LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Niedermayr, der Austrian CFO Day feiert heuer sein zehnjähriges Bestehen und steht unter dem Motto "CFO-Momentum – Fortschritt trotz Gegenwind". Was bedeutet dieses Motto für Sie und warum trifft es gerade die aktuelle Situation vieler Unternehmen so gut?
Rita Niedermayr: Finanzführung musste immer mit Unsicherheit umgehen. Neu ist, wie viele Probleme sich gleichzeitig verdichten: schwache Nachfrage, hohe Kosten, wachsender Wettbewerbsdruck, geopolitische Konflikte sowie volatile Energie- und Finanzierungskosten. Zugleich können Unternehmen Investitionen in Digitalisierung, KI und neue Geschäftsmodelle nicht länger aufschieben. Sie müssen Ergebnis und Liquidität kurzfristig sichern, ohne ihre Zukunftsfähigkeit zu gefährden. Für CFOs bedeutet das, unter hohem Druck zu entscheiden, wo gespart werden kann und wo trotz knapper Mittel investiert werden muss.
Die entscheidende Frage lautet: Wie entsteht unter diesen Bedingungen Vorwärtskraft? Genau hier setzt CFO-Momentum an. Gemeint ist die Fähigkeit der Finanzführung, eine klare Richtung mitzuprägen, Entscheidungen zu ermöglichen und die verfügbaren Mittel auf die entscheidenden Vorhaben zu konzentrieren. Beim Austrian CFO Day betrachten wir fünf Handlungsfelder: Decision Momentum steht für tragfähige Entscheidungen, obwohl künftige Entwicklungen nicht verlässlich vorhersehbar sind. Execution Momentum richtet den Blick darauf, ob aus Beschlüssen tatsächlich Ergebnisse entstehen. Investment Momentum fragt, welche Investitionen finanzielle Stabilität sichern und zugleich Erneuerung ermöglichen. Transformation Momentum zeigt, wie Veränderungen aus der Pilotphase in einen tragfähigen Betrieb überführt werden. Leadership Momentum beschreibt, wie Führung auch unter Druck Orientierung gibt und Verantwortung ermöglicht.
LEADERSNET: Geopolitische Spannungen, volatile Märkte, Kostendruck und technologischer Wandel treffen Unternehmen derzeit gleichzeitig. Wie hat sich dadurch die Rolle des CFO verändert und welche Verantwortung kommt Finanzverantwortlichen heute über die klassische Finanzfunktion hinaus zu?
Niedermayr: An der Rolle des CFO ist vieles neu etikettiert worden. Entscheidend ist jedoch nicht der Titel "strategische:r Partner:in", sondern welche Entscheidungen heute im Finanzressort zusammenlaufen: Soll ein Unternehmen trotz schwacher Nachfrage in neue Kapazitäten investieren? Welche Digitalisierungs- oder KI-Projekte werden finanziert, welche gestoppt? Wo müssen Kosten strukturell sinken, und wo würde Sparen die künftige Wettbewerbsfähigkeit gefährden?
CFOs müssen dabei mehr leisten, als einen Business Case zu prüfen. Sie müssen offenlegen, welche Annahmen eine Investition tragen, welche Risiken das Unternehmen verkraften kann und welche Folgen auch eine unterlassene Investition hätte.
Gerade bei größeren Transformationen kann Finance nicht erst bei der Budgetfreigabe einsteigen und später Abweichungen berichten. Die Finanzfunktion muss bereits beim Zuschnitt des Vorhabens mitwirken: Was soll sich konkret verändern? Welche Effekte sind realistisch? Welche finanziellen und personellen Mittel werden benötigt? Und kann die Organisation das Vorhaben neben dem laufenden Geschäft überhaupt bewältigen? Darin liegt die eigentliche Veränderung: Finanzführung dokumentiert nicht nur, was wirtschaftlich passiert ist. Sie prägt mit, wofür das Unternehmen seine knappen Mittel einsetzt, welche Risiken es eingeht und welche Zukunft es sich damit leisten kann.
LEADERSNET: Sie eröffnen den Austrian CFO Day mit dem Thema "Von Vielgeschäftigkeit zu Vorwärtskraft". Woran erkennen CFOs, ob in ihrem Unternehmen tatsächlich Fortschritt entsteht oder lediglich sehr viel Aktivität herrscht?
Niedermayr: Viele Unternehmen haben heute eher zu viele als zu wenige Themen auf der Agenda: Sie restrukturieren, digitalisieren, automatisieren und investieren in neue Geschäftsfelder. Entscheidend ist jedoch nicht, wie viele Vorhaben gestartet oder umgesetzt werden, sondern welchen messbaren Beitrag sie für das Unternehmen leisten.
Hier kann Finance sehr konkrete Fragen stellen: Verbessert ein Effizienzprogramm tatsächlich die Kostenposition? Erschließt eine Investition neue Ertragspotenziale oder stärkt sie die Wettbewerbsfähigkeit? Macht eine Transformation die Organisation leistungsfähiger? Und erzeugt eine KI-Anwendung einen Produktivitätsgewinn, der ihre Kosten rechtfertigt? Gerade bei Transformationen und Zukunftsinvestitionen zeigt sich das endgültige Ergebnis oft erst nach Jahren. Trotzdem muss von Beginn an klar sein, welchen Beitrag ein Vorhaben leisten soll, welche Zwischenergebnisse erwartet werden und welche Entwicklungen eine Fortsetzung, Anpassung oder Beendigung rechtfertigen.
Vielgeschäftigkeit beginnt dort, wo der Aufwand deutlich sichtbar ist, der Nutzen aber vage bleibt. Fortschritt entsteht, wenn sich ein belastbarer Beitrag zu Ergebnis, Produktivität oder künftiger Wettbewerbsfähigkeit abzeichnet.
LEADERSNET: Ein Schwerpunkt des Programms ist das Entscheiden unter Unsicherheit. Wie können CFOs in einem Umfeld, in dem geopolitische und wirtschaftliche Entwicklungen immer schwerer vorhersehbar werden, dennoch robuste und langfristig tragfähige Entscheidungen treffen?
Niedermayr: Die Antwort kann nicht darin bestehen, Prognosen immer weiter zu verfeinern. Bei geopolitischen Konflikten, abrupten Veränderungen von Handelsströmen oder regulatorischen Eingriffen stößt auch das beste Modell an Grenzen.
Entscheidender ist, verschiedene Entwicklungen konsequent durchzurechnen. Was passiert mit Ergebnis, Liquidität und Finanzierung, wenn ein Absatzmarkt einbricht, Energiepreise steigen oder sich eine Investition verzögert? Welche Maßnahmen wären in den jeweiligen Situationen möglich? Und welche Entscheidung hält nicht nur unter einer optimistischen Annahme, sondern auch bei einem ungünstigeren Verlauf?
Dafür braucht es Szenarien, nachvollziehbare Annahmen und Klarheit über den finanziellen Spielraum. KI kann dabei helfen, größere Datenmengen einzubeziehen, externe Entwicklungen mit internen Einflussgrößen zu verbinden und mehr Varianten schneller zu analysieren. Sie liefert aber keine Gewissheit und übernimmt auch nicht die Verantwortung für die Entscheidung. Die Aufgabe des CFO besteht darin, deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen eine Entscheidung trägt, welche Risiken damit verbunden sind und wann sie neu bewertet werden muss. Das ist für mich der Kern von Decision Momentum.
LEADERSNET: Künstliche Intelligenz zieht sich durch mehrere Programmpunkte des diesjährigen Austrian CFO Day. Wo sehen Sie aktuell den größten konkreten Nutzen von KI in der Finanzfunktion und wo besteht noch eine Lücke zwischen ambitionierten Pilotprojekten und tatsächlicher Umsetzung im Unternehmensalltag?
Niedermayr: KI ist in vielen Unternehmen angekommen, aber noch nicht im operativen Kern. Der EY KI Readiness Check 2026 zeigt: 69 Prozent der befragten österreichischen Unternehmen setzen KI zumindest in Pilotprojekten ein, unternehmensweit skaliert haben sie jedoch erst acht Prozent. Die Zahlen machen die Lücke deutlich: Vieles wird erprobt, aber nur wenige Unternehmen schaffen den Schritt zu einer breiten, produktiven Nutzung.
Im Finanzbereich bieten sich zunächst Aufgaben an, die viel Datenaufbereitung und wiederkehrende Arbeit erfordern. Im Closing kann KI Abstimmungen vorbereiten und Auffälligkeiten erkennen, in Planung und Forecasting Annahmen prüfen und Szenarien berechnen, im Treasury Liquiditätsentwicklungen überwachen. Der größere Nutzen entsteht, wenn Finance dadurch schneller zu relevanten Informationen gelangt und Entscheidungen fundierter vorbereiten kann.
Der Engpass ist dabei häufig nicht die Technologie. Weniger als ein Viertel der im EY KI Readiness Check befragten Unternehmen verfügt über hohes internes KI-Know-how. Mitarbeitende müssen deshalb Gelegenheit bekommen, KI an konkreten Aufgaben auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und Ergebnisse kritisch zu prüfen. Ohne diese praktische Vertrautheit bleibt KI entweder ein Expertenthema oder wird unkritisch eingesetzt. Beides verhindert eine breite Nutzung.
Gleichzeitig braucht es klare Regeln und Verantwortlichkeiten. Je stärker KI in Finanzprozesse eingreift, desto wichtiger werden Datenqualität, Kontrollen und eindeutig geregelte Freigaben. Lernen und Governance dürfen daher nicht nacheinander gedacht werden: Unternehmen müssen die Anwendung von KI ermöglichen und zugleich einen verlässlichen Rahmen für ihren Einsatz schaffen.
Und schließlich muss der wirtschaftliche Nutzen stimmen. Lizenzen, Integration, Datenaufbereitung, Kontrolle und laufender Betrieb verursachen Kosten. Wenn KI lediglich zusätzlich zu den bisherigen Abläufen eingesetzt wird, steigt zunächst der Aufwand. Skalierung ist daher erst dann sinnvoll, wenn klar ist, welche Arbeit tatsächlich entfällt, welche Qualität sich verbessert oder welche Entscheidungen schneller und fundierter getroffen werden können.
LEADERSNET: Neben Transformation geht es heuer stark um Umsetzungskraft. Was unterscheidet Unternehmen, die notwendige Veränderungen tatsächlich konsequent umsetzen, von jenen, bei denen Transformationsprojekte trotz guter Konzepte ins Stocken geraten?
Niedermayr: In der Umsetzung zeigt sich sehr schnell, ob eine Transformation wirklich geführt wird. Es reicht nicht, Maßnahmen zu definieren und deren Status regelmäßig abzufragen. Ein Programm braucht klare Ergebnisziele, Verantwortliche, die tatsächlich entscheiden können, und eine belastbare Verbindung zwischen den einzelnen Maßnahmen und dem erwarteten finanziellen Beitrag.
Ein gutes PMO ist weit mehr als eine Berichtsstelle. Es behält den Gesamtzusammenhang im Blick: Welche Maßnahmen hängen voneinander ab? Wo fehlen Entscheidungen oder werden Ressourcen knapp? Welche erwarteten Beiträge verschieben sich? Wo muss das Management eingreifen? Die Aufgabe des PMO besteht nicht darin, möglichst viele grüne Statusmeldungen zu produzieren, sondern Probleme früh sichtbar zu machen und notwendige Entscheidungen herbeizuführen.
Ebenso wichtig ist, die Umsetzungskraft über die gesamte Laufzeit zu sichern. Zu Beginn eines Programms sind Aufmerksamkeit und Veränderungsbereitschaft meist hoch. Schwieriger wird es nach einigen Monaten, wenn erste Probleme auftreten, das Tagesgeschäft wieder dominiert und unmittelbare Erfolge ausbleiben. Dann braucht es sichtbare Führungspräsenz, nachvollziehbare Fortschritte und die Bereitschaft, Hindernisse konsequent zu beseitigen.
Aus CFO-Sicht kommt ein weiterer Punkt hinzu: Der finanzielle Beitrag darf nicht vom Projektfortschritt getrennt betrachtet werden. Eine Maßnahme ist nicht erfolgreich, weil sie planmäßig abgeschlossen wurde. Entscheidend ist, ob die erwartete Verbesserung bei Kosten, Cashflow, Produktivität oder Ertrag auch tatsächlich eintritt. Genau diese Verbindung aus professionellem Projektmanagement, einem durchsetzungsfähigen PMO und konsequenter Ergebnissteuerung macht für mich Execution Momentum aus.
LEADERSNET: Mit dem Thema Future Leaders in Finance richtet der Austrian CFO Day den Blick auch auf die nächste Generation. Welche Fähigkeiten werden künftige Finanzführungskräfte benötigen und was müssen Unternehmen heute tun, um diese Talente auf Führungsverantwortung vorzubereiten?
Niedermayr: Future Leaders werden eine Finanzfunktion führen, in der viele Arbeitsschritte durch KI unterstützt und andere weitgehend automatisiert werden. Damit stehen sie vor einer sehr konkreten Gestaltungsaufgabe: Welche Arbeit übernimmt das System, an welchen Stellen bleibt menschliche Beurteilung unverzichtbar und wie verändern sich dadurch Rollen im Team?
Unternehmen müssen sich frühzeitig damit beschäftigen. Wenn KI Daten aufbereitet, Abweichungen analysiert und erste Handlungsoptionen entwickelt, verschiebt sich der Beitrag der Mitarbeitenden. Sie müssen relevante Fragen formulieren, Ergebnisse auf Plausibilität prüfen, Zusammenhänge erkennen und Konsequenzen für das Geschäft ableiten können. Diese Fähigkeiten entstehen nicht automatisch dadurch, dass ein Unternehmen neue Software einführt.
Future Leaders müssen deshalb nicht nur selbst mit KI arbeiten können. Sie müssen erkennen, welche Aufgaben im Team wegfallen, welche anspruchsvoller werden und wo neue Fähigkeiten aufgebaut werden müssen. Dazu gehören passende Aufgaben, Lerngelegenheiten und vor allem praktische Erfahrung in der Zusammenarbeit mit KI.
Künftige Führungskräfte müssen auch die Wirtschaftlichkeit von KI im Blick behalten. Neben Lizenzkosten fallen Aufwände für Datenaufbereitung, Integration, Kontrolle und laufenden Betrieb an. Deshalb verbessert nicht jede technisch mögliche Anwendung automatisch die Leistung der Finanzfunktion. Future Leaders müssen das neue Zusammenspiel von Mensch und KI gestalten, ihre Teams auf veränderte Aufgaben vorbereiten und sicherstellen, dass der wirtschaftliche Nutzen mit den technologischen Möglichkeiten Schritt hält.
LEADERSNET: Nach zehn Jahren Austrian CFO Day haben Sie die Entwicklung der CFO-Community sehr unmittelbar begleitet. Was hat sich in dieser Zeit am stärksten verändert und welche Themen werden die CFO-Agenda in den kommenden Jahren Ihrer Einschätzung nach prägen?
Niedermayr: Als wir den Austrian CFO Day vor zehn Jahren gestartet haben, war er als umfassendes CFO-Update konzipiert: ein 360-Grad-Blick auf Finanzierung, Controlling, Reporting, Regulierung, Technologie und Organisation.
Dieser Überblick bleibt wichtig. Heute geht es jedoch stärker darum, die CFO-Agenda als zusammenhängendes Steuerungssystem zu verstehen. Investitionen, Finanzierung, Risiko, Liquidität, Technologie, Prozesse und Kompetenzen lassen sich nicht isoliert betrachten.
CFOs müssen Stabilität sichern, Kapital wirksam einsetzen, Transformationen vorantreiben und die Organisation leistungsfähiger machen. Ihre Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und daraus eine konsistente Steuerungsagenda abzuleiten.
Auch der Austrian CFO Day hat sich in diese Richtung entwickelt: Wir betrachten stärker, wie Entscheidungen, Investitionen, Umsetzung, Transformation und Führung zusammenwirken. Im Mittelpunkt steht dabei eine praktische Frage: Was brauchen CFOs und ihre Teams, um leistungsfähig zu bleiben und das Unternehmen voranzubringen? Denn genau daran wird sich Finanzführung auch in Zukunft messen lassen.
LEADERSNET: Vielen Dank!
Weitere Informationen zum Austrian CFO Day finden Sie hier.
www.controller-institut.at
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