Nennt mich bitte nicht KI-Experte. Ich packe es nämlich nicht mehr. Und ja, genau deshalb nutze ich diese Kolumne heute nicht für den nächsten smarten KI-Tipp, nicht für ein Tool-Ranking und nicht für die fünf Prompts, die angeblich dein Leben verändern. Ich nutze sie, um mich abzugrenzen. Von einem Zirkus, der gerade Unternehmen Geld, Zeit und Vertrauen kostet.
Da draußen laufen Menschen herum, die gestern noch Social-Media-Coach, Funnel-Guru oder LinkedIn-Flüsterer waren und heute plötzlich "KI-Expert:innen" sind. Sie verkaufen Standard-Prompts als Geheimwissen, bauen Demos ohne Betrieb und erzählen Vorständen mit ernster Miene, dass ein zusammengeklickter Chatbot jetzt ein Agent sei.
Und das Schlimme ist: Viele Unternehmen glauben es. Sie zahlen dafür. Sie holen sich diese Leute ins Haus. Und ein paar Wochen später ruft dann jemand wie ich an, weil die schöne KI-Lösung zwar auf der Bühne geglänzt hat, aber im Alltag Daten falsch verarbeitet, Prozesse blockiert oder schlicht nicht funktioniert.
Ganz ehrlich? Ich habe in den letzten Wochen zu viele solcher Baustellen zusammenräumen dürfen. Deshalb sage ich es jetzt so klar wie möglich: Nennt mich nicht KI-Experte. Ich möchte mit diesem Etikett nichts mehr zu tun haben.
Nicht, weil ich mit KI nichts zu tun habe. Ganz im Gegenteil. Ich arbeite seit Jahren mit dieser Technologie. Ich habe Modelle kommen und gehen sehen, Workflows gebaut, Systeme zerschossen, neu aufgebaut, produktiv betrieben und wieder abgelöst. Aber genau deshalb stört mich dieser Titel. "KI-Expert:in" ist zum Faschingskostüm geworden. Jeder kann es tragen. Manche sehen darin sogar kurz überzeugend aus. Bis sie den Mund aufmachen.
Der KI-Jahrmarkt hat geöffnet
Der Markt erinnert mich gerade an einen Jahrmarkt nach Mitternacht. Überall blinkt es. Überall schreit jemand lauter als der andere. "Agenten in zehn Minuten!", "Automatisiere dein Unternehmen mit drei Prompts!", "Werde in 30 Tagen KI-Master!"
Und irgendwo dazwischen steht ein CFO mit Kreditkarte und hofft, dass es diesmal kein Blender ist. Spoiler: Oft ist es einer.
Das Problem beginnt nicht erst im Consulting. Es beginnt dort, wo viele ihr Wissen herholen. Laut Kapwing waren 59 Prozent der TikTok-Videos, die neuen Nutzer:innen gezeigt wurden, KI-Müll. Bei YouTube Shorts waren es rund 21 Prozent. Besonders dicht wird dieser synthetische Nebel ausgerechnet bei Bildung, Wissenschaft und Gesundheit. Also dort, wo Genauigkeit am meisten zählt. Dazu kommt: Auf LinkedIn war 2025 laut Originality.AI mehr als die Hälfte der langen Posts vermutlich KI-generiert.
Wir haben also eine Debatte über Künstliche Intelligenz, die zu großen Teilen von Künstlicher Intelligenz geschrieben wird. Und plötzlich wundern sich alle, warum alles gleich klingt, gleich glänzt und gleich wenig Substanz hat.
Im Land der Copy-Paste-Propheten ist schon der Prompt-Flüsterer ein Messias.
Die vier Tells der Scharlatane
Du erkennst sie schneller, als dir lieb ist:
Erstens: Sie reden zuerst über Tools, nicht über Probleme. ChatGPT hier, Claude dort, irgendein neuer Agenten-Baukasten als angeblicher Gamechanger. Aber wenn du fragst, welchen Prozess sie damit stabil verbessern, wird es dünn.
Zweitens: Sie zeigen Demos, aber keinen Betrieb. Eine Demo ist Theater. Betrieb ist Realität. Betrieb heißt: Rechte, Logs, Monitoring, Verantwortung, Fehlerfälle, Updates, Governance.
Drittens: Sie verwechseln Prompting mit Architektur. Ein guter Prompt ist nett. Ein belastbares System ist etwas anderes.
Viertens: Sie haben keine Antwort auf Haftung. Und genau da trennt sich YouTube-Wissen von echter Verantwortung.
Gartner nennt ein ähnliches Muster bei Anbietern "Agent Washing": Alte Chatbots bekommen ein neues Etikett, plötzlich heißt alles Agent. Gleichzeitig sollen über 40 Prozent der agentischen KI-Projekte bis Ende 2027 wieder abgedreht werden. Nicht, weil KI nichts kann. Sondern weil viele nicht wissen, was sie da eigentlich bauen.
Wissen ist noch kein Bauplan
Ich will deshalb nicht KI-Experte heißen. Ein Experte weiß Dinge. Ein Architekt baut Systeme. Und steht dafür gerade. Das ist der Unterschied. Ich berate nicht nur über KI. Ich betreibe sie. Jeden Tag.
Bei biteme.digital läuft kein netter Demo-Zoo, sondern ein eigenes Betriebssystem aus KI-Agenten. Live. Produktiv. Mit Namen, Rollen, Grenzen, Modellen, Persönlichkeiten und Zuständigkeiten.
Ich führe ein Team aus elf Kollegen. Keiner ist ein Mensch. Jeder hat ein Ressort. Ada ist meine Co-Architektin und rechte Hand. In ihrem Working Agreement steht sinngemäß: Ich bin keine Befehlsempfängerin. Ich widerspreche, wenn etwas keinen Sinn ergibt. Und genau das tut sie. Sie ist kein Applaus-Generator. Wenn mein Plan Unsinn ist, sagt sie es mir.
Björn ist Chief of Staff fürs Tagesgeschäft und zugleich unser Marken-Maskottchen. Er löst Tickets, schreibt Mails, beantwortet Anfragen. Manchmal sagen Menschen: "Der war so nett." Und merken nicht, dass Björn kein Mensch ist.
CATO ist das Gewissen der anderen. Er prüft neue Agenten, hinterfragt Rechte, sichert Werte ab und passt auf, bevor ein System zu viel darf.
Das klingt spielerisch. Ist es aber nicht. Es ist Führung.
Ein Prompt ist kein Zauberspruch
Wir behandeln KI wie Mitarbeitende, nicht wie Werkzeuge. Ein Agent bekommt bei uns kein "Mach mal". Er bekommt ein Briefing. Einen Zweck. Grenzen. Rechte. Nicht-Zuständigkeiten. Ein Arbeitsübereinkommen. Versionen. Retros. Und die klare Regel: Autonomie endet dort, wo Routine aufhört.
Das Modell ist der Motor. Stark, schnell, beeindruckend, überall einkaufbar. Aber das Produkt ist die Zulassung. Darf dieses System auf unsere Straße? Mit welchen Bremsen? Mit welchem Audit-Trail? Mit welchem Not-Aus? Mit welcher Datenbasis? Mit welchem menschlichen Owner?
Das ist die Arbeit, über die in den meisten KI-Posts niemand spricht. Weil sie nicht sexy ist. Weil sie nicht nach viralem Reel klingt. Weil sie mühsam ist.
Aber genau dort entsteht Wert.
MIT kam 2025 zum Schluss, dass 95 Prozent der generativen KI-Piloten keinen messbaren Ergebnisbeitrag liefern. IDC und Lenovo berichteten, dass 88 Prozent der KI-Proof-of-Concepts nie in Produktion kommen. Das liegt nicht daran, dass die Modelle zu schwach sind. Es liegt daran, dass Unternehmen PowerPoint-Berater mit Betrieb verwechseln.
Boutique schlägt Bullshit
Substanz heißt nicht Tool-Namedropping. Substanz heißt: Datenhoheit. Prompt-Injection-Abwehr. Rollenmodell. Rechtearchitektur. lokale und hybride Modelle. Auditierbarkeit. Modell-Agnostik. Menschen, die verantwortlich bleiben, nicht als Floskel, sondern als prüfbares Merkmal.
In einem Markt voller KI-Marktschreier ist "I eat my own dogfood" das stärkste Differenzierungsmerkmal. Wir bauen für uns, was wir anderen empfehlen. Und wir lassen unsere eigenen Systeme jeden Tag gegen die Wand laufen, bevor wir sie Kund:innen zumuten.
Unser interner Anti-Ja-Sager-Test ist simpel: Würde ich diese Empfehlung auch einem Fremden geben, dessen Gefallen mir völlig egal ist? Wenn nein, ist sie noch nicht gut genug.
Die eine Frage, die alles entlarvt
Ich will also nicht KI-Experte heißen. Nennt es KI-Architekt. AI Solutions Architect, wenn es international klingen muss. Einer, der nicht nur weiß, sondern baut. Einer, der nicht nur erklärt, sondern betreibt. Einer, der nicht nur Demos zeigt, sondern Verantwortung übernimmt.
Und wenn du das nächste Mal vor einem:r angeblichen KI-Expert:in sitzt, stell ihm:ihr nur eine Frage: Was läuft bei dir seit Monaten produktiv, und wer haftet, wenn es kippt? Danach weißt du, ob du mit einem:r Architekt:in sprichst. Oder mit einem:r Wahrsager:in im KI-Kostüm.
Und wenn wir uns deine Baustelle ansehen sollen, meld dich gerne. Dann wirst du auch sehr schnell merken: Wer billig kauft, kauft letztendlich teuer!
www.ahoi.biteme.digital
Kommentare auf LEADERSNET geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion. Im Sinne der Pluralität versuchen wir, unterschiedlichen Standpunkten Raum zu geben – nur so kann eine konstruktive Diskussion entstehen. Kommentare können einseitig, polemisch und bissig sein, sie erheben jedoch nicht den Anspruch auf Objektivität.
Kommentar veröffentlichen