LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Brunner, die Sommer werden aufgrund des Klimawandels immer heißer – was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Fehler, die Menschen beim Hitzeschutz ihrer Wohnung bzw. ihres Hauses machen?
Christina Brunner: Oft liegt der Fokus auf kurzfristigen Maßnahmen, während langfristige Lösungen zu wenig Beachtung finden. Viele Menschen versuchen, heiße Räume im Sommer mit Ventilatoren, kalten Getränken oder improvisierten Lösungen erträglicher zu machen. Das lindert kurzfristig, löst aber nicht das eigentliche Problem: Die Hitze sollte bereits abgehalten werden, bevor sie in den Wohnraum gelangt. Entscheidend sind daher gute Dämmung, ein durchdachtes Lüftungskonzept und vor allem außenliegender Hitzeschutz an den Fenstern. Außen ist wirksamer als innen, weil die Sonnenstrahlen gar nicht erst auf die Scheibe treffen und somit den Raum aufheizen. Gerade im Dachgeschoss macht das einen großen Unterschied: Ein außenliegender Rollladen kann die Temperatur im Dachgeschoss um bis zu 5,3 Grad Celsius senken, wie eine Velux Simulation gezeigt hat. Ist die Hitze erst einmal im Raum, sind die Möglichkeiten zur wirksamen Kühlung deutlich begrenzter.
LEADERSNET: Klimaanlagen schlagen sich auf die Energiekosten nieder und treiben diese in die Höhe. Wie lässt sich ein Gebäude mithilfe von intelligenten Hitzeschutz- und Fensterkonzepten ganz ohne stromfressende Geräte sommertauglich halten?
Brunner: Der wirksamste Ansatz ist die passive Kühlung, also vorhandene natürliche Ressourcen wie kühle Nachtluft, Speichermassen im Gebäude und außenliegenden Sonnenschutz intelligent zu nutzen. Wie effektiv das sein kann, wurde gemeinsam mit Wissenschaftler:innen im Forschungsprojekt "Ventilative Cooling" untersucht. Dabei wurden zwei baugleiche Testhäuser mit Ziegelwänden und außenliegender Beschattung an den Fenstern über mehrere Jahre hinweg mit mehr als 200 Sensoren unter Realbedingungen analysiert. Das Forschungsprojekt kam zum Schluss, dass es am wirksamsten ist, nachts gezielt zu lüften und tagsüber die Hitze konsequent draußen zu halten. Das Lüften in der Nacht kühlt nicht nur die Raumluft, sondern auch Wände, Decken und andere Speichermassen. Diese geben die gespeicherte Kühle tagsüber wieder ab und helfen so, die Innenräume passiv zu temperieren. In Kombination mit außenliegendem Hitzeschutz entsteht ein sehr wirkungsvolles System – ganz ohne energieintensive Klimaanlage.
LEADERSNET: Die Energiekosten und der CO₂-Ausstoß müssen sinken. Warum ist der Verzicht auf mechanische Klimaanlagen durch den Einsatz intelligenter, natürlicher Lüftungskonzepte nicht nur ein ökologischer, sondern vor allem ein handfester wirtschaftlicher Gewinn für Bauherr:innen?
Brunner: Ein Lüftungs- und Hitzeschutzkonzept senkt langfristig die Betriebskosten eines Gebäudes. Wer im Winter gezielt stoßlüftet und im Sommer die kühlen Nachtstunden nutzt, spart Energie und damit Geld. Besonders für Bauherr:innen ist das relevant, weil Entscheidungen in der Planungsphase jahrzehntelang nachwirken. Ein gut geplantes Gebäude braucht im Sommer weniger aktive Kühlung, bleibt komfortabler und ist langfristig resilienter gegenüber steigenden Temperaturen. Das ist ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich sehr handfest.
LEADERSNET: Wer die Hitze fürchtet, dunkelt Räume tagsüber komplett ab. Müssen wir im Sommer zwangsläufig im Dunkeln sitzen, um die Wohnung kühl zu halten, oder wie gelingt die Balance aus Licht und Hitzeschutz?
Brunner: Entscheidend ist, abhängig von Raum, Tageszeit und persönlichem Empfinden die richtige Balance zu schaffen. Tageslicht ist enorm wichtig für unsere körperliche und geistige Gesundheit. Laut dem Velux Future of Home Report 2026 (LEADERSNET berichtete) geben 42 Prozent der Österreicher:innen an, dass zu wenig Tageslicht ihr Wohlbefinden beeinträchtigt. Dem gegenüber stehen 29 Prozent, denen es im Sommer daheim zu heiß ist – in Städten sind es 41 Prozent. Für stark aufgeheizte Räume oder Schlafräume können außenliegende Rollläden die richtige Lösung sein, weil sie besonders effektiv vor Hitze schützen und abdunkeln. Wer hingegen mehr Tageslicht im Raum behalten möchte, kann auf außenliegende Markisetten setzen. Sie reduzieren den Wärmeeintrag deutlich, lassen aber weiterhin Tageslicht in den Raum. Die ideale Lösung hängt von den jeweiligen Bedürfnissen und Gegebenheiten ab. Wirksamer Hitzeschutz und helle Wohnräume schließen sich dabei nicht aus – beides lässt sich miteinander verbinden.
LEADERSNET: Das Thema Lüften wird im Sommer oft falsch angegangen. Wie lüftet man an heißen Tagen richtig und wie unterscheidet sich ein effektives Sommer-Lüftungskonzept von dem im Winter?
Brunner: Im Winter sollte man stoßlüften, und zwar untertags, wenn es am wärmsten ist. So kann man am schnellsten die Luft im Raum austauschen, ohne dabei viel Wärme nach draußen zu verlieren. Im Sommer dagegen sollte man in den frühen Morgenstunden oder am späten Abend lüften – und zwar für bis zu 30 Minuten. Denn über den Tag hinweg heizen sich nicht nur die Raumluft, sondern auch Wände und Decken auf. Diese Speichermassen geben ihre Wärme nur langsam wieder ab. Genau deshalb reicht ein kurzes Öffnen der Fenster am Abend oft nicht aus. Effektive Sommerlüftung bedeutet: nachts oder sehr früh morgens konsequent lüften, idealerweise querlüften oder über mehrere Geschosse hinweg den Kamineffekt nutzen – und tagsüber Fenster sowie außenliegenden Sonnenschutz geschlossen halten.
LEADERSNET: Velux setzt stark auf automatisierte Fenster und sensorgesteuerte Lüftung. Welchen Vorteil bietet die Digitalisierung gegenüber dem manuellen Fensteröffnen?
Brunner: Um Nachtlüftung optimal zu nutzen, ist es wichtig, konsequent und zum richtigen Zeitpunkt zu lüften. Moderne, intelligente Steuerungssysteme öffnen die Fenster automatisch in den kühlen Nachtstunden und schließen sie rechtzeitig, bevor es am Morgen wieder warm wird. Solche Systeme können per App bedient oder sogar automatisch an das Raumklima angepasst werden. Sie berücksichtigen Außentemperatur, Luftfeuchtigkeit und die gespeicherte Wärme in den Wänden und berechnen so die ideale Lüftungsstrategie. Das erspart nicht nur manuelle Arbeit, sondern optimiert die Kühlwirkung deutlich.
LEADERSNET: Der aktuelle Future of Home Report von Velux beschreibt ein sogenanntes "Komfort-Paradoxon". Die Menschen wissen demnach zwar, wie wichtig Licht und Luft sind, handeln bei Renovierungen aber oft anders. Warum fällt uns die Umsetzung in der Praxis so schwer?
Brunner: Laut unserem Future of Home Report sind die Kosten der Hauptgrund, gefolgt von Zeitmangel und fehlenden Umzugsmöglichkeiten. Das sind natürlich nachvollziehbare Gründe. Viele Menschen denken bei Renovierung zuerst an sichtbare Maßnahmen und Themen wie Tageslicht, Luftqualität, sommerlicher Hitzeschutz oder automatisierte Lüftung wirken auf den ersten Blick weniger greifbar, beeinflussen unseren Alltag aber enorm. Die Qualität eines Zuhauses zeigt sich nicht nur auf der Energierechnung. Entscheidend ist, wie wir uns in unseren eigenen vier Wänden fühlen. Angenehme Temperaturen, frische Luft und viel Tageslicht schaffen ein Umfeld, das Komfort und Wohlbefinden fördert – und damit einen echten Mehrwert für den Alltag bietet.
LEADERSNET: Und zu guter Letzt: Ertappen Sie sich bei privaten Besuchen bei Freund:innen oder Familie im Sommer dabei, dass Sie heimlich das Lüftungsverhalten analysieren und am liebsten die falsch eingestellten Innenrollos eigenhändig ummontieren würden?
Brunner: Ein bisschen schon. Wenn man sich beruflich täglich mit Themen wie Tageslicht, Raumklima und Lüftung beschäftigt, achtet man automatisch auf solche Dinge. Bei mir zu Hause unterstützt mich dabei auch ein Raumsensor, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftqualität misst. Anfangs ist es durchaus gewöhnungsbedürftig. Mit der Zeit entwickelt man aber ein besseres Gespür dafür, wie sich das Raumklima verändert und welche Maßnahmen sinnvoll sind. Im Freundes- und Bekanntenkreis kommen diese Themen deshalb immer wieder zur Sprache. Und wenn dadurch die eine oder andere Person ihr Zuhause im Sommer angenehmer gestalten kann, freut mich das natürlich.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.velux.at
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