Katharina Koßdorff im Interview
Zuckersteuer: Höhere Preise lösen das Problem nicht

Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie der WKÖ, erklärt, warum eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke gesundheitspolitisch ins Leere läuft, den Einkauf verteuert und an den Ursachen von Übergewicht vorbeigeht.

KEYaccount: Frau Koßdorff, aus der Politik kommen Rufe nach einer Zuckersteuer auf Getränke. Wie bewerten Sie das?

Katharina Koßdorff: Als eine Maßnahme, die gut klingt und in der Praxis nichts bewirkt. Wir sehen bislang in keinem Land, dass die Einführung einer Zuckersteuer zu sinkenden Übergewichts- und Adipositasraten geführt hätte, weder in Mexiko und Chile noch in Frankreich oder Großbritannien. Die WHO hat sogar 2024 festgehalten, dass belastbare Belege für einen Lenkungseffekt fehlen. In Mexiko sank der Kalorienkonsum um nur rund sechs Kalorien pro Tag und in Großbritannien sind es bei Kindern nur zwölf Kalorien und circa 20 bei Erwachsenen. Mit solch geringen Effekten lässt sich keine so weitreichende Maßnahme argumentieren.

KEYaccount: Wer eine Steuer befürwortet, verweist auf den gesunkenen Zuckergehalt in britischen Softdrinks. Ist das kein Erfolg?

Koßdorff: Ein geringerer Zuckergehalt allein sagt noch nichts über den gesundheitlichen Effekt aus. Eine Zuckersteuer setzt einen Anreiz, den Zuckergehalt im Produkt zu senken, verändert aber nicht automatisch das Konsumverhalten. Selbst wenn eine solche Abgabe den Konsum lenken sollte, wäre die Kalorienreduktion zu gering, um positive Effekte für die Gesundheit zu bewirken. Die durch die britische Zuckersteuer erwirkte Kalorieneinsparung aus dem Getränkekonsum liegt nämlich sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen gerade mal bei rund ein Prozent der empfohlenen täglichen Gesamtenergieaufnahme. Dass die britische Zuckersteuer kein Erfolgsmodell ist, zeigen die Zahlen: Der Anteil der Übergewichtigen in England ist dadurch nicht gesunken.

KEYaccount: Was würde eine Zuckersteuer für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeuten?

Koßdorff: Sie würde den Einkauf verteuern, und zwar für alle. Mit der Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel wollte die Regierung die Lebensmittelkosten reduzieren, eine Zuckersteuer würde sie jetzt wieder erhöhen, und das in Zeiten, in denen Inflation und multiple Krisen die Preise ohnehin treiben. In Deutschland wurde sogar absurderweise diskutiert, Cola Zero, Haferdrinks, Fruchtsäfte und alkoholfreies Bier von in die Steuer einzubeziehen, mit Aufschlägen von bis zu 36 Prozent.

KEYaccount: Die Branche reduziert Zucker seit Jahren freiwillig. Wie weit ist das gekommen?

Koßdorff: Weiter, als die Debatte vermuten lässt, und das ganz ohne Steuer. Der Zuckerkonsum pro Kopf ist seit Mitte der 1990er-Jahre um rund 30 Prozent gesunken und liegt mit 26,8 Kilogramm pro Jahr unter dem EU-Durchschnitt von 33,2 Kilogramm. Die heimische Getränkeindustrie hat ohne gesetzlichen Zwang den durchschnittlichen Zuckergehalt bei Erfrischungsgetränken über die vergangenen Jahre bereits kontinuierlich um ein Drittel reduziert, allein im Rahmen einer Brancheninitiative zwischen 2015 und 2025 um 15 Prozent. Durch die schrittweise Reduzierung des Zuckers über eine längere Zeit könnten die Konsumentinnen und Konsumenten sich an den neuen Geschmack der Getränke gewöhnen. Zusätzlich verstärken auch die neuen Ernährungstrends hin zu weniger Kalorien und einem gesunden Leben im Sinne von Longevity diese Entwicklungen. 

KEYaccount: Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Koßdorff: Wir müssen stärker bei den tatsächlichen Risikofaktoren ansetzen. Eine aktuelle britische Studie mit 54 Millionen Erwachsenen zeigt, dass Übergewicht und Adipositas besonders häufig Menschen mit niedrigerem Einkommen und geringerer Ernährungskompetenz betreffen. Statt pauschal Produkte für alle zu verteuern, gibt es Lösungsansätze: Ernährungsbildung in Schulen, kleinere Portionsgrößen und zielgerichtete Prävention wirken. Von einer Zuckersteuer bliebe nur eine Belastung der gesamten Wertschöpfungskette, vom Zuckerrübenanbau über die letzte heimische Zuckerfabrik bis zur Lebensmittelindustrie mit ihren 27.500 Beschäftigten. Nicht jede neue Steuer ist automatisch wirksame Gesundheitspolitik.

www.wko.at

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