LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Rouschal, vom Leiter des Fahrtechnik Zentrums Marchtrenk an die Spitze der gesamten Organisation: Wie sieht Ihre Vision für die ÖAMTC Fahrtechnik in den kommenden Jahren aus und welche Weichenstellungen haben für Sie oberste Priorität?
Andreas Rouschal: Meine Vision ist es, die ÖAMTC Fahrtechnik als führende Kompetenzstelle für moderne Mobilität und Verkehrssicherheit weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht nur um klassische Fahrtechnik, sondern um die gesamte Schnittstelle zwischen Mensch, Fahrzeug und Technologie. Oberste Priorität haben für mich drei Bereiche: erstens die laufende Weiterentwicklung unserer Trainingsinhalte, zweitens die Digitalisierung unserer Angebote und drittens die Qualifizierung unserer Mitarbeiter:innen und Instruktor:innen. Unser Ziel bleibt unverändert: Menschen dabei zu unterstützen, Fahrzeuge sicher, verantwortungsvoll und souverän zu beherrschen – unabhängig davon, ob sie mit Verbrenner, E-Auto, Motorrad oder Nutzfahrzeug unterwegs sind.
LEADERSNET: Sie haben angekündigt, Digitalisierung und den Einsatz von KI konsequent voranzutreiben. Wo genau wird künstliche Intelligenz künftig im Trainingsalltag oder bei der Organisation spürbar sein?
Rouschal: Künstliche Intelligenz soll uns vor allem dort unterstützen, wo sie einen konkreten Mehrwert für Sicherheit, Effizienz und Individualisierung bringt. Besonders organisatorisch bietet KI Potenzial – etwa bei der Planung, Administration oder Kundenkommunikation. Wichtig ist dabei: Die persönliche Arbeit unserer Instruktor:innen bleibt zentral. KI soll unterstützen, nicht ersetzen.
LEADERSNET: Fahrzeuge werden durch moderne Assistenzsysteme und alternative Antriebe immer komplexer. Wie soll die engere Kooperation mit den Fahrzeugherstellern konkret aussehen, um technologische Trends schneller in Ihre Trainingskonzepte zu integrieren?
Rouschal: Die technische Entwicklung im Fahrzeugbereich ist sehr dynamisch. Genau deshalb wird der direkte Austausch mit Herstellern und Technologiepartnern immer wichtiger. Unser Anspruch ist es, neue Assistenzsysteme, Bedienkonzepte und Antriebstechnologien möglichst früh kennenzulernen und in praxisnahe Trainings einzugliedern. Die Teilnehmer:innen sollen nicht nur wissen, welche Assistenzsysteme ein Fahrzeug hat, sondern auch verstehen, wie diese im Alltag sinnvoll und sicher unterstützen können. Gerade bei Fahrassistenzsystemen zeigt sich, dass Technik nur dann ihre volle Sicherheitswirkung entfalten kann, wenn Nutzer:innen ihre Grenzen kennen.
LEADERSNET: Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Team von rund 300 Mitarbeitenden und Instruktor:innen bei dieser rasanten technologischen Entwicklung stets auf dem aktuellsten Wissensstand bleibt?
Rouschal: Weiterbildungen sind ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Unsere Instruktor:innen müssen nicht nur fahrdynamisch auf höchstem Niveau sein, sondern auch technologische Entwicklungen laufend verstehen und vermitteln können. Deshalb setzen wir auf regelmäßige Schulungen, technische Updates und praxisorientierte Trainings. Die ÖAMTC Fahrtechnik arbeitet traditionell sehr stark instruktions- und praxisbasiert – dieses Know-how laufend aktuell zu halten, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
LEADERSNET: Der Blick auf die Verkehrssicherheit zeigt, dass die Mehrphasenausbildung seit Jahren ein Erfolgsmodell ist. Welchen Stellenwert haben diese gesetzlichen Trainings heute im Vergleich zu freiwilligen Fahrtechnikkursen?
Rouschal: Die Mehrphasenausbildung ist ein wesentlicher Baustein der Verkehrssicherheit in Österreich und hat einen sehr hohen Stellenwert. Sie erreicht junge Lenker:innen genau zu einem Zeitpunkt, an dem Fahrpraxis aufgebaut wird und sich das Risikobewusstsein entwickelt. Gleichzeitig sehen wir, dass freiwillige Trainings zunehmend an Bedeutung gewinnen – vor allem durch neue Fahrzeugtechnologien, E-Mobilität und steigende Anforderungen im Straßenverkehr. Verkehrssicherheit ist kein einmaliger Lernprozess, sondern etwas, das kontinuierlich weiterentwickelt werden muss.
LEADERSNET: Viele Assistenzsysteme nehmen Fahrer:innen heute Entscheidungen ab. Warum bleiben reale Fahrtechniktrainings – trotz immer „klügerer“ Autos – für die persönliche Fahrsicherheit unverzichtbar?
Rouschal: Moderne Assistenzsysteme können Fahrer:innen in vielen Situationen wirkungsvoll unterstützen, sie ersetzen aber weder Verantwortung noch Aufmerksamkeit am Steuer. Gleichzeitig beobachten wir, dass manche Lenker:innen den technischen Möglichkeiten heutiger Fahrzeuge zu viel zutrauen oder sich zu stark auf elektronische Helfer verlassen. Gerade deshalb bleiben reale Fahrtechniktrainings so wichtig. Wer kritische Situationen selbst erlebt und trainiert hat, kann Risiken besser einschätzen und im Ernstfall schneller und angemessener reagieren. Unsere Trainings zeigen dabei bewusst auch die den physikalischen Grenzbereich auf – etwa bei Grip, Bremsweg oder Fliehkräften. Denn unabhängig davon, wie intelligent ein Fahrzeug ist: Die Gesetze der Physik gelten immer.
LEADERSNET: Euro NCAP fordert für Höchstbewertungen beim Crashtest wieder mehr physische Knöpfe und Tasten im Cockpit, um die Ablenkung durch reine Touchscreens zu reduzieren. Wie bewerten Sie diesen Schritt aus Sicht der Verkehrssicherheit?
Rouschal: Aus Sicht der Verkehrssicherheit ist jede Entwicklung sinnvoll, die Ablenkung reduziert und die Bedienung intuitiver macht. Wenn Fahrer:innen für grundlegende Funktionen mehrere Menüs durchklicken müssen, steigt die kognitive Belastung und damit auch das Risiko für Unaufmerksamkeit. Physische Bedienelemente können dabei helfen, Funktionen schneller und mit weniger Blickabwendung zu bedienen. Entscheidend ist letztlich immer, dass Fahrzeugbedienung möglichst einfach, logisch und sicher gestaltet wird.
LEADERSNET: Ablenkung am Steuer zählt zu den häufigsten Unfallursachen. Fließen solche Themen wie Ergonomie, Bedienbarkeit im Cockpit und mentale Aufmerksamkeit künftig verstärkt in die Trainingsinhalte der ÖAMTC Fahrtechnik ein?
Rouschal: Diese Themen sind schon seit langem ein großes Thema in unseren Trainings. Was Ablenkung betrifft, zeigen wir beispielsweise gezielt jungen Lenker:innen, was es bedeutet während der Fahrt mal eben das Handy in die Hand zu nehmen und welche fatalen Folgen das haben kann. Aber auch ergonomische Themen wie beispielsweise die richtige Sitzposition gehören schon seit geraumer Zeit zu den Trainingsinhalten. Aber natürlich entwickeln sich unsere Trainings laufend weiter und orientieren sich stark an realen Anforderungen im Straßenverkehr. Ziel ist es, Fahrer:innen nicht nur fahrtechnisch, sondern auch im Umgang mit moderner Fahrzeugtechnik bestmöglich vorzubereiten.
www.oeamtc.at/fahrtechnik
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