Österreich verfügt als Industriestandort weiterhin über wesentliche Stärken. Eine hohe Sicherheit bei der Energieversorgung, eine vergleichsweise gute industrielle Infrastruktur sowie attraktive Rahmenbedingungen für Innovation und Forschung werden von den heimischen Unternehmen positiv bewertet. Gleichzeitig würden diese Vorteile zunehmend von hohen Kosten und wachsendem internationalen Wettbewerbsdruck überlagert, wie der aktuelle WKO-Industrieradar 2026, für den Top-Entscheider:innen von 270 Betrieben befragt wurden (siehe Infobox), zeigt.
Besonders kritisch fällt demnach die Beurteilung der Kostenposition aus. 94 Prozent der befragten Industrieunternehmen sehen Österreich bei den Lohnstückkosten gegenüber wichtigen Wettbewerbsstandorten im Nachteil, 76 Prozent sogar deutlich. Bei den Energiepreisen beurteilen 60 Prozent den heimischen Standort als "deutlich schlechter". Auch die Steuer- und Abgabenbelastung sowie Dauer und Planbarkeit von Genehmigungsverfahren werden überwiegend den Studienautor:innen zufolge negativ bewertet.
Internationaler Wettbewerb erhöht den Druck
Als größte Herausforderung für die kommenden drei bis fünf Jahre nennen 80 Prozent der Unternehmen den internationalen Wettbewerbsdruck. Dahinter folgen Energiepreis- und Versorgungsrisiken mit 71 Prozent sowie Lieferkettenresilienz und Rohstoffzugang mit 64 Prozent. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden von 60 Prozent als wesentliche Herausforderung gesehen.
Quelle: WKO-Wirtschaftsradar 2026
Auffällig sei laut WKO auch die Entwicklung beim Fachkräftemangel. Dieser landet mit 46 Prozent nur noch auf Rang sechs der neun abgefragten Herausforderungen. Die Autor:innen führen diese Verschiebung unter anderem auf den Beschäftigungsabbau der vergangenen Jahre zurück. Für die Betriebe rücke stattdessen zunehmend die Frage in den Vordergrund, ob industrielle Wertschöpfung in Österreich zu international wettbewerbsfähigen Kosten möglich sei.
Konkurrenz aus China nimmt zu
Zusätzlichen Druck erzeuge der Wettbewerb aus China. 54 Prozent der Unternehmen berichten von einer zunehmenden Konkurrenz durch chinesische Anbieter auf ihren Kernmärkten. Unter Betrieben mit einer Exportquote zwischen 76 und 90 Prozent sind es sogar 81 Prozent.
Gleichzeitig beobachten 43 Prozent, dass chinesische Anbieter infolge der US-Zölle verstärkt auf den europäischen Markt ausweichen. Mehr als ein Viertel der Betriebe reagiert auf den daraus resultierenden Preisdruck laut eigenen Angaben bereits mit niedrigeren Preisen oder geringeren Margen. 30 Prozent setzen hingegen auf eine Aufwertung und stärkere Differenzierung ihrer Produkte.
Auch die US-Handelspolitik selbst hinterlässt Spuren: 52 Prozent der befragten Unternehmen seien davon zumindest mittelstark betroffen, 24 Prozent stark oder sehr stark. Besonders deutlich falle die Belastung bei exportorientierten Betrieben aus.
Jedes vierte Unternehmen erwägt Verlagerung
Die Industrie reagiert bereits auf die veränderten Rahmenbedingungen. 97 Prozent der befragten Unternehmen wollen ihre Strategie in den kommenden zwei Jahren anpassen. 82 Prozent planen Kosten- und Effizienzprogramme, 61 Prozent wollen Automatisierung und Digitalisierung ihrer Produktion vorantreiben.
Besonders brisant: Ein Viertel der Unternehmen nennt die Verlagerung von Beschaffung, Produktion oder Vertrieb als strategische Maßnahme für die kommenden 24 Monate. Mittelfristig fällt die Verlagerungsneigung noch höher aus: Auf Sicht von drei bis fünf Jahren halten 43 Prozent eine teilweise Verlagerung von Produktion und Fertigung für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich.
Quelle: WKO-Wirtschaftsradar 2026
Dabei deuteten die Ergebnisse weniger auf einen vollständigen Rückzug aus Österreich als auf eine schrittweise Verlagerung einzelner Unternehmensfunktionen hin. Forschung und Entwicklung, Design sowie Vertrieb seien stärker an den heimischen Standort gebunden, während Teile der Fertigung deutlich mobiler eingeschätzt würden.
Arbeitskosten als Hauptgrund
Bei den Gründen für mögliche Verlagerungen ergibt sich ein eindeutiges Bild: Knapp 96 Prozent jener Unternehmen, die eine Verlagerung für wahrscheinlich halten, nennen Personal- und Lohnkosten als einen der wichtigsten Faktoren. Mit deutlichem Abstand folgen Steuern und Abgaben mit rund 43 Prozent sowie Energie- und Rohstoffkosten mit 34 Prozent.
Entsprechend fallen die Forderungen an die Politik aus. 86 Prozent sehen eine Entlastung des Faktors Arbeit – etwa durch geringere Lohnnebenkosten oder die Einkommensteuer – unter den drei wirksamsten Maßnahmen zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit. 63 Prozent nennen den Abbau von Berichtspflichten und administrativen Belastungen, 49 Prozent niedrigere Energiepreise.
Auf europäischer Ebene steht eine einheitlichere und besser planbare Regulierung beziehungsweise der Bürokratieabbau mit 71 Prozent an erster Stelle. 49 Prozent wünschen sich eine Stärkung des EU-Binnenmarkts, 39 Prozent eine stärkere Rohstoff- und Resilienzpolitik.
www.wko.at
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