Interview mit Logistikexperte Andreas Bayer
"Meine Herausforderung ist es, Mehrweg in die Breite zu bringen"

Andreas Bayer leitet seit Februar 2025 den Logistikverbund Mehrweg (LMW) bei GS1 Austria. Der frühere Rewe-Logistiker spricht über die erfolgreiche Standardisierung der 0,33-Liter-Mehrweg-Bierflasche, die Auswirkungen des Einwegpfands und darüber, warum Mehrweg weit über Getränke hinausgeht.

KEYaccount: Sie waren drei Jahrzehnte für die Rewe tätig. Seit Februar 2025 leiten Sie den Logistikverbund Mehrweg. Wie war der Einstieg in dieses Thema für Sie?

Andreas Bayer: Der Einstieg war sehr gut. Ich wurde im Team bestens aufgenommen und die Arbeit macht großen Spaß. Überrascht hat mich vor allem die Vielfalt des Sektors Mehrweg. Sie geht weit über das hinaus, was sich der normale Bürger darunter vorstellt. Meine Herausforderung besteht darin, sinnvolle Mehrwegsysteme in die Breite zu bringen und sie in möglichst vielen Branchen zu etablieren. Widerstände gibt es natürlich überall. Umstellungen sind für Unternehmen und Konsument:innen nie einfach. Gleichzeitig gibt es erfolgreiche Beispiele aus der Vergangenheit. Bei Fußball-Großveranstaltungen waren Einweg-Kunststoffbecher vor zwanzig Jahren noch selbstverständlich. Heute sind Mehrwegbecher in Stadien kaum mehr wegzudenken. Der Wechsel wurde akzeptiert und funktioniert.

KEYaccount: Der LMW arbeitet an einer sehr breiten Palette von Themen. Welche Projekte haben derzeit die größte praktische Relevanz für Handel und Hersteller?

Bayer: Ein echtes Leuchtturmprojekt war die Umstellung der 0,33-Liter-Bierflasche von Einweg auf Mehrweg. Der Logistikverbund Mehrweg hat hier als neutrale Plattform die unterschiedlichen Stakeholder an einen Tisch gebracht: Brauereien, Flaschen- und Kistenhersteller, Automatenhersteller sowie Handelsunternehmen. Der Handel hatte verständlicherweise den Wunsch, nicht für jede Brauerei eine eigene 0,33-Liter-Mehrwegflasche führen zu müssen. Durch das Commitment der großen Brauereien ist es gelungen, eine gemeinsame Lösung zu definieren. Das war auch technisch anspruchsvoll: Flasche, Kiste und Rücknahmeautomaten mussten aufeinander abgestimmt werden. Rücknahmeautomaten erkennen etwa nicht das Etikett, sondern Abmessungen und weitere Merkmale des Gebindes.

KEYaccount: Wie gut hat sich diese Mehrwegflasche inzwischen etabliert?

Bayer: Inzwischen hat sich das System sehr gut eingespielt. Die Qualität der Flasche passt, die Akzeptanz ist da. Heute ist die 0,33-Liter-Mehrweg-Bierflasche kaum mehr wegzudenken. Auch deutsche Kolleg:innen beneiden Österreich um diese Lösung, weil es gelungen ist, ein großes Volumen auf ein gemeinsames Gebinde zu bringen.

KEYaccount: Wo liegen bei der Einführung neuer Mehrwegsysteme die größten Engpässe?

Bayer: Es geht nicht nur um das Gebinde selbst. Entscheidend sind die Systeme dahinter: IT-Systeme ebenso wie die physischen Kreisläufe. Bei der Bierflasche war es vergleichsweise einfach, weil es die Rücknahme- und Logistikwege bereits gab. Konsument:innen kannten Mehrwegflaschen, die Filialen nahmen sie zurück und die Brauereilogistik war etabliert.

Bei neuen Systemen ist das schwieriger. Einweg wird gekauft, konsumiert und entsorgt. Beim Mehrweg muss das Gebinde zurückgebracht, gesammelt, gereinigt, sortiert und wieder zum Produzenten transportiert werden. Das verlangt funktionierende Kreisläufe und auch die Bereitschaft der Kund:innen, ihren Teil dazu beizutragen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Mehrweg erhält Material und Form. Eine Mehrweg-Glasflasche wird nicht eingeschmolzen und neu produziert, sondern wieder verwendet. Recycling bleibt wichtig, führt aber häufig zu Downcycling. Aus einem gebrauchten Material entsteht nicht immer wieder ein gleichwertiges neues Produkt.

KEYaccount: Bei Wasser und alkoholfreien Getränken dominiert weiterhin Einweg. Wie kann Mehrweg dort stärker werden?

Bayer: Die zentrale Frage ist immer: Welche Notwendigkeit gibt es? Regulatorische Vorgaben können Veränderung beschleunigen. Bei der 0,33-Liter-Bierflasche spielte das politische Ziel, Mehrweg zu stärken, eine wichtige Rolle. Wirtschaftlich wird Mehrweg attraktiver, wenn Rohstoffe und Einwegverpackungen durch CO₂-Kosten, regulatorische Vorgaben oder andere Faktoren teurer werden. Freiwilligkeit allein ist schwierig, auch weil Konsument:innen Anreize brauchen. Wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen passen, wird der Handel gemeinsam mit der Industrie stärker umstellen.

KEYaccount: Welche Auswirkungen hatte die Einführung des Einwegpfands im Jahr 2025 auf den Mehrweggedanken?

Bayer: Das Einwegpfand hat den Umgang mit Getränkeverpackungen verändert. Für viele, vor allem ältere Konsument:innen, war das System leicht verständlich, weil sie Pfand schon kannten. Bei einem Teil der jüngeren Generation war anfangs eher die Haltung zu beobachten, eine leere Dose sei kaum etwas wert. Das hat sich inzwischen deutlich verbessert.

Heute ist das Pfandsystem gelebte Praxis. Die großen Diskussionen der Anfangsphase sind weitgehend verschwunden. Es hilft auch gegen Littering, weil leere Verpackungen zurückgebracht oder von Pfandsammler:innen eingesammelt werden. Für den Handel war die Einführung mit beträchtlichen Investitionen verbunden, etwa in Rücknahmeautomaten. Das System finanziert sich jedoch selbst, unter anderem über nicht eingelöste Pfandbeträge. Für Mehrweg schafft das Einwegpfand jedenfalls mehr Bewusstsein dafür, dass Verpackungen einen Wert haben und in einen Kreislauf zurückkehren sollen.

KEYaccount: Ein wichtiges Thema ist Mehrweg to go. Woran arbeitet der LMW hier konkret?

Bayer: Wir sprechen bewusst nicht mehr nur von Coffee to go, sondern von Mehrweg to go. Es geht um Becher für Kaffee und andere Getränke, um Event- und Gastronomiebecher, aber auch um Speisenbehälter. Wer sich etwa einen Salat aus einer Salatbar mitnimmt, erhält ihn meist in einer Einweg-Kunststoffschale. Auch dafür braucht es künftig praxistaugliche Mehrweglösungen.

Ein weiteres Beispiel sind Pizza-Boxen. Kartons fallen in großen Mengen an und sind durch Fett und Speisereste oft nicht einfach zu verwerten. Für Stammkund:innen einer Pizzeria gibt es bereits Mehrwegboxen, die nach der Rückgabe gereinigt und erneut eingesetzt werden können. Solche Systeme müssen sich wirtschaftlich rechnen und leicht in den Alltag integrieren lassen.

KEYaccount: Welche Rolle spielt die EU-Verpackungsverordnung dabei?

Bayer: Die PPWR wird die Entwicklung weiter vorantreiben. Sie erhöht den Druck, Verpackungsabfälle zu reduzieren und sich mit Mehrweg- und Wiederverwendungslösungen auseinanderzusetzen. Für bestimmte Bereiche, etwa Take-away-Speisen und Getränke, sind bereits zusätzliche Anforderungen absehbar. Viele Fragen sind aber noch nicht endgültig geklärt. Die Verordnung ist nicht in allen Punkten so konkret, wie es Unternehmen für ihre Investitionsentscheidungen benötigen würden. Deshalb hat der LMW eine eigene Arbeitsgruppe zur PPWR mit Fokus Mehrweg eingerichtet. Ziel ist, Interpretationsspielräume zu klären und den Unternehmen möglichst konkrete Orientierung zu geben.

KEYaccount: Sie nennen auch Pflanzentrays, Blumenbehälter und Displays als Mehrwegfelder. Wo sehen Sie hier das größte Potenzial?

Bayer: In der grünen Branche gibt es bereits Mehrweg-Pflanzentrays. Kund:innen kaufen etwa Pelargonien in einem Tray, bringen diesen beim nächsten Besuch zurück und schließen damit den Kreislauf. Ähnliches ist bei Behältern für Schnittblumen denkbar. Auch bei Displays im Handel gibt es Potenzial. Viele Aktionsaufsteller bestehen heute aus Karton und werden nach Ende der Aktion entsorgt. Für schwere Produkte kann ein Mehrwegdisplay wirtschaftlich sinnvoll sein, weil der Karton dafür besonders stabil und damit teuer sein müsste. Gemeinsam mit Herstellern, Handel und Produzenten arbeiten wir daran, solche Lösungen praxistauglich zu gestalten.

KEYaccount: Der LMW bringt Unternehmen mit teils unterschiedlichen Interessen zusammen. Welche Rolle übernehmen Sie dabei?

Bayer: "Katalysator" trifft es gut. Wir bringen die Beteiligten zusammen, schaffen einen neutralen Rahmen und sorgen dafür, dass technische, wirtschaftliche und organisatorische Fragen gemeinsam gelöst werden. Beim Projekt Mehrwegdisplay saßen etwa Hersteller, Handel und weitere Beteiligte an einem Tisch und diskutierten Kosten und Nutzen. Am Ende braucht es sichtbare Projekte, die funktionieren. Wenn ein großer Produzent eine Mehrweglösung umsetzt, denken andere Unternehmen ebenfalls darüber nach. Genau so kommt ein Thema Schritt für Schritt in die Breite.

Mehr über die Aktivitäten des Logistikverbundes Mehrweg unter: www.lmw.at

www.gs1.at

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