LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Wiltschke, Austrian Exhibition Experts ist aus dem Rückzug eines internationalen Messekonzerns aus Österreich entstanden. Wie kam es zur Gründung?
Clara Wiltschke: 2020 wurde entschieden, einige Veranstaltungen aus dem österreichischen Portfolio herauszunehmen. Für uns war klar, dass es schade wäre, etablierte Messen einfach vom Markt verschwinden zu lassen. Deshalb haben wir Austrian Exhibition Experts gegründet und zunächst einige Veranstaltungen als Lizenzmessen weitergeführt. Später kamen weitere Formate dazu. Heute verantworten wir insgesamt 14 Fach- und Publikumsmessen – sowohl Lizenzmessen als auch Eigenveranstaltungen.
LEADERSNET: Sie haben das Unternehmen ausgerechnet im Jahr 2020 gestartet – zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt für die Veranstaltungsbranche?
Wiltschke: Das war natürlich eine enorme Herausforderung. Wir haben mit acht Mitarbeiter:innen begonnen, waren zwischenzeitlich nur noch vier und sind heute bei rund 26 Personen. Darauf bin ich sehr stolz. Wir haben uns aus dieser schwierigen Phase herausgearbeitet und gleichzeitig gezeigt, dass Messen auch heute ihre Berechtigung haben – allerdings in einer anderen Form als früher.
LEADERSNET: Digitalisierung, Onlinehandel und Social Media haben unser Konsum- und Kommunikationsverhalten massiv verändert. Welche Rolle hat die klassische Messe heute noch?
Wiltschke: Die Digitalisierung können und sollen wir nicht aufhalten. Produkte können online gekauft und Kontakte digital hergestellt werden. Was digital aber nur sehr schwer ersetzt werden kann, ist der persönliche Kontakt. Wer steckt hinter einem Produkt? Wie fühlt es sich an? Wie funktioniert es tatsächlich? Und mit wem habe ich es zu tun?
Eine Messe bietet genau diese Kombination. Man kann Produkte sehen, anfassen und testen, Menschen kennenlernen, Fachvorträge besuchen und sich innerhalb einer Branche austauschen. Ich vergleiche eine gute Messe gerne mit einem großen Supermarkt für eine gesamte Branche: An einem Ort finde und erlebe ich möglichst alles, was für mich relevant ist.
LEADERSNET: Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Besucher:innen.
Wiltschke: Absolut. Heute reicht es nicht mehr, einfach eine Halle mit Messeständen zu füllen. Die Besucher:innen erwarten Atmosphäre, gutes Essen, Aufenthaltsmöglichkeiten, Entertainment und Inhalte. Sie möchten sich wohlfühlen und etwas erleben.
Auch für Aussteller:innen hat sich deshalb viel verändert. Es reicht nicht mehr zu sagen: "Wir sind ohnehin auf der Messe." Man muss im Vorfeld kommunizieren, warum es sich lohnt, den Stand zu besuchen, und vor Ort die richtigen Menschen einsetzen. Ein riesiger Messestand allein entscheidet nicht über den Erfolg. Viel wichtiger ist, wer dort steht, wie Besucher:innen empfangen werden und ob echte Gespräche entstehen.
LEADERSNET: Sie sprechen viel über Menschen und persönliche Begegnungen. Spiegelt sich das auch in Ihrem Führungsstil wider?
Wiltschke: Wir sind ein sehr unterschiedliches Team, und genau das macht uns aus. Mir ist wichtig, dass wir gemeinsam an einer Vision arbeiten. Meine Mitarbeiter:innen arbeiten nicht für mich und ich nicht für sie – wir arbeiten gemeinsam daran, Veranstaltungen erlebbar zu machen und Geschichten rund um diese Veranstaltungen nach außen zu tragen.
Ich gebe meinen Teams viel Eigenverantwortung. Sie sollen Entscheidungen treffen, Ideen entwickeln und ihre jeweiligen Branchen wirklich kennen. Natürlich bin ich da, wenn ich gebraucht werde. Aber ich möchte keine Chefin sein, die einen Stundenplan vorgibt und ständig kontrolliert, was als Nächstes erledigt werden muss.
LEADERSNET: Welche Eigenschaften sind Ihnen bei Mitarbeiter:innen besonders wichtig?
Wiltschke: Eigenständigkeit, Hands-on-Mentalität und die Bereitschaft, etwas weiterzubringen. Ich mag Menschen, die sagen: "Ich habe eine Idee – darf ich sie kurz vorstellen?" Wenn sie gut ist, setzen wir sie um. Genau diese Dynamik braucht unsere Branche.
LEADERSNET: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder müssen wir diese mit großem Respekt erwarten?
Wiltschke: Natürlich leben wir in herausfordernden Zeiten. Wenn man ausschließlich Nachrichten konsumiert und sich permanent mit Krisen beschäftigt, kann man schnell den Eindruck bekommen, dass die Aussichten wenig positiv sind.
Ich versuche trotzdem, optimistisch zu bleiben. Unsere Planungszeiträume werden kürzer, Budgets verändern sich häufiger und Entscheidungen werden kurzfristiger getroffen. Das macht die Planung schwieriger, aber es ist die Realität, mit der wir umgehen müssen.
Entscheidend ist für mich, dass wir uns davon nicht permanent herunterziehen lassen. Ich halte wenig davon, ständig nur zu jammern. Wir sollten wieder stärker miteinander arbeiten und überlegen, was wir gemeinsam schaffen können. Wenn wir gemeinsam nach vorne schauen, bringt uns auch nicht jede Veränderung sofort aus der Ruhe.
LEADERSNET: Messe ist Kommunikation. Wie wird sich Kommunikation Ihrer Meinung nach künftig entwickeln?
Wiltschke: Ich glaube ganz klar an die Kombination. Social Media, digitale Kommunikation, Teams und Videokonferenzen erleichtern unseren Alltag enorm. Gleichzeitig ist ein persönliches Gespräch etwas völlig anderes.
Wenn etwas wirklich besprochen werden muss, sollte man manchmal einfach zum Telefon greifen oder sich auf einen Kaffee treffen. Nicht jedes persönliche Treffen muss mehrere Stunden dauern. Aber dieser direkte Austausch schafft eine andere Qualität.
Das gilt auch für Veranstaltungen. Das Digitale ersetzt die physische Begegnung nicht – und umgekehrt. Beides ergänzt sich.
LEADERSNET: Gerade nach Corona wurde vielfach prognostiziert, dass große Präsenzveranstaltungen dauerhaft an Bedeutung verlieren würden.
Wiltschke: Genau das Gegenteil ist in vielen Bereichen passiert. Menschen wollen sich treffen. Auch erfolgreiche digitale Communitys oder Influencer:innen zeigen das sehr gut: Irgendwann entstehen daraus Live-Events, bei denen die Community zusammenkommt.
Eine Messe bietet einen entscheidenden Vorteil: Ich habe an einem Ort eine große Plattform, auf der sich eine gesamte Branche begegnen kann. Diese Dichte an persönlichen Kontakten lässt sich digital nur schwer herstellen.
LEADERSNET: Ist Ihr Appell daher wieder stärker zum persönlichen Gespräch zurückzukehren?
Wiltschke: Mein Appell ist vor allem, die richtige Mischung zu finden. Natürlich kann man nicht jeden Kontakt persönlich pflegen. Dafür haben wir Telefon, E-Mail und digitale Plattformen. Aber dort, wo Beziehung, Vertrauen oder ein intensiver Austausch wichtig sind, sollten wir den persönlichen Kontakt nicht verlieren.
Genau darin liegt für mich auch die emotionale Kraft einer Messe: Menschen begegnen Menschen. Und diese Kraft wird auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht kleiner.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.expo-experts.at
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