je mehr Wasser wir nutzen, desto stärker setzen wir die Grundwasservorkommen unter Druck." 

0,5 Prozent der weltweiten Wasservorräte sind Süßwasser, das zum Trinken, Waschen und Bewässern zur Verfügung steht.

Zudem kommen die Wassermengen von häufiger auftretenden Starkregenfällen oft nicht im Grundwasser an. Der Boden könne sie nicht innerhalb so kurzer Zeit aufnehmen, die Wassermengen würden deshalb oberflächlich abfließen. Während im Westen Österreichs und der Steiermark laut Bruck künftig mehr Wasser verfügbar sein kann, drohen Engpässe vor allem im Osten.

Große Herausforderungen. Laut Stephan Bruck (AQA) steht in Österreich die Wasserqualität unter Druck © bereitgestellt

Die EVN ist dafür gerüstet: Bis 2055 sollen 775 Millionen Euro in neue Brunnenfelder, Speicher und Transportleitungen fließen. Ziel ist es, regionale Ungleichgewichte auszugleichen und die Versorgung langfristig zu sichern.

Wasserqualität unter Druck

"Quantität ist nur die halbe Miete", warnt AQA-Chef Bruck: "Wenn wir die Verfügbarkeit sicherstellen können, aber keine entsprechende Qualität, ist das ein Problem." Zwar besitzt Österreich selbst in trockenen Jahren ausreichend Wasser, doch "die Wasserqualität, wie wir sie kennen, steht schwer unter Druck". Unsere Lebensart bedingt, dass Umweltgifte und Schadstoffe in den Boden gelangen.

»Wenn wir die Verfügbarkeit sicherstellen können, aber keine entsprechende Qualität, ist das ein Problem.«
Stephan Bruck, AQA GmbH

Besonders problematisch sind Industriechemikalien wie PFAS (etwa für Antihaftbeschichtungen und Outdoorkleidung) und TFA, ein Abbauprodukt von Arzneimitteln, Pestiziden und Kühlmitteln. Diese wurden schon im Grundwasser nachgewiesen. Und von dort ist der Weg ins Trinkwasser nicht weit. "Es handelt sich dabei um nicht abbaubare Materialien, die im Wasserkreislauf verbleiben", erklärt Bruck, "zudem braucht man für die im Wasser befindlichen Substanzen oft neue Aufbereitungsmethoden wie Ultrafiltration, die technisch aufwendig und sehr teuer sind." Doch auch bei abbaubaren Materialien wie Nitraten dauere es Jahrzehnte, bis sie sich im Boden aufgelöst haben.

Laut der Studie "The Status of Global Freshwater Resources" des ISOE-Instituts erfüllen nur 56 Prozent der Gewässer weltweit die gängigen Qualitätsstandards. Hauptsächlich im Globalen Norden ist die Wasserqualität schlecht. In Deutschland etwa gelten nur neun Prozent der Oberflächengewässer als ökologisch intakt – zu viel Nitrat, zu viele Pestizide. Besser ist die Qualität ausgerechnet in den Ländern der Subsahara-Afrika – und damit in Regionen, die schon heute häufig von klimatisch bedingter Trockenheit betroffen sind. 

Die EVN investiert, um auch trockene Gebiete mit Trinkwasser zu versorgen © Aigelsreither

Wie dramatisch sich dort Wassermangel auswirkt, zeigte sich während schwerer Dürren am Horn von Afrika: Zwischen 2020 bis 2023 verendeten 13 Millionen Nutztiere, Ernten fielen aus, 20 Millionen Menschen litten unter akuter Nahrungsmittelknappheit und dem Verlust ihrer Lebensgrundlage. Laut UNESCO könnte Wassermangel in Afrika und dem Nahen Osten in den nächsten 20 Jahren einen wirtschaftlichen Rückgang von 25 Prozent verursachen.

Bis 2100 ist es möglich, dass weltweit rund 750 Millionen Menschen – 470 Millionen davon in Städten – von extremer Wasserknappheit betroffen sind, warnen Forscher:innen der Pusan National University. Besonders gefährdet sind Spanien, Griechenland, die Türkei und Marokko.

40 Milliarden Stunden pro Jahr werden südlich der Sahara für das Sammeln von Wasser aufgewendet. Das hat die Hilfsorganisation The Water Project berechnet.

Dort drohen viele Wasserspeicher bereits bei der ersten "Stunde-Null-Dürre" auszutrocknen – ein Begriff, der 2018 in Kapstadt geprägt wurde, als die Stadt kurz davorstand, die Wasserversorgung zu rationieren. Seither sammeln die Leute dort vermehrt Trinkwasser über Hausdächer. Istanbul wiederum verpflichtet Bauherr:innen, bei größeren Grundstücken unterirdische Speicher für Regen­wasser einzuplanen. Auch im Rest der Türkei sind ähnliche Maßnahmen geplant, um künftig mehr Wasser für Trockenperioden zu speichern. 

Andernorts wird verbrauchtes Wasser recycelt und wieder nutzbar gemacht. In Singapur werden bereits 40 Prozent des Abwassers aufbereitet, künftig soll es noch mehr werden. Das meiste davon fließt in Industrieprozesse, ein Teil zurück in die Trinkwasserversorgung.

Erschließen neuer Quellen

Da diese Methoden alleine nicht ausreichen, arbeiten Wissenschaftler:innen seit Langem daran, neue Wasserquellen zu erschließen. Viele blicken dabei aufs Meer: Rund 16.000 Entsalzungsanlagen sind weltweit bereits im Betrieb, vor allem in Ländern wie Saudi-Arabien, Oman, Malta, Israel, Indien, China und Australien. Doch die Vorgehensweise ist umstritten: Bei der Entsalzung entsteht als Abfallprodukt eine hochkonzentrierte Salzlösung, die zum Großteil zurück ins Meer geleitet wird und das ökologische Gleichgewicht in Schieflage bringt. Zudem ist die Wasserentsalzung teuer und energieintensiv.

49 Billionen schätzte die Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) den wirtschaftlichen Wert funktionierender Süßwasserökosysteme für das Jahr 2023 – das entspricht rund 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Das muss nicht sein, meint das niederländische Start-up Elemental Water Makers: Es nutzt Solarenergie, um Meerwasser zu entsalzen. "Damit sind wir 70 Prozent effizienter als herkömmliche Entsalzung", berichtet Gründer Sid Vollebregt. Außerdem verwendet das Verfahren keine Chemikalien, arbeitet mit einer niedrigen Rückgewinnungsrate und es wird ausschließlich auf dezentrale Lösungen mit kleinen Volumina gesetzt. "So stellen wir sicher, dass das etwas salzigere Meerwasser im Umkreis seiner Rückführung wieder auf seine ursprüngliche Konzentration verdünnt wird", betont er. Über 100 Projekte in 36 Ländern versorgen inzwischen 200.000 Menschen mit sauberem Wasser, vor allem in Afrika, der Karibik und auf Pazifikinseln. "Wir wollen in den nächsten fünf Jahren zehn Millionen Menschen Zugang zu Wasser ermöglichen", so Vollebregt.

Das niederländische Start-up Elemental Water Makers nutzt Solarenergie, um Meerwasser zu entsalzen © Elemental Water Makers

Viel vor hat auch das US-amerikanische Unternehmen Aquaporo. Statt Feuchtigkeit aus dem Meer abzuzapfen, hat es die Atmosphäre im Visier: "Dort befindet sich zu jedem Zeitpunkt sechsmal mehr Wasser als in allen Flüssen dieser Welt", weiß Gründer Kyle Cordova. In Südamerika, auf den Kanaren, ja selbst in einer Gemeinde im Schwarzwald wird diese Feuchtigkeit mit sogenannten Nebelnetzen bereits eingefangen und das kondensierte Wasser in Behälter geleitet. Haben diese Verfahren bisher nur bei vergleichsweise hoher Luftfeuchtigkeit funktioniert, hat eine von Cordova entwickelte Technologie sogar im trockenen Jordanien Wasser aus der Luft gezogen. 

Dreimal so viel Wasser wie vor 50 Jahren entnehmen 
Menschen laut UNESCO Flüssen, Seen und dem Grundwasser heute.

In ein paar Jahren sollen diese Wasserernter auch in Unternehmen zum Einsatz kommen und Gemeinden sowie Städte mit sauberem Trinkwasser versorgen.

Konkurrenzkampf ums flüssige Gut

Noch sind solche Innovationen der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein, wächst doch der globale Wasserverbrauch rasant: Zwischen 2000 und 2050 dürfte er sich um mehr als die Hälfte erhöhen. Besonders die Landwirtschaft, die schon heute 70 Prozent des weltweiten Süßwassers verbraucht, benötigt zunehmend mehr. Durstig sind auch die Industrie und Energiebranche. 

80 Prozent des Abwassers werden laut UN weltweit unbehandelt wieder in die Umwelt gespült.

Allein die Kühlung von Kraftwerken wird in den nächsten 15 Jahren 20 Prozent mehr Wasser beanspruchen. Dazu kommen Rechenzentren, die zunehmend mit Städten und Bäuer:innen um dieselben Ressourcen konkurrieren. Konflikte werden zunehmen, warnen Fachleute. Zwar soll 2026 eine Wasserresilienzstrategie der EU in Kraft treten, die unter anderem Nutzungsbeschränkungen für Großverbraucher vorsieht. "Doch ohne neue Preismodelle wird es nicht gehen. Ein fairer Wasserpreis ist der einzige Weg, um Ausgleich zu schaffen", meint Stephan Bruck.

Der Preis des Wassers

Tatsächlich wird Wasser noch immer viel zu billig gehandelt. Die ökologischen und sozialen Kosten, die durch Verschmutzung oder Übernutzung entstehen, schlagen kaum zu Buche. Weltweit fließt nur rund ein Prozent der 53 Milliarden US-Dollar, die jährlich in Klimatechnologien investiert werden, in den Schutz von Wasserressourcen. Dabei liegt der geschätzte ökonomische Wert des Wassers bei 58 Billionen US-Dollar pro Jahr – rund 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

750 Millionen Menschen könnten bis 2030 aufgrund von Wasserknappheit zur Migration gezwungen werden (UNICEF 2021).

UNICEF fordert, die Investitionen in Wassersysteme bis 2030 zu vervierfachen, um allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. Expert:innen plädieren für gestaffelte Preise, bei denen Wasser mit zunehmender Nutzung teurer wird. Dadurch sollen Anreize geschaffen werden, sparsamer zu wirtschaften – und jene Betriebe belohnt werden, die in effiziente Bewässerung oder Wiederverwendung investieren.

Langfristig kommt man um ein globales Wasserabkommen nicht herum, sagen Sachverständige. Ohne gemeinsame Regeln drohen soziale Spannungen, wirtschaftliche Einbrüche und neue Konflikte. Denn Wasser ist keine unerschöpfliche Ressource: Das "blaue Gold" ist das wertvollste Gut der Welt.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.

aehre – das Nachhaltigkeits-Businessmagazin

Themen: Environmental-, Social- und Governance

Geschäftsführerinnen: Maria-Grazia Nordberg und Annabel Köle-Loebell

Gründung: März 2023

Praterstrasse 66/5

1020 Wien

Tel.: +43 1 890 44 06

Kontakt: hello@aehre.media

Homepage: www.aehre.media

Verteilungsfrage Österreichs Ressourcen

Gerade einmal drei Prozent der österreichischen Wasservorkommen werden derzeit genutzt: in Industrie und Gewerbe gehen circa 70 Prozent, in die Wasserversorgung 24 Prozent, in die Landwirtschaft rund vier Prozent und etwa zwei Prozent an ausgewählte Dienstleistungen (z. B. Wasserbedarf für Beschneiung und die Bewässerung von Golfplätzen). Der Unterschied steckt in der Region: Im Seewinkel und auf der Parndorfer Platte verbraucht der Agrarsektor bis 2050 über 90 Prozent des Grundwassers. In Oberösterreich hingegen verbraucht die Industrie ungefähr 91 Prozent der Wasserressourcen.

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Verteilungsfrage Österreichs Ressourcen

Gerade einmal drei Prozent der österreichischen Wasservorkommen werden derzeit genutzt: in Industrie und Gewerbe gehen circa 70 Prozent, in die Wasserversorgung 24 Prozent, in die Landwirtschaft rund vier Prozent und etwa zwei Prozent an ausgewählte Dienstleistungen (z. B. Wasserbedarf für Beschneiung und die Bewässerung von Golfplätzen). Der Unterschied steckt in der Region: Im Seewinkel und auf der Parndorfer Platte verbraucht der Agrarsektor bis 2050 über 90 Prozent des Grundwassers. In Oberösterreich hingegen verbraucht die Industrie ungefähr 91 Prozent der Wasserressourcen.

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