Humanoide Roboter haben die Forschungslabore und Messehallen längst verlassen. Allein der bekannte chinesische Hersteller Unitree Robotics lieferte im vergangenen Jahr mehr als 5.500 Exemplare aus, sein kleinstes Modell ist mittlerweile um wenige tausend Euro im Onlinehandel erhältlich. Damit landen die Maschinen zunehmend in privaten Händen und auf öffentlichen Straßen, wo sie allerdings nicht immer für Begeisterung sorgen. Wie schnell aus einer technischen Spielerei ein Fall für die Kriminalpolizei werden kann, zeigt ein Vorfall aus Köln. Dort soll ein rund 1,20 Meter großer, rot-goldener Roboter in der Nacht auf den 11. Oktober einer 16-Jährigen von hinten ans Gesäß gefasst haben, während sein Besitzer und dessen Begleiter das Geschehen live ins Netz übertragen haben sollen.
Übergriff vor laufender Kamera
Den Angaben der Polizei Köln zufolge war die Jugendliche kurz vor Mitternacht mit zwei 17 und 18 Jahre alten Freundinnen an der Ecke Palmstraße und Hohenzollernring unterwegs, als der Roboter vor einem Schnellrestaurant hinter ihr auftauchte. Dort soll die Maschine "Stoßbewegungen gegen ihr Gesäß ausgeführt haben", heißt es in der Polizeimitteilung. Optisch erinnerte das Gerät an die Marvel-Figur Iron Man, sein Besitzer dürfte beim Styling aber noch nachgeholfen haben: Jogginghose, ärmelloses Shirt, Goldkette, Sonnenbrille und Schnurrbart vervollständigten den Look. In Clips, die im Netz kursieren, ist zu sehen, wie die 16-Jährige aufschreit und vor dem Roboter zurückweicht.
Ins Visier der Ermittler:innen geraten sind der 16-jährige Besitzer des Roboters aus Wegberg im Kreis Heinsberg und ein 19-jähriger Begleiter. Die beiden sollen das Geschehen per Handy festgehalten, in Echtzeit an ihr Online-Publikum übertragen und laufend kommentiert haben. Als die alarmierte Streife die beiden wenig später an der Ecke Magnusstraße und Hohenzollernring antraf, soll der Roboter bereits im Kofferraum eines VW gelegen sein. Die Polizei beschlagnahmte daraufhin das Gerät und die Handys der beiden. Auf TikTok kursieren laut Medienberichten zudem weitere Clips, die einen baugleichen Roboter im Großraum Köln zeigen.
Die Kripo sucht den Menschen hinter der Maschine
Ob die Maschine eigenständig agierte oder per Fernsteuerung auf die Jugendliche gelenkt wurde, ist die zentrale Frage der Ermittlungen, die wegen des Verdachts der Beleidigung auf sexueller Grundlage laufen. Neben dem Roboter selbst und den Handys werten die Ermittler:innen dafür auch Aufnahmen der Videobeobachtung auf den Ringen aus, außerdem sollen alle Beteiligten noch einmal vernommen werden. Die Verdächtigen selbst sprechen von einem Missgeschick. In einem TikTok-Clip behauptet einer der beiden, der Roboter habe einem Mann ausweichen wollen und sei dabei ungewollt gegen die Jugendliche geprallt.
Welches Modell die beiden mit auf die Straße genommen hatten, hat die Polizei nicht bekanntgegeben. Größe und Bauform passen zum Unitree R1, dem Einstiegsmodell jenes chinesischen Herstellers, der den Markt für humanoide Roboter derzeit mit vergleichsweise günstigen Geräten aufmischt. Das rund 25 Kilogramm schwere Modell versteht Sprachbefehle, lässt sich aber auch per Controller lenken oder auf feste Bewegungsabläufe programmieren. Für die Ermittlungen macht genau das den Unterschied, denn je nachdem, ob die Bewegungen live gesteuert, vorab einprogrammiert oder von der Software selbst gewählt wurden, stellt sich die Frage nach der Verantwortung jeweils anders.
Kein Einzelfall auf offener Straße
Es ist nicht das erste Mal, dass ein humanoider Roboter heuer einen Polizeieinsatz auslöst. Im März blieb in Macao ein Unitree G1 auf einem schmalen Gehsteig hinter einer 70-jährigen Frau stehen, die sich beim Umdrehen derart erschrak, dass sie die Maschine lautstark beschimpfte und sich anschließend im Krankenhaus untersuchen ließ. Die Polizei führte den Roboter daraufhin wie einen Verdächtigen ab, gab ihn dem 50-jährigen Betreiber nach einer Ermahnung aber wieder zurück. Bereits 2024 hatte in Saudi-Arabien ein Roboter bei einem Liveauftritt für Aufregung gesorgt, als er eine Reporterin von hinten anzufassen schien.
Juristisch ist das alles weitgehend Neuland. Strafrechtlich belangt werden kann am Ende ohnehin nur ein Mensch, wobei der bloße Besitz eines Roboters dafür nicht reicht. Ob eine Berührung durch eine ferngesteuerte Maschine so zu werten ist wie eine durch Menschenhand, ist dabei noch offen. Zumindest zivilrechtlich ist auf EU-Ebene aber eine Antwort unterwegs. Die neue Produkthaftungsrichtlinie zählt künftig ausdrücklich auch Software und KI-Systeme zu den Produkten, für deren Fehler Hersteller geradestehen müssen. Die Mitgliedstaaten, also auch Österreich, haben bis 9. Dezember 2026 Zeit, sie umzusetzen. Im Kölner Fall geht es allerdings weniger um einen fehlerhaften Roboter als um die Frage, wer den Controller in der Hand hielt. Bis das geklärt ist, dürfte der Iron-Man-Doppelgänger seine Zeit in der Asservatenkammer verbringen.
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