Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni erstmals seit 2023 die Leitzinsen angehoben hatte (LEADERSNET berichtete), im Juli zunächst eine Zinspause einlegte (LEADERSNET berichtete) und im September eine weitere Zinserhöhung folgte (LEADERSNET berichtete), verzichtet die Notenbank nun auf eine erneute Anpassung. Der EZB-Rat entschied am Donnerstag, sämtliche drei Leitzinssätze auf ihrem bisherigen Niveau zu belassen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde ihr Amt bereits im Februar 2027 und damit mehrere Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit niederlegen wird.
Steigende Energiepreise erhöhen wirtschaftliche Risiken
Der Zinssatz für die Einlagefazilität bleibt damit bei 2,50 Prozent. Auch der Hauptrefinanzierungssatz von 2,65 Prozent und der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität von 2,90 Prozent werden nicht verändert.
Die Entscheidung fällt in eine Phase erhöhter wirtschaftlicher Unsicherheit. Insbesondere die anziehenden Energiepreise bereiten den Währungshüter:innen Sorgen. Sie könnten einerseits den Preisauftrieb verstärken und andererseits die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum beeinträchtigen.
Bislang zeigt sich die zugrunde liegende Inflation allerdings weitgehend stabil. Auch bei der Lohnentwicklung sind nach Einschätzung der EZB noch keine nennenswerten Auswirkungen des Energiepreisanstiegs erkennbar. Die Notenbank geht jedoch davon aus, dass sich die Folgen des Energieschocks erst nach und nach vollständig bemerkbar machen werden. Je stärker und länger die Belastungen anhalten, desto größer könnten die Auswirkungen auf die Teuerung und das Wirtschaftswachstum ausfallen.
Hinzu kommt, dass sich die Finanzierungsbedingungen seit der vergangenen Ratssitzung verschlechtert haben. Diese Entwicklung dürfte sowohl die wirtschaftliche Aktivität als auch den Inflationsdruck bremsen.
Weitere Zinsschritte bleiben offen
Ungeachtet der aktuellen Herausforderungen hält die EZB an ihrem mittelfristigen Inflationsziel von zwei Prozent fest. Welche geldpolitischen Maßnahmen dafür künftig erforderlich sein werden, soll jeweils anhand der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen entschieden werden.
Dabei berücksichtigt der EZB-Rat neben den Inflationsprognosen und bestehenden Risiken auch die jüngsten Wirtschafts- und Finanzdaten. Ebenso fließen die Entwicklung der zugrunde liegenden Teuerung sowie die Wirkung der bisherigen geldpolitischen Maßnahmen in die Entscheidungen ein.
Eine verbindliche Festlegung auf weitere Zinserhöhungen oder Zinssenkungen gibt es daher nicht. Stattdessen will die Notenbank ihren Kurs weiterhin von Sitzung zu Sitzung bestimmen.
Christine Lagarde verlässt die EZB vorzeitig
Neben der Zinsentscheidung sorgt auch eine Personalentscheidung an der Spitze der Notenbank für Aufmerksamkeit. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird ihre Funktion mit 7. Februar 2027 zurücklegen. Die Französin informierte darüber sowohl den EZB-Rat als auch den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa.
Damit endet ihre Amtszeit deutlich früher als ursprünglich vorgesehen. Regulär hätte Lagarde, die seit 2019 an der Spitze der Europäischen Zentralbank steht, ihr achtjähriges Mandat erst Ende Oktober 2027 abgeschlossen.
Nachfolge soll noch vor der Frankreich-Wahl geklärt werden
Der Zeitpunkt ihres Rückzugs ist auch politisch von Bedeutung. Im April 2027 steht in Frankreich die Präsidentschaftswahl an, bei der Amtsinhaber Emmanuel Macron nicht erneut kandidieren darf. Durch Lagardes früheres Ausscheiden besteht nun die Möglichkeit, die Nachfolge noch vor dieser Wahl zu regeln.
Als möglicher Hintergrund gelten laut Medienberichten Befürchtungen über einen Wahlerfolg eurokritischer Kräfte rund um Marine Le Pen. Ein entsprechender politischer Machtwechsel könnte die Einigung auf eine neue EZB-Führung erschweren. Der vorgezogene Rücktritt eröffnet Macron und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz somit die Gelegenheit, die Personalfrage bereits zuvor zu klären.
Zwischenzeitlich war auch über einen möglichen Wechsel Lagardes zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in der Schweiz spekuliert worden. Eine Stellungnahme dazu gab es seitens des WEF am Donnerstag nicht.
Wer Lagarde nachfolgen wird, ist derzeit noch offen. Medien berichten, dass zu den aussichtsreichsten Kandidat:innen der ehemalige niederländische Notenbankchef Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos, der derzeit die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) leitet, zählen. Auch Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, hat Interesse an der Position erkennen lassen.
Die Bestellung der neuen EZB-Präsidentin beziehungsweise des neuen EZB-Präsidenten erfolgt durch den Europäischen Rat auf Grundlage des im EU-Vertrag vorgesehenen Verfahrens.
www.ecb.europa.eu
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