Geopolitische Spannungen, steigende Auflagen sowie die Klimakrise samt Trockenperioden und Ernteausfällen setzen den heimischen Lebensmittelsektor zunehmend unter Druck. Hinzu kommt, dass Konsument:innen immer genauer auf Herkunft und Umweltbilanz ihrer Lebensmittel achten. Wie sich die Branche darauf einstellen kann, stand am Dienstag, dem 13. Oktober, im Mittelpunkt des 17. qualityaustria Lebensmittelforums im Wiener Ares Tower.
Normen im Wandel
Begrüßt wurden die zahlreich erschienenen Branchenvertreter:innen von Wolfgang Leger-Hillebrand, Leiter des Branchenmanagements Lebensmittelsicherheit bei Quality Austria Certification, der in seiner Eröffnungsrede betonte: "Es bedarf eines ganzheitlichen Verständnisses dafür, wie heute Sicherheit entlang der gesamten Lebensmittelkette gewährleistet werden kann." Demnach sei Lebensmittelsicherheit mehr als die Einhaltung von Vorschriften.
Bei ebendiesen Vorschriften hat sich heuer übrigens einiges getan: Mit der Version 7 des FSSC 22000, dem neuen IFS Local Check sowie den überarbeiteten Fassungen von ISO 9001 (Qualitätsmanagement) und ISO 14001 (Umweltmanagement) wurden gleich mehrere zentrale Standards aktualisiert oder neu eingeführt. Für Leger-Hillebrand ist das allerdings nur die halbe Miete. "Trotz aller Standardisierungen und Normierungen können wir nicht jeden Bereich reglementieren. Haltung beginnt dort entscheidend zu sein, wo Kontrolle nicht mehr ausreicht oder auch nicht möglich ist. Das bedeutet, dass Lebensmittelsicherheit dort entsteht, wo verantwortungsvolles Handeln Vertrauen schafft."
Widerstandsfähigkeit wird zum Standortfaktor
Einen grundlegenden Perspektivenwechsel forderte Rainer Haas vom Institut für Marketing und Innovation der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in seinem Vortrag. Nicht Kosten und Effizienz sollten künftig der Maßstab sein, vielmehr gehe es um die Frage: "Wie können wir Lebensmittel auch unter erheblichen Störungen zuverlässig, leistbar und nachhaltig bereitstellen?" Widerstandsfähigkeit wird damit für Haas zu einem Wettbewerbsfaktor, um den sich der Sektor selbst kümmern muss, statt sie allein der staatlichen Krisenvorsorge zu überlassen.
"Österreich braucht keine maximale Autarkie, sondern maximale Krisenfähigkeit: eine vielfältige, klimafitte Landwirtschaft, robuste regionale Wertschöpfungsketten und diversifizierte internationale Partnerschaften", so Haas. Ergänzt werden müsse dieser Mix durch strategische Reserven und ein intelligentes Krisenmanagement. Ähnlich argumentiert die aktuelle EU-Forschung zur Ernährungssicherheit, die dazu rät, die Versorgung in Szenarien und Stresstests daraufhin zu überprüfen, ob sie auch mehrere Krisen gleichzeitig verkraftet.
Mikroplastik in der Nahrungskette
Einen Faktencheck zu Mikroplastik lieferte im Anschluss Ulrike Mayerhofer von der Abteilung Risikobewertung der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). "Wir wissen heute deutlich mehr über Mikroplastik als vor zehn Jahren. Gleichzeitig gibt es immer noch Wissenslücken und Fragen, die es in Zukunft zu beantworten gilt", so die Expertin. Sie erklärte, dass sich Kunststoffpartikel mittlerweile praktisch überall finden ließen, in Böden ebenso wie in der Luft und im Meer. Nur ein Teil stamme aus Produkten wie Kosmetika oder Waschmitteln, denen sie gezielt zugesetzt werden. Der Großteil bilde sich, wenn Verpackungen, Textilien oder Autoreifen abgerieben werden oder zerfallen. Da auch in Fischen und Meeresfrüchten geringe Mengen gemessen wurden, liege eine Aufnahme über die Nahrung nahe, die gesundheitlichen Folgen seien aber noch nicht ausreichend geklärt.
"Eine umfassende Abschätzung des Risikos von Mikroplastik kann erst erfolgen, wenn die Nachweismethoden verbessert sind und belastbare Daten zur Aufnahme über die Nahrung sowie zu den Auswirkungen auf den Menschen vorliegen", betonte Mayerhofer. Bis dahin warb sie für eine sachliche, auf Fakten gestützte Debatte ohne Panikmache. Zugleich riet sie zu Maßnahmen, die Mikroplastik im Sinne des vorsorglichen Verbraucherschutzes verringern.
Was Sicherheit mit einer ehrlichen Diskussionskultur zu tun hat
Bei aller thematischen Bandbreite zog sich ein zentraler Gedanke durch sämtliche Vorträge: Sicherheit in der Lebensmittelkette hängt künftig ebenso an einer ehrlichen Diskussionskultur, an krisenfesten Abläufen und an der Fähigkeit, unter Druck rasch richtig zu entscheiden.
"Resiliente Lebensmittelsicherheit entsteht nicht durch das bloße Abhaken von Checklisten, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und Risiken ansprechen. Lebensmittelsicherheit ist nicht nur das, was wir kontrollieren. Sie ist das, wofür wir Verantwortung übernehmen, und dort, wo Verantwortung gelebt wird, entsteht Vertrauen", so Leger-Hillebrand abschließend.
Eindrücke vom Lebensmittelforum sehen Sie in Kürze in unserer Galerie.
www.qualityaustria.com
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